Auf der Alm da gibt’s koa Sünd? … das mag eine Definitionsfrage sein. Aber wenn dem so ist, liegt das daran, dass die Arbeit wirklich hart ist und müde macht. Also keine Zeit oder überschüssige Kraft mehr für „die Sünd““ bleibt.

„Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen Mühe“. Wer viel arbeitet, kann und versteht es auch zu feiern. Das ist im gesamten Alpenraum meist der Fall, wenn der Almauftrieb oder -abtrieb ansteht. Insbesondere, wenn auf der (Hoch)alm den Sommer über alles gut gegangen und kein Tier zu Schaden gekommen ist, werden die Tiere oder zumindest die Leitkuh mit Blumen und Zweigen geschmückt.

Sind alle Hirten und/ oder Sennerinnen Aussteiger oder gar Sonderlinge? Keineswegs, die Jobs sind zwar nicht gut bezahlt, aber teils heiß begehrt. Mal etwas Abstand von der „Hyper-Zivilisation“ gewinnen, den Kopf frei kriegen oder sein eigener Herr sein, ist heute auch bei jungen Leuten sehr beliebt.

Das wollte auch ich mal ausprobieren, allerdings nur für eine Woche. Mit dem Wetter hatte ich Anfang Juni in der Schweiz (in der Nähe von Zweisimmen) schon mal Glück, denn in der Nacht wird es in der Höhe (hier 1.800 m) trotz Sonnenschein am Tag immer noch recht kalt. Warum das wichtig ist?

Nun, das „Häuschen“ liegt außerhalb der Hütte und ohne Strom und Wasser heißt es – neben vielen anderen Arbeiten wie Heumachen, Stallmisten und ggf. Käsen – Holz hacken, Holz hacken, …hacken (nach ein paar Schlägen habe ich bereits eine Blase am Finger). Sonst bleibt es kalt und nicht nur der Morgenkaffee läßt auf sich warten. Planung ist hier alles.

Fließendes Wasser gibt es zwar, nur kommt es nicht aus dem Hahn, sondern fließt abgeleitet von einem Bach als Rinnsal in bzw. durch das Baumstammbecken. Brr, das frische Naß ist so kalt, daß einem beim Zähneputzen das Zahnfleisch erstarrt und auch ansonsten Gänsehaut auf allen Körperteilen erzeugt.

Solange man nur einige Tage diesem Tagwerk nachgeht, ist jeder Sonnenuntergang für wahr romantisch und Essen bei Kerzenschein urig gemütlich. Unerwartet schnell schleicht sich der Dunst  des Holzofens trotz Abzug vom Hauptraum in den Schlafraum nebenan. Alles, vor allem Kleidung (auch in den Schränken), riecht dann wie geräuchert.

Unmittelbar vor der Hütte haben es sich zwei Kälbchen gemütlich gemacht. Innerhalb einer Herde gibt es wie bei den Menschen auch, die anhänglichen, neugierigen oder widerspenstigen Typen. Einige mögen sich und stehen zusammen (meist Geschwister), andere nicht und sind Einzelgänger. Ich persönlich mag das regelmäßige Gebimmel ihrer Glocken. Erfahrene Hirten sagen, daran alle Tiere schon von weiten auseinander halten und hören zu können, ob alles okay sei.

So ein Wiederkäuer (egal, ob Milchkuh oder Jungbulle) hat vier Mägen. Da eine Kuh täglich bis zu 15 kg Heu (Mais oder Silofutter) oder 90 kg Wiesengras futtern kann, heißt es 20 Stunden am Tag fressen und kauen  … und bedeutet folglich Dauergebimmel.

Resi, Mari und Tolle, die ausgewachsenen Milchkühe, müssen zweimal am Tag gemolken werden und haben je nach Rasse eine tägliche Milchleistung von ca. 20 Liter (bei 4% Fett und 3,5% Eiweiß). Die Jahresproduktion in Deutschland liegt laut Statistik bei ca. 30 Milliarden Liter.

