Die World Carillon Federation (WCF) – was es nicht alles gibt – verlangt von einem Carillon, dass es über mindestens 23 Glocken (chromatisch über zwei Oktaven) verfügt und die Glocken direkt von einem Spieltisch mittels Seilzügen angeschlagen werden können.  https://de.wikipedia.org/wiki/Carillon

Manche bezeichnen es auch als das verrückteste Instrument der Sch’tis. In der erfolgreichen Komödie aus Frankreich spielt das Instrument eine wichtige Rolle. Und sogar der millionenschwere Rockefeller soll sich angeblich dafür begeistert haben.

Ich möchte heute einen Top-Protagonisten der Schlag-Tasten vorstellen: Mijn Heer Gijsbert Kok. Richtig, wie der Name schon sagt, ist er Holländer. Die Niederlande sind neben Belgien eine Hochburg dieser Spielkunst.

Klaustrophobie und Höhenangst darf man allerdings nicht haben, denn es geht stets steil und hoch hinaus in einen Kirch- bzw. Glockenturm.  In einsamer Höhe setzt er eine Holzklaviatur in Gang, hämmert mit Händen und Füßen mal sanft, mal wild auf sie ein und bringt damit ungezählte große und kleine Glocken zum Schwingen und Klingen. Sicher eine auch Möglichkeit seiner Liebsten ein Ständchen zu bringen.

Wer Carillon spielt, kann sich tatsächlich wunderbar verausgaben. Ein einziger Schlag mit dem Handrücken oder Tritt mit dem Pedal bringt eine Glocke von bis zu 20 Tonnen zum Klingen. Das ist das Gewicht der tiefsten Glocke des Carillons in der Riverside Church, New York (die unterschiedlichen Glocken-Gewichte sind beim Spielen/ Andrücken natürlich zu berücksichtigen). Laut WCF ist es das schwerste von rund 600 Instrumenten weltweit. In Deutschland gibt es ungefähr 40 Carillons, davon das größte Europas in Halle an der Saale mit stolzen 76 Glocken. In Flandern sind aktuell immerhin 60 Carillons bespielbar.

Sie funktionieren alle nach dem einfachen Seilzugprinzip. Der Spieler bewegt mit dem Tastenanschlag einen Drahtzug, der direkt zum Klöppel der Glocke führt. Clever, denn im  Gegensatz zum Läuten per Hand, ist der Klöppel ganz nah an der Innenwand der Glocke befestigt. Das ist kräftesparend und ermöglicht es ganze Melodien zu spielen. Der Rest ist nicht neu. Zwei Reihen Tastatur mit allen Halb- und Ganztönen plus Pedalleiste. Manche Carillons schaffen fünf Oktaven.

Ein Klavier? Nicht ganz, denn mit Kraft ist es nicht getan. Der Laie lernt schnell die Tücke der Glocken kennen. Erhaben, gewaltig und schwerfällig oder glockenhell-dünn. Die Bronzeriesen hallen nach und nicht jedem gelingt es einen individuellen Klangteppich zu erzeugen. Hört man genau hin, lernt man das Handspiel vom eintöniger/ gleichmäßiger klingenden Carillon-Automaten (per Lochkartenstreifen) schnell zu unterscheiden.

Der Glöckner von Den Haag. Gijsbert Kok, ein Meister seines Fachs, ist einer der das sperrige Instrument bezwingen kann und nichts lieber tut, als über die Tasten zu wirbeln. Der Mitfünfziger ist seit rund 20 Jahren Carillonneur und Organist. Gerade erst ist er von einer 3-wöchigen Konzertreise aus den USA zurückgekehrt. Regelmäßig spielt er zur Mittagszeit in der Oude Kerk in Scheveningen und der Grote Kerk in Den Haag für je eine Stunde (gratis). Teilweise sind die Töne des Carillons kilometerweit zu hören. Die Bewohner kennen ihren Carillonneur gut und ohne die bekannten Klänge würde ihnen was fehlen. Schon oft hat er im Interesse des Wohlklangs Adaptationen für das Instrument selbst geschrieben.

Wer hätte im Mittelalter an so eine Entwicklung gedacht? Im 7. Jahrhundert ging es mit vier Glocken in Frankreich los. Sie kündigten mit einer kleinen Melodie den danach folgenden Stundenschlag an. Eine geniale Idee, um ohne Armbanduhr den ersten Schlag nicht zu verpassen. Im 14. Jahrhundert wurde das mechanische Glockenspiel mit Stiftwalze erfunden, 1510 entstand im flämischen Oudenaarde das erste Carillon und von da an stand dem Siegeszug in den Niederlanden und Flandern nichts mehr im Wege. Viele Kirchen und Rathäuser wurden mit Carillons bestückt und die Carillonneure spielten eigene Kