Graffiti-Künstler stehen heute nicht mehr in der illegalen Schmuddel-Ecke. Sie sind gefragt, um öffentliche Wände thematisch zu gestalten oder Farbe in Räume zu bringen. In meinem Fall ist es die 35 Quadratmeter große Wand (samt Tür) eines Jugendzentrums.

Endlich hat es mit einem Termin geklappt und ich treffe Grazian (hat schon im Team mit Größen dieses Fachs in Berlin gesprüht hat) und Erik bereits in voller Aktion an. Da es sich um eine Auftragsarbeit handelt und nicht um ein freies Werk, wird zunächst per Overhead-Projektor eine Grobzeichnung an die Wand geworfen. Das geht schneller und garantiert die gleichmäßige Ausrichtung von Schriftzug und Bild.

Dann heißt es erst einmal die benötigten Farben rauszusuchen, d. h. aus einer Armada von Sprühdosen und vor allem verschieden Sprühköpfen zu wählen. Die sog. „Caps“ haben unterschiedlich große Sprühventile (z.B. 0,02 mm), wodurch Präzision und Strahlstärke gesteuert werden kann. Viele Sprühköpfe haben in Fachkreisen übrigens Namen wie „Skinny“ oder „Junkie“. Letzterer hat einen feinen Rüsselaufsatz am Sprühventil.

Übung, jahrelange Erfahrung und persönliche Fähigkeiten bleiben natürlich das wichtigste Gestaltungselement.

Billig ist dieser „Kunst-Spaß“ – je nach Größe des Objektes – keineswegs, denn die Dosen kosten i.d.R. zwischen EURO 3,50 und 8,50, spezielle (Gold)Lacke und Stifte aber auch mal EURO 25.- das Stück. Ein paar Quadratmeter kommen da immer schnell zusammen.

Aber weiter:  Schütteln, schütteln, … und immer wieder schütteln, um die Farben per Klack, klack geschmeidig zu machen.  Handhaltung der Dose und das Spiel mit dem Zeigefinger auf dem Sprühkopf sind neben der Distanz zur Wand die wesentlichen Technikelemente um das Gelingen zu garantieren. Grundsätzlich gilt: je näher, umso präziser und schmaler die Linie. Je weiter weg, umso größer, aber auch ungenauer sind Spühbreite bzw. Sprühnebel und mithin die Deckkraft.

Langsam riecht es im Raum trotz geöffneter Tür wie an einer Tankstelle nach Lack und Lösungsmitteln wie Terpentin und Aceton. Letzteres gibt es auch in unter Druck stehenden Dosen, um z.B. die feinen Sprühköpfe zu reinigen. Die beiden Jungs tragen inzwischen Profi-Masken, ich wenigstens einen Mundschutz.

Selbstverständlich darf ich meist nur großflächige Stellen und unmaßgebliche Konturen sprayen, die beiden wollen ja in drei Stunden fertig werden. Die Farben decken – ja nach Untergrund – zwar gut und lassen auch Korrekturen zu, was aber Zeit kostet und für das Kennerauge durch die unterschiedliche Dicke der Farbschicht sowie leichten Farbunterschieden sichtbar ist.

Als kleinen Exkurs erklären mir die beiden Spray-Experten noch die Welt der Schriften und Zeichen (Graffiti-Kaligraphie). Selbst bei diesen künstlerischen Freibeutern hat jeder Buchstabenaufbau auch mal seine Regeln. Stimmen Reihenfolge und Ablauf nicht, bleibt der typische Effekt aus.

Ein Graffiti Alphabet, quasi die Handschrift des Künstlers, lernt man nicht auswendig. Es ist eher das Lernen wie ein einzelner Buchstabe aufgebaut ist und abgewandelt werden kann.

 

Das Werk „Zwanzig-Zehn“ schreitet voran und wieder werden spezielle halbdeckende (wasserlösliche) Lacke aufgebracht, um z.B. bei Wolken Transparenz zu erzeugen. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Dann der Endspurt: Grazian setzt schwungvoll mit gezielten Sprühstrichen Schattenfugen, stylt Haarspitzen und Highlights auf die Buchstaben.

Am Schluß wird das ganze freilich noch mit seinem Kürzel versehen, ähnlich der Signatur eines Malers.   ….  BRAVO ! .. und ein toller Spaß für Kreative.

Sie meinen dafür kein Talent zu haben? Wie heißt es so schön: „Übung macht den Meister“ und „der Mensch wächst mit den Aufgaben“.

Der Begriff „Graffiti“ stammt übrigens aus dem Italienischen (Singular Graffito) und steht als Sammelbegriff für gestalterisch unterschiedliche Elemente, wie z.B. Beispiel Bilder, Schriftzüge oder Zeichen, die mit verschiedenen Techniken auf Oberflächen erstellt werden. Die Graffiti werden zumeist unter Pseudonym und teils auch illegal gefertigt.

Ersteller von Graffiti, insbesondere wenn sie Sprühdosen verwenden, werden oft Sprayer (= Sprüher) genannt.

Style-Writing/Graffiti-Writing ist die mittlerweile am weitesten verbreitete Form von Graffiti und wird deswegen von der Allgemeinheit auch am stärksten wahrgenommen.

Das Einkratzen von Zeichnungen oder Schrift in Oberflächen ist die vermutlich älteste Form von Graffiti und ließ sich schon im Alten Ägypten und in Maya-Tempeln finden.

Durch die Inhalte der antiken Graffiti lassen sich authentische Rückschlüsse über den damaligen Alltag der Menschen ziehen.

Ganggraffiti sind in den USA (insbesondere Los Angeles) bereits seit den 1930er Jahren bekannt. Im Gegensatz zum Stylewriting dient hier das Anbringen von Tags ausschließlich als gezielte Markierung des Reviers.

Unter dem Begriff Streetart (= Straßenkunst) werden eher künstlerische Graffiti, Stencils, und auch Installationen im öffentlichen Raum zusammengefasst. Meist spielen bildliche Motive eine größere Rolle als die Schrift.

Als erster deutscher Sprayer trat 1968 Peter-Ernst Eiffe in Erscheinung, der in Hamburg Graffiti in einem größeren Stil verbreitet haben soll.

Heute werden Graffiti auch gerne als Stilmittel in der Werbe- und Designbranche eingesetzt, speziell für Jugendprodukte oder um den Produkten ein jugendlicheres Image zu geben. So warben z.B. schon zwei Autohersteller mit passender Werbung für entsprechend gestaltete Sondermodelle.

Wer mehr über die Ursprünge und Entwicklung der Graffiti wissen möchte, wird hier fündig:

Link https://de.wikipedia.org/wiki/Graffiti

Petra
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