Die vier fleischigen Zitzen der Euter fühlen sich zart an und vertragen schon mal einen ungeübten Griff. „Strip-strap-strull“ klappt nach einiger Zeit recht gut; größere Betriebe melken natürlich maschinell per Saugstutzen.

Die lauwarme, vollfette Milch ist einfach köstlich.

Beim Almabtrieb kommen oft zuerst die Schafe herunter, da sie sehr flink sind. In aller Munde ist aktuell das Thema „Wolf“. Kein Wunder, das diese Spezies wieder auf dem Vormarsch ist, denn man schätzt, daß auf der Welt inzwischen etwa eine Milliarde Schafe leben.

In Neuseeland kamen 2001 auf einen Einwohner 12 Schafe, macht 48 Mio. Schafe scheren ist dort  eine Art Sport-Event. Auch der Weltmeister im Schafe scheren kommt häufig aus Neuseeland und schafft pro Stunde bis zu 150 Stück. D.h. je nachdem, ob mit der Hand oder per Elektroschere gearbeitet wird, benötigt er zwischen 20 Sekunden und zwei Minuten pro Tier. Aber nicht nur Tempo, sondern auch Technik werden bei der „Golden Shear“ bewertet.

 

Ich hab’s mal versucht, konnte den „Rasierer“ aber gar nicht erst ansetzen, da es schon Kraft und Technik bedarf, so ein Schaf mit einer Hand und Kniegriff fest und ruhig zu halten. Greift man in den Wollpelz hinein, spürt man in der Tiefe sofort die Körperwärme und den fettenden Effekt der Haare bzw. das  Wollwachs, auch Lanolin genannt.         Obwohl die Wolle – meist vom Merino-Schaf – heute kaum mehr eine Rolle spielt (vorrangig Fleischverkauf, Landschaftspflege und Milch-/ Käsewirtschaft), muß der Pelz trotzdem im Sommer runter.

 

Übrigens, Speiseeis aus Schafsmilch ist aufgrund seiner cremigen Konsistenz nicht nur für Allergiker der Renner – unbedingt mal probieren.

(Haus)Schafe zählen zu den ältesten Haus-/ Nutztieren überhaupt (seit 8.000 Jahren). Lämmerzeit ist bei Stalltieren meist im Februar, bei Freilebenden eher im Sommer. Und da ein Bock am Tag bis zu 50 Begattungen vornehmen kann, … wie war das doch gleich mit der Sünd‘?

Übrigens liegen heute nicht alle Almen abseits und müssen zu Fuß erklommen werden. Viele sind bereits per Fahrzeug auf Schotterwegen erreichbar. Das Befahren dieser Wege ist i.d.R.  allerdings nur in Ausnahmefällen und mit Sondergenehmigung erlaubt.

Wer mal Erfahrungen als Hirte oder Almhelferin sammeln möchte oder in der Alm-Gastronomie tätig sein möchte, findet hier weitere Informationen:

https://www.alpenverein.de/natur/naturschutzverband/aktiv-werden/mithilfe-bergbauern-alpen-freiwillig-helfen-_aid_10233.html

https://www.almwirtschaft.com/01/services/anzeigen-stellenmarkt.htm

https://www.schoenebergtouren.de/huettenjobs/

 

Im ersten Jahr sei es Streß, ab dem dritten Jahr ein Genuß. Auf geht’s … hoch hinaus!

Mythos Alpenidylle? Weit gefehlt, denn ja nach Örtlichkeit lauern auch Gefahren wie Steinschlag, Zecken, Unwetter oder rutschiger Mist.

Ob Albtraum oder Alptraum mag jeder selbst entscheiden. Einem Wunder bin ich nicht begegnet, aber mir selbst.

P.S.  Bei anderer Gelegenheit war ich mal auf einer Ziegenwanderung; ich wußte gar nicht wie groß und kräftig diese Tiere – je nach Rasse –  sein  können.

Petra
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