Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Vier Monate nachdem ich mich als Kandidatin für eine RTL Quiz-Show beworben hatte und schon gar nicht mehr daran dachte, erhielt ich einen Anruf von WarnerBros. Eine nette Dame wollte mir mal schnell ein paar Wissensfragen stellen. Es dauere nur 20 Minuten. Nun, daraus wurden 45 Minuten, denn nach den 40 Fragen aus verschiedenen Wissensgebieten drehte sich das Gespräch mehr um meine Person. Sie würde wieder von sich hören lassen. Wieder vergingen zwei Monate und da ich einige Fragen nicht wußte, war ich wohl aus dem Rennen. Aber weit gefehlt. Im zweiten Teil des Telefon-Castings bestätigte man mir, daß ich im Auswahlkreis sei und man ein Superquiz vorbereite nach dem Muster der härtesten Quiz-Show Amerikas: „500 Questions“ mit einem Jackpot von 2,5 Mio EURO. Man kündigte mir eine Einladung zum Kameratest an.

Dort wurden wiederum 40 Fragen im Schelldurchlauf gestellt und mehrere Fragebögen waren auszufüllen. U.a. wollte das Casting-Team wissen, was ich wohl mit gewonnenen Geld machen würde, etc. (ich würde eine Insel kaufen). Das direkte Aufeinandertreffen potentieller Auswahlkandidaten sorgte vor Ort für eine gewisse Spannung. Locker und sehr höflich hingegen war das 4-köpfige Kamerateam, das mich abschließend wissen ließ, daß neben Wissen auch das Gesamtpaket stimmen müsse, um in den Kandidatenkreis aufgenommen zu werden. Was neben Witz und Schlagfertigkeit genau gemeint war, blieb offen.

Nach wie vor nicht nennen wollte man mir die zentrale Figur des Geschehens, den Moderator. Stattdessen wurde ich gefragt, wen ich mir wohl wünschen (z.B. Bernhard Hoecker) oder nicht wünschen würde. Bingo, bei Nennung meines einzigen Ausschlußnamens hatte ich wohl in’s Schwarze getroffen, denn die Herren verdrehten die Augen und wollten meine Gründe wissen. Teils lachten wir gemeinsam, denn ER sei schon „speziell“ und halt deerrr Topstar unter den Quizmoderatoren.

Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wurde ich letztlich Showkandidatin und stellte mich einem letzten Streßtest vor Aufzeichnung in Köln. Vor Ort wieder endloses Warten, Erklärungen zum Regelwerk, Studioführung, Stellproben, Produktion eines persönlichen Kandidatentrailers, Festlegen von Makeup und Styling, etc. Im Studio nebenan wurde übrigens gerade „Let’s Dance“ gedreht und Juror Jorge G. tippelte hektisch umher. Übrigens, den Cubano schon mal mit Locken gesehen? Gefällt mir so besser.

Nun traf ich auch auf meine zehn Kollegen (darunter zwei Kolleginnen) und mir wurde langsam klar, auf was ich mich da eingelassen hatte. Fast alle waren in einem sog. Quiz-Club und nahmen regelmäßig an Wettkämpfen bis hin zur Quiz-WM teil. Bis dahin wußte ich gar nicht, daß es so etwas überhaupt gibt. Jeder wollte als Herausforderer an das Pult treten und möglichst viel Geld abräumen. Die Sache hatte nur einen Haken: man durfte beim „Wand abräumen“  so gut wie keinen Fehler machen, um das erspielte Guthaben nicht auf einen Schlag wieder zu verlieren. Tag und Nacht beteten meine Mitstreiter umfangreiches Lexikon- und aktuelles Zeitungswissen vor sich her – einschließlich Regenbogenpresse. Denn alles konnte drankommen: vom Vornamen der Mutter Katzenberger bis zum Brückenname über das Kattegat/ Skagerrak (zwischen Dänemark und Schweden) … und teils spielte auch die Antwortgeschwindigkeit eine Rolle. Alles offene Fragen, keine stützenden Auswahlantworten oder gar Joker.

