Es grünt und blüht und gerade wer keinen Garten hat, holt sich Blumen gerne nach Hause.

Die Sprache der Blumen läßt sich kaum besser verkörpern als am Beispiel von Ikebana, der japanischen Kunst des Blumensteckens. Wer die Japaner kennt weiß, daß nichts dem Zufall überlassen wird. Genauso ist es auch beim traditionellen Arrangieren von Blumen. Was so leicht und zufällig aussieht, hat viel Zeit und Akribie in Anspruch genommen.   https://de.wikipedia.org/wiki/Ikebana

Natürlich gibt es zahlreiche Bücher und Bildmaterial zum Thema. Ich habe mich kurzum in die Hände von Meisterin Hiroko Pitz-Yana begeben, die in Deutschland lebt ab und an ihr Wissen an Interessierte weitergibt.

Ich erfahre, daß Ikebana vor rund 550 Jahren mit Ikenobo begonnen hat. Für Japaner sind Blumen nicht nur schön, sondern stehen auch für das Werden und Vergehen in der Natur. Zum Beispiel verkörpert eine Blütenknospe die Energie des Lebens und es werden fast ausschließlich jahreszeitliche Pflanzen verwendet. Mit der Neukomposition in der Schale wird die Natur perfektioniert und in einen neuen Kontext gestellt. Dabei wird oft nicht die ursprüngliche Form wiedergegeben, sondern aus Zweigen, Blättern und Blüten eine neue Gestalt geschaffen. Auf das der Geist des Ikebana den Alltag des Menschen verschöne und Harmonie herrsche.

Ikebana ist heute Weltkulturerbe und wenn ich mir die Welt so anschaue. Hauptsitz der Ikebana-Ikenobo-Gesellschaft (nationale Vertretungen in der ganzen Welt, in Deutschland m. W. Frankfurt/ M.) ist ein modernes Hochhaus in Kyoto samt Rokkakudo-Tempel. Hier lehren die besten ihrer Zunft, wobei es stets gilt Traditionen zu bewahren ohne die Moderne/ Fortentwicklung außer Acht zu lassen.

Die Änderung von Lebensgewohnheit und Umgebung in den Jahrhunderten spiegelt sich auch in den verschiedenen Ikebana-Stilen der Ikebono-Schule wider. Zu den heute gepflegten traditionellen Formen gehören „Rikka“ (Ursprung 16. Jahrhundert) und „Shoka“, aber auch „freie Formen“ sind akzeptiert.

Das „Rikka“ hat sieben bis neun Grundelemente, die aus kontrastierenden und sich doch ergänzenden Materialien als Gesteck bestehen. Das fast noch puristischere „Shoka“ hat seine Blütezeit im 19. Jahrhundert; dabei ist nur von drei Elementen die Rede. Während die ersten beiden Hauptelemente „Shu“ und „Yo“ ein harmonisches Spannungsfeld erzeugen, gibt man dem Werk mit „Ashirai“ noch den letzten Schliff. Als jüngste Form gilt „freestyle“ (jiyuka).  Dabei sind gemäß dem Zeitgeschmack auch persönliche Vorlieben bei der Gestaltung möglich.

Klingt alles sehr abstrakt, erklärt sich in der Praxis aber schnell von selbst.

Die Auswahl der Pflanzen hat uns Hiroko-san bereits abgenommen, da für jeden Teilnehmer vorbereitete Gebinde bereitliegen.  Der Jahreszeit nach je zwei gedrehte Haselnußzweige, Calla, Iris und Ginster bzw. kleine Wachsblümchen. Zunächst gilt es die Proportionen gemäß dem Pflanzgefäß zu beachten, daß ungefähr einen Durchmesser von 30 Zentimenter haben sollte. Demnach liegt der höchste Punkt bei max. 70 Zentimetern, also zirka dem 2,5-fachen. D.h. es gilt nun jeden Zweig mit einem Spezialscherchen (geht auch mit einer Normalschere) zu kürzen, herauszuschneiden und zu beschneiden.  Während die mittleren Blumen (hanami) immer senkrecht in abgestufter Höhen stehen müssen, können alle weiteren auch schräg oder gebogen eingesetzt werden.

Allein die ausgefallenen geschwungenen oder eckigen Formen der Pflanzschalen sind sehr inspirierend. Der darin als Steckbasis befindliche „Pflanzigel“ aus hohlen Metallstäbchen (zur Wasserversorgung) ist übrigens recht schwer, um allen Stengeln genügend Halt zu geben und recht scharf.  Alternativ gibt es eine Porzellanversion.

Im Gegensatz zur beliebten Fülle mitteleuropäischen Blumen-Arrangements gilt beim Ikebana grundsätzlich: weniger ist mehr. Die bezieht sich nicht nur auf die geringe Anzahl an Pflanzen, sondern auch auf deren Bearbeitung. D.h. um sie möglichst perfekt und zierlich aussehen zu lassen, wird natürliches Blattwerk weitgehend entfernt; selbst kleinste Verästelungen oder Nädelchen am Stil sind unerwünscht und werden separat abgeschnitten. Das sog. „Gesicht“ oder die schönste Stelle einer Blume sollte dabei nach vorne zeigen.

Der Vorteil dieser Methode ist, daß keine Fäulnis entsteht, die Gestecke länger halten und kein Wasserwechsel nötig ist. Regelmäßiges Nachgießen allerdings schon, damit die Spitzen des „Igels“ immer unter Wasser stehen. Wer den Steingarten-Effekt liebt, kann in die Wasserschale zusätzlich auch kleine (Mosaik)-Steinchen einfüllen.

Abschließend begutachtet die Meisterin jedes Gesteck und nimmt – aus ihrer Sicht – relevante Korrekturen vor. Dabei herrscht andächtige Stille. Das Ergebnis ist beeindruckend, denn obwohl alle Teilnehmer das gleiche Ausgangsmaterial verwendet haben, entstehen dennoch unterschiedliche Werke.

Und ich bin davon überzeugt: würde sie den endgültigen heimischen Standort des Gesteckes kennen, hätte sie auch diesen Umstand berücksichtigt.

Für gut eine Woche, können diese Blumen nun eine Geschichte erzählen … probieren Sie es doch selbst einmal aus und überraschen Sie mit einem speziellen Stil- bzw. Stiel-Moment.

Petra
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