Nimm‘ mich mit Kapitän auf die Reise, fern ab vom Massentourismus auf Mega-Linern und schwimmenden Spielhöllen. Als Kreuzfahrtschiffe noch wie Schiffe und nicht wie Wohnblocks aussahen (heutige Ausnahme die skandinavische Hurtigruten-Flotte) und eine gewisse Individualität hatten, habe ich dieses Kapitel 1986 mit einer Reise durch den Pazifik abgeschlossen.

 

An einem Samstagmorgen ist es endlich so weit. Im Mannheimer Hafen (Neckar/Salzkai) gehen wir an Bord der „Sjouwer I und II“ (gesprochen Schauer). Unser Zuhause für die nächsten vier Tage ist ein Schub- bzw. Koppelverband unter niederländischer Flagge mit holländischer (3) und philippinischer Besatzung (2).  Mit Baujahr 2009 ist sie noch ein „junger Hupfer“.

Kapitän Folkert-Jan empfängt uns freundlich per Handschlag und selbstverständlich spricht er auch Deutsch. Während einer kleinen Ladepause zeigt er uns sein Reich (bis hinunter in den Maschinenraum), das immerhin 190 m lang und 11,50 m breit ist (3.200 Bruttoregistertonnen bei 3,60 Tiefgang).

Die beiden 16-Zylinder-Diesel-Motoren bringen es auf 3.400 PS. Während der Talfahrt auf dem Rhein in Richtung Antwerpen und Rotterdam geht es mit 17 Std/ km flott dahin; auf der Bergfahrt in umgekehrter Richtung halbiert sich die Geschwindigkeit (und verdreifacht sich der Dieselverbrauch auf 150 l pro Stunde), je nachdem wieviel geladen wurde.

Die Fracht besteht meist aus Containern bzw. Stückgut; es kann aber auch mal Massen- oder Schüttgut wie Sand oder Kohle geladen werden.

Da die Schiffsbrücke höhenverstellbar ist, können bis zu fünf sog. ISO-Container zu 20 oder 40 Fuß (12,1 x 2,4 x 2,6 m) übereinander geladen werden. D.h. es können ca. 400 Container transportiert werden, was allerdings eine Zeit dauert. Entscheidend ist das Rein- und Raus-Management, denn die Reihenfolge der rollierenden Be- und Entladung in den unterschiedlichen Häfen ist ebenso entscheidend, wie Standort und Gewicht der Container bei unterschiedlicher Wassertiefe, etc.

Weltweit sind rund 15 Mio Container unterwegs; auch eine Folge der Globalisierung.

Übrigens ein tolles Gefühl, wenn das Steuerhaus langsam immer höher fährt (bis zu 15 m). Dann sieht das Vorschiff klein aus und fast so, als ob es ein anderes vorausfahrendes Schiff wäre.

Die Sjouwer hat auch einen eigenen Ladekran an Bord, der bis zu 2,1 Tonnen heben kann. Schnell schwebt unser Auto heran und landet achtern neben den beiden Fahrzeugen der Besatzung an Bord.

Gegen 14.00 Uhr legen wir ab, d.h. Bugstrahlruder und Schraube sprudeln los und schon parken wir diagonal wie ein Auto aus. Es geht vorbei an den Chemie-Anlagen der BASF, dem Dom zu Worms und herrlich einsamen Rheinauen bis zur Loreley.  Es wird langsam dunkel und kurz nach dem Deutschen Eck in Koblenz überkommt uns gegen 23.30 Uhr die Müdigkeit. Trotz leichtem Vibrieren und hörbaren Maschinen-/ Abluftgeräuschen schlafen wir hervorragend. Die Kabine ist mit ca. 16 qm angenehm groß und die Matratze hervorragend. Gleich nebenan sind Toilette und Bad (samt Dusche und Waschmaschine).

Auf gleicher Ebene befinden sich eine große volleingerichtete Küche sowie ein Wohnzimmer mit Eckbank, Sesseln und Satelliten-TV. Weitere drei Kabinen und das Kapitäns-Apartment schließen sich an (alles perfekt sauber und klimatisiert).

Gegessen wird oben im Steuerhaus mit bester Aussicht, denn das Schiff fährt Tag und Nacht und stoppt nur für Ladevorgänge. Dabei wechselt sich die Mannschaft routiniert ab. Gegessen wird, wenn Zeit dafür ist, d.h. während des Tages bedient sich jeder aus den reich gefüllten Kühlschränken nach Belieben, Abendessen gibt es gegen 18.00 Uhr, meist persönlich vom Kapitän gekocht (leckere Gerichte wie feurige Fleischröllchen, Endivien-Kartoffelbrei oder einer Art Bami Goreng mit scharfer Erdnußsoße (alles frische Zutaten), dazu Getränke aller Art.

Kapitän Folkert-Jan, ein stolzer Friese, liebt seine Schiffe und empfindet selbst die anstrengenden Wechselschichten fast als Ferien. Wer auf diesem Schiff arbeitet, hat es generell gut, denn auf 14 Tage Arbeit, folgt eine ebenso lange Freischicht.

Die Stimmung ist bei aller Konzentration auf Steuerung und Ladekonzept stets locker und die Mannschaft hat für jede Frage in offenes Ohr.  Einzig der permanente Sprechfunkverkehr mit Kontrollstationen oder anderen Schiffen unterbricht die familiäre Atmosphäre. … hallo Sjouwer, Sjouwer …

Mein persönliches Highlight ist das Schiff für 15 Minuten zu steuern. Mit Unterstützung eines elektronischen Steuersystems und unter den Augen des Kapitäns gelingt das an einer einfachen Stelle und wenig Verkehr recht gut, wenn man weiß, wo „Backbord“ (links) und „Steuerbord“ (rechts) ist. Umgeben vom Cockpit (Bildschirme reichen in jeden Winkel des Schiffes, Instrumente zeigen Tiefen- und Geschwindigkeit an etc.) im bequemen Ledersessel spürt man am nur 10 Zentimeter langen Joystick eine regelrechte Erhabenheit.

Weiter geht’s vorbei an Duisburg (größter Binnenhafen Europas) und riesigen Industrieanlagen von Thyssen-Krupp.  Abends erwartet uns eine Überraschung, denn in Nijmegen ist gerade Sommernachtsfest mit großem Feuerwerk „Waal in Flammen“ (so heißt der Teil des Rheines ab Holland). Wir stehen in der ersten Reihe und erfreuen uns an dem Lichtermeer.

Tief in der Nacht schließlich ein Rumpeln, weil wir in eine Schleuse einlaufen. Da ein Schiff keine Bremse hat, bleibt nur sich mit langsamer Fahrt einem Ziel zu näheren und ggf. die Schraube rückwärts drehen zu lassen, um zum Stillstand zu kommen oder sich im Strom auf einem Punkt zu halten. Auch am Tage ist eine Schleusung zusammen mit anderen Schiffen immer interessant, da nach Anmeldung ein Platz zugewiesen wird und eine Hebung oder Senkung erfolgt. Die sog. Kammerschleusen sind meist 300 m lang und 25 m breit.

Am dritten Tag erwartet uns schließlich der riesige Überseehafen vor den Toren von Antwerpen. Jetzt sind wir nicht mehr eines der größten, sondern eines der kleinsten Schiffe. Der Tanz der „Elefanten“ und diversen anderen Laufkatzen, sowie das Blinken und Piepen der aktiven Kräne hört sich an wie Manhatten und sieht gerade am Abend wie eine endlose, perfekt eingespielte Choreographie aus. Ein Ort der niemals schläft:  24 Stunden, 7 Tage die Woche.

Hier kann der Tidenhub bis zu fünf Metern betragen bei einer Mindestbeckentiefe von 15 Metern.

Wenn ein Container entnommen wird, schwankt selbst dieses große Stahlschiff unter dem Gewichtswechsel; wenn einer abgesetzt wird, rumpelt und bebt es gewaltig. Und zwar auch dann, wenn ein gefühlvoller Kranführer am Werk ist und die riesen Teile Zentimeter genau übereinanderstapelt.

Es bliebe noch viel zu erzählen, aber am besten ist es, sich selbst einen Eindruck davon zu verschaffen.  Der Tagespreis liegt bei ca. EURO 110.-, wobei der Begriff „all-inklusiv“ mal nicht negativ besetzt.

Der Kontakt zu dem Vermittler Alex Mutsaars in Tilburg (spricht auch gut Deutsch und Englisch) lautet: http://de.binnenvaartcruises.nl/home oder info@binnenvaartcruises.nl

 

An Bord heißt es im Innenbereich übrigens immer „Schuhe aus“ und geht man während der Fahrt entlang der Gangway, ist eine Schwimmweste zu tragen. Sicherheit ist oberstes Gebot.

Etwas wehmütig klettern wir am Dienstagmorgen von Bord. Der feste Boden und die reale Welt haben uns wieder. Unsere Erwartungen haben sich zu 120% erfüllt. Danke für die Gastfreundschaft.

Schiff AHOI und immer eine Hand breit Wasser unter dem Kiel …… wir behalten die Sjouwer und ihre Besatzung in guter Erinnerung und gehen sicher mal wieder an Bord, oder winken rüber, wenn die „weiß-blaue holländische Lady“ mal wieder einmal in Mannheim oder Speyer vorbeikommt.

 

Keine Werbung, sondern ein „MUST-HAVE“ für alle Wasser-Freunde

Petra
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