Irgendwann ging’s los und wir wurden verkabelt, d.h. das kleine Funkmikrophon  hinten an den Hosenbund gesteckt, Bluse drüber – fertig (das kleine Gerät wird mit der Zeit doch recht warm). Ich war für die erste Staffel (fünf Aufzeichnungstage bzw. Sendungen a 90 Minuten) als Nummer acht oder neun gesetzt (aus 1.500 Bewerbern). Für die ersten beiden Kandidaten kam das Aus schnell.  Dann betrat als Nr. 3 ein echter Quiz-Champ bzw. Quiz-Nerd die Bühne und spielte fast drei Sendungen, d.h. komplette Quiz-Wände sortiert nach Themengruppen durch und konnte nach 196 richtig beantworteten Fragen EURO 118.000.– mit nach Hause nehmen. Weitere EURO 122.000.- blieben ihm versagt, als er letztlich daran scheiterte innerhalb von fünf Sekunden nicht zu wissen, ob Prinz August von Hannover auch Herzog von Braunschweig und … Lüneburg (?) sei. Die brauchte der ewige Student M.M. auch, um weiterhin seinen Lebensunterhalt finanzieren und seinen Bankkredit abzahlen zu können. Ein Jahr durch Australien touren wolle er mit dem Restgeld oder dergleichen.

Es ging weiter, meine Chance rückte näher; raus gehen und das Ding rocken. Ob und wann man drankam, wußte man allerdings nie genau. Alle mußten jedoch stets um 13.00 Uhr im Studio sein, dann gab es ein gutes Mittagsbuffet, in Folge wurde man gestylt und das Garderoben-Team bügelte täglich unsere Hemden und Blusen. Die Aufzeichnungen begannen jedoch stets erst um 19.00 Uhr – uff – angespannte Stunden hinter den Kulissen, die zermürbend waren und ohne, daß sich „der Meister“ je hätte sehen lassen (wohnte natürlich im Firstclass- Hotel, ähnlich hofiert, wie die Tanz-Promis).

Gewöhnungsbedürftig ist so eine Show auch für „ungeübtes“ Publikum (einige kamen über 400 km angereist). Einlaß gegen kleines Geld war eine Stunde vor Beginn; es folgten Erklärungen und Verhaltensregeln, denn:  wann, wer, was, wie lange oder intensiv bejubelt oder beklatscht, bestimmt einzig ein Einweiser mittels Schildermaterial. Nicht zu vergessen den „Einheizer“, dessen Aufgabe es ist, die Massen vorab in Stimmung zu bringen.  Für einige Begleiter (wie für einen Mann, der im Publikum saß), war dies von kindlicher Fragwürdigkeit, zumal es sich ja nicht um eine Koch-Show oder banale Verkaufssendung handelte.

Licht aus, alles schwarz, Spot an… kreisende Scheinwerfer, zuckende Farben und Lichtblitze, ein dröhnender Tusch. Backstage im Callroom verfolgen wir, die Kandidaten, das Geschehen am Monitor. Das Publikum hat nur noch Augen für den bekannten Showmaster, der routiniert moderiert, intelligent hinter seine Brille hervorschaut. Er hat gut lachen, denn er selbst hält alle Antworten auf seinen Karten (nie ohne) parat; außerdem gibt es einen Schiedsrichter bzw. Kontroller.

Die Tage vergehen, und nach fünf Aufzeichnungen geht als letzter Kandidat die Nummer sieben an’s heiße Ratepult. Dann ist Schluß. Außer Spesen, nichts gewesen, aber wer weiß, was mir erspart geblieben ist. Im Sessel ist man immer schlauer und der mentale Druck ist schon enorm. Und auch die (Print) Medien betiteln Intelligenz gerne sarkastisch … „“J‘s“ Wunderknabe ist raus“ oder „allwissender Kandidat blamiert sich“ etc. Andererseits gab es auch viele positive Momente; da wurde gemeinsam gescherzt, gelacht und gelästert. Gleich am zweiten Tag begegneten mir vor dem Hotel bei Abholung prompt zwei Schornsteinfeger; sie wünschten mir viel Glück und gaben mir eine Art Innungsmünze.

Extrem cool und gelassen gehen solche Show-Aufzeichnungen die Kameraleute an, die jede Einstellung aus dem FF beherrschen, zuvor erst einmal ausgiebig das Abend-Buffet genießen und gerne pünktlich nach Hause gehen.

Es bliebe noch so manches Detail zu erwähnen, aber natürlich haben alle Kandidaten zuvor seitenlange Verträge u.a. zur Schweigepflicht und 2-jähriger Teilnahmeabstinenz an anderen TV-Shows unterschrieben (auch privates Fotografieren im Studio war eigentlich verboten) …  Denke ich zurück, gilt allen meinen seinerzeitigen Mitstreitern  mein höchster Respekt.

Petra
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