Nach Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Blödelbarde Otto, Berglegende Reinhold Messner, DDR Kreativ-Ikone Josefine von Krepl, Self-made Man Alex Mutsaars und XY-Moderator Rudi Cerne, geht es heute um „Mode für Gebäude“. Die Rede ist von Verpackungskünstler CHRISTO.  https://de.wikipedia.org/wiki/Christo_und_Jeanne-Claude

https://en.wikipedia.org/wiki/Christo_and_Jeanne-Claude

Was hat Christo oder besser, was hat das Ehepaar Christo und Jeanne-Claude nicht schon alles verpackt, vom öffentlichen Gebäude über Fässer, Mauern und Parkwege bis hin zu Inseln so ziemlich alles. Bekannt wurden beide in Deutschland durch die Verhüllung des Berliner Reichstags 1995.

Ich hatte das Privileg 2016 genau dann in Oberitalien zu sein, als er im Juni/ Juli auf den Iseo-Inseln dahlien-gelbes Nylongewebe auslegte, wenngleich ich den Maestro nur  im Vorbeigehen gestikulieren sah. 1980 hatte er bereits ein ähnliches Projekt in Florida/ Key Biscayne realisiert. Zu sehen sind seine Werke wie im Falle des Iseo-Sees teils nur für 2-3 Wochen.   Aber der Reihe nach ….

Das Künstler-Ehepaar CHRISTO (* 13. Juni 1935 in Bulgarien) und Jeanne-Cleaude (* 13. Juni 1935 in Casablanca, als Jeanne-Claude de Guillebon; † 18.11.2009 in New York) sind tatsächlich beide am selben Tag geboren. Von Anfang an lag der gestalterische Schwerpunkt im Verhüllen von Großprojekten.

Schon mit sechs Jahren erhielt Christo seine ersten Zeichen- und Malstunden und hantierte schon zu Jugendzeiten mit großen Stoffbahnen in der Fabrik seines Vaters. Von 1953 bis 1956 studierte er der Akademie der Künste in Sofia. Danach folgten Kunststudien in Prag, Wien und Genf; im März 1958 ging Christo schließlich nach Paris.

„Seinen Lebensunterhalt verdiente er weiterhin mit Porträts, die er mit ‚Javacheff‘ signierte. Als er die Tochter der De Guillebons, Jeanne-Claude in Tunis porträtierte, verliebten sich beide ineinander. Jeanne-Claude soll über ihn einmal gesagt haben „Ich könnte natürlich behaupten, die Kunst sei das ausschlagende Moment gewesen, doch tatsächlich war er ein teuflisch guter Liebhaber.‘“ Am 11.05.1960 wurde ihr Sohn Cyril geboren; die Hochzeit erfolgte im November 1962.

Christo verhüllte Dosen, Flaschen, Stühle, ein Auto – einfach alles, was er finden konnte. Inspiriert von Miro, Saint Phalle und Tinguely verwendete er dabei harzgetränkte Leinwand, verschnürte die Gegenstände und behandelte sie mit Leim, Firnis, Sand und Autolack.

Zur historischen Einordnung: Bereits 1920 verhüllte und verschnürte der Surrealist, Maler, Fotograf und Objektkünstler Man Ray eine Nähmaschine. Auch Henry Moore stellte 1942 das Thema der Verhüllung in seiner Zeichnung „Menschenmenge“ dar.

Im Februar 1964 folgte der problematische Umzug nach New York. Nach Überwindung von Sprach- und Finanzproblemen setzen beide nur noch eigenständige Projekte um und nehmen auch keine Subventionen mehr in Anspruch, d.h. sie finanzieren alles aus eigenen Mitteln (u.a. durch den Verkauf von Drucken und Rechten an Zeichnungen). Übrigens, erst 1973 erhielt Christo nach 17-jähriger Staatenlosigkeit die US-Staatsbürgerschaft.

1968 nahmen sie an der Documenta in Kassel teil; der Beitrag bestand aus einem länglichen Ballon, im Kasseler Volksmund „Wurst“ genannt, mit einem Volumen von 5600 Kubikmetern. Das „Package“ stand zwei Monate lang, wurde in einem Fotoband dokumentiert und kostete Christo und Jeanne-Claude rund 70.000 Dollar.

1969 verhüllten beide mit Hilfe von 130 Helfern und insgesamt 17.000 Arbeitsstunden einen Küstenstreifen in Australien. Dabei wurden 93.000 m² Synthetikgewebe und 56 km Seil verlegt.

Zwar sind die Behörden der Projektorte nicht immer glücklich darüber, dennoch gelingt ihm fast immer die Umsetzung seiner Ideen. Auch, wenn dafür schon mal bis zu neun Anwälte zur Erteilung der Installations-Genehmigungen beauftragt werden müssen. Die Projektkosten stiegen so stetig bis in Millionenhöhe an. Erst nach neuen Jahre erhielten sie 1984 die Genehmigung die Pont Neuf (älteste Brücke von Paris) zu verhüllen. Ganze 23 Jahre mußten sie auf das „Go“ für den Reichstag in Berlin warten, um ihn mit 100.000 Quadratmetern feuerfestes Polyprophylen zu verkleiden. An der Installation waren 90 professionelle Kletterer beteiligt; das Projekt wurde von rund 5 Millionen Besuchern betrachtet.

1973 begannen die Vorbereitungen für „Running Fence“, einem von Stahlpfosten und Stahlseilen getragenen 5,5 Meter hohen Zaun aus Stoffbahnen, der 39,5 km durch die kalifornische Landschaft verlief und schließlich im Meer mündete.

Vom 12. bis 27. Februar 2005 standen auf den Wegen des Central Parks in New York auf 37 Kilometer Länge insgesamt 7503 Metalltore, von denen safrangelbe Stoffbahnen herabhingen (es gibt Parallelen in Farbe und Anordnung zu den Torii im Fushimi Inari Taisha-Schrein in Japan). Die Kosten für das Projekt beliefen sich auf 21 Millionen US-Dollar, die vollständig von Christo und Jeanne-Claude durch den Verkauf von Studien, Zeichnungen, Collagen, Werken aus den 1950er- und 60er-Jahren sowie Originallithographien anderer Werke bezahlt wurden. Auch Einnahmen aus Verkauf von Souvenirs wie T-Shirts, Poster und Postkarten trugen zur Finanzierung bei.

Um Vandalismus zu vermeiden, verteilten rund 600 bezahlte Helfer 1.000.000 7 cm × 7 cm große Stücke des für das Projekt verwendeten Stoffes der Emsdetter Firma Schilgen kostenlos an die Besucher (Näharbeiten fanden in Taucha bei Leipzig statt).

Christo füllte vom 16. 03. bis 30.12. 2013 den Gasometer in Oberhausen mit der Installation „Big Air Package“. Nach der Abschlussinstallation „The Wall“ (1999) für die Internationale Bauausstellung Emscher Park war es sein zweites Kunstwerk im Gasometer. Die Skulptur im Inneren der höchsten Ausstellungshalle Europas wurde aus 20.350 Quadratmetern lichtdurchlässigem Gewebe und 4.500 Metern Seil in Lübeck gefertigt. Im aufgeblasenen Zustand erreichte die über fünf Tonnen schwere Skulptur eine Höhe von 90 Metern, einen Durchmesser von 50 Metern und ein Volumen von 177.000 Kubikmetern. Im begehbaren Inneren des „Big Air Package“ erzeugte der Künstler ein Erlebnis von Raum, Größe und Licht.

2016 schließlich „The Floating Piers”- die schwimmenden Stege von Iseo. Mit über 75.000 Quadratmetern dahlien-gelbem Stoff bespannte Stege aus rund 200.000 Polyethylen-Elementen bzw.  Schwimmkörpern waren vom Ufer des italienischen Iseo-Sees aus begehbar und führten auf die zwei Inseln Monte Isola und Isola di San Paolo. Die drei Kilometer langen, 16 Meter breiten und 50 Zentimeter hohen Stege, die mit insgesamt 200 Haken verankert waren, reichten bis in die Fußgängerzone von Sulzano am Festlandufer und Peschiera Maraglio auf Monte Isola hinein. Erst im April 2015 präsentierte Christo seine Pläne, das Projekt ohne öffentliche Förderung und ohne Eintrittsgeld mit 500 Mitarbeitern und freiwilligen Helfern zu realisieren. Das „Objekt“ hatte nur 16 Tage Bestand und wurde dann recycelt. Die Eröffnung fand am 18. Juni 2016 statt. Gelegentliche Unwetter und der enorme Besucherandrang an den Wochenenden führten teilweise zu chaotischen Zuständen. Die Installation wurde daraufhin zwischen Mitternacht und sechs Uhr früh zwecks Reinigung und Reparaturen geschlossen. Am 3. Juli 2016 wurde das Projekt beendet und die Besucherzahl während der gesamten Dauer auf 1,3 Millionen Menschen geschätzt. The Floating Piers war das erste Großprojekt, welches Christo ohne seine Frau vollendete. Die Kosten für die Realisierung wurden mit 19,5 Millionen US-Dollar angegeben, von Christo komplett selbst finanziert.

Was es bedeutet sich gegen die anströmenden Besuchermassen durchzusetzen und überhaupt auf die Insel zu gelangen war eine aufregende Geschichte. Da hieß es schon früh um 05.00 Uhr anzureisen, aber bereits um 06.00 Uhr wurde genau vor uns die Zufahrtsstraße in Richtung Hauptort SULZANO wegen überfüllter Parkplätze gesperrt (vor der P+R Station in 10 km Entfernung warteten bereits rund 200 Personen auf einen Shuttle-Bus). Da blieb alternativ nur noch die Möglichkeit, es über TAVERNOLA am gegenüberliegenden Seeufer per Wassertaxi zu versuchen. Das erste Linienschiff fuhr allerdings erst zwei Stunden später um 09.00 Uhr. Also Zeit für Frühstück. Als das Schiff mit Verspätung kam, war es jedoch schon so überfüllt (Reservierungen), daß es keine Passagiere mehr aufnehmen konnte. Zusammen mit einigen Italienern konnten wir schließlich ein Privatboot organisieren, das uns gegen 11.00 Uhr für einen akzeptablen Preis schließlich nach Monte Isola übersetze. Nach nur wenigen Metern in Richtung Dorfzentrum gab es auf den Wegen und Stegen fast nur noch Stehplätze und trotzdem war das Feeling ein Erlebnis. Auf den sanft schwankenden Stegen fühlte sich das Laufen wie Tanzen an und die Gewebestruktur war sehr angenehm griffig an den nackten Füssen.

Als die Hitze zunahm, setzten wir uns nur zwei Minuten an den äußersten Rand eines Verbindungssteges um die Füße in’s Wasser zu hängen und schon wurden wir freundlich, aber bestimmt von einer Ordnungshüterin zum Aufstehen und weitergehen aufgefordert. Wir kamen kurz in’s Gespräch und schließlich zog sie ein Original-Stoffstück aus der Tasche und schenkte es uns als Andenken. Das nahmen wir durchaus zum Anlaß uns auf den Rückweg zu machen, als plötzlich ein Hubschrauber die Szenerie umkreiste und Christo darin zu erkennen war. Schließlich passierten wir ihn im Gedränge als er mit dem Schlauchboot anlandete auf dem Rückweg zum Bootsanleger. Ohne Frage eine energiegeladene charismatische Persönlichkeit, die trotz seiner 84 Jahre für seine Sache brennt.  Wir mögen keine Massenaufläufe oder Festivals, haben dieses „Open-Air Künstler-Moment“ aber dennoch genossen, auch wenn wir es mit 1,3 MIo Besuchern teilen mußten.

Weitere Projekte sind in Planung, wie z.B. einer ägyptischen Mastaba (einer Art Pyramide).  In der Wüste von Abu Dhabi soll die kubische Skulptur aus 410.000 liegend gestapelten Ölfässer entstehen (300 m breit, 225 m tief und 150 m hoch, Volumen ca. 6,5 Mio Kubikmeter). Die Planungen laufen seit 1977, ruhten jedoch lange aufgrund der schwierigen politischen Lage. 2016 liefen die Verhandlungen über die Realisierung wieder an.

Ob die Welt das alles braucht, darüber kann man sich sicher streiten. Aber kreative-visionäre Köpfe wie Christo (die niemanden auf der Tasche liegen), bleiben für mich angesichts von Globalisierung und Gleichmacherei eine Bereicherung.

Auch Fidel Castro und Peter Ustinov hätte ich gerne einmal persönlich getroffen …aber leider zu spät …

Petra
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