„Alles gut?!“ begrüßt mich der Kellner auch am 4. Morgen wieder zum Frühstück und ergänzt in der Vollversion „haben Sie gut geschlafen?“. Sein Blick signalisiert kein wirkliches Interesse und im Idealfall hätte ich „ALLES GUT“ antworten müssen. So wie man das jetzt eben macht. Am 4. Morgen habe ich es aber nicht. Stattdessen platzt es aus mir heraus: „Nein, bei mir ist nicht alles gut, bei Ihnen etwa?!“ Ich habe es nämlich einfach richtig satt, wenn Menschen mir mit solchen Floskeln auf die Nerven gehen. Jetzt hatte ich den Spieß einfach umgedreht, fühlte mich augenblicklich wohler und schaute in sein einigermaßen verdutztes Gesicht. Er murmelte etwas Unverständliches und wandte sich blitzschnell ab, um der misslichen Situation zu entkommen.

Dieser Alles-ist-gut-Trend ist ohnehin völlig überzogen und fällt mir in letzter Zeit nicht nur auf Instagram auf. Ich glaube, wir kennen sie alle, also die Menschen bei denen alles immer toll ist.

Im Urlaub ist IMMER alles super, die haben IMMER super Wetter (auch wenn‘s schüttet), das Essen ist IMMER fantastisch (weil ausgerechnet sie den besten Italiener am Platz gefunden haben und der Chef sie dort jeden Abend persönlich bedient hat), der Strand ist IMMER perfekt und das Hotel – wie kann es anders sein – einfach IMMER ein Geheimtipp (weil deren Reisebüro grundsätzlich nur solche Kracher parat hat). Aber es ist natürlich nicht nur im Urlaub alles super, auch im Rest vom Leben werden die Mega-Erfolge aufgezählt und gefeiert; klar, wenn der zweite Vorname „Perfektion“ ist.  Im Job voll durchgestartet, Kohle ohne Ende, die Kiddies wahre Helden – Ehe und Familie ein echtes Träumchen. Und wenn dann trotzdem mal ein Stein ins Traumleben fällt, dann ist selbstverständlich gleich der beste Arzt ever auf dem Plan, der alles richtet. Kein Wunder, wenn der beste Freund den ganz schnell ausgegrabenen Dr. Oberguru auf seinem Privat-Handy für die SOS Hilfe angesimst hat.

Alles gut?!

Puh, das nervt. Im ersten Moment kommt man sich irgendwie ziemlich miesepetrig und klein vor. Der Vergleich zum eigenen Leben macht schlechte Laune, wenn man nicht schnell genug mit auf den Höhenflug aufsteigt und die immer-alles-gut-Nummer mitspielt. Kann ich zwar, will ich aber gar nicht. Ich will Menschen um mich herum, die einfach ganz normal sind, die mir ihr echtes Gesicht zeigen und von den Höhen genauso erzählen können wie von den Tiefen. Im besten Fall mit einem sonnigen Gemüt, einem empathischen Wesen und einem positiven Geist, mit dem man den echten Spaß haben kann. In Sweatshirt und Pantoffeln einfach zusammen sein und sich die Wahrheit erzählen. Lachen. Vielleicht auch weinen.

Oder gibt es tatsächlich jemanden, bei dem immer alles gut ist? Ich glaube das nicht. Ich glaube viel eher, dass sich eben genau jene, die nach außen hin das Gefühl vermitteln, dass bei Ihnen die Sonne sogar aus dem Hintern scheint, ziemlich minderwertig fühlen und sich dem zwanghaften Gefühl unterwerfen, etwas Tolles darstellen zu müssen. Anderenfalls könnte man Ihnen ja draufkommen, dass sie dann und wann auch mal schwach sind.

Ich schätze, der Wind, der hinter ihren Vorzeigegardinen weht, ist genau der gleiche, wie in meiner Bude mit Standard-Gardinen und ehrlich gesagt könnte ich mir durchaus vorstellen, dass es hinter dem Edel-Stöffchen manchmal ganz schön zieht. Jedenfalls beruhigt mich die Überlegung.

Aber zurück zum Kellner: das neuerdings geflügelte „Alles gut?!“ zur Begrüßung ist genau genommen absurd, weil kein Mensch wirklich eine Antwort darauf haben will. Jedenfalls keine, die inhaltlich auf eine Erwiderung der eigenen Verfassung abstellt. Im Fall vom Kellner darf es deshalb für mich sehr gerne ein vielleicht altmodisches: „Einen wunderschönen guten Morgen“ sein und trotz verbaler Modeerscheinungen bleiben.

Dann ist für mich alles gut! 😊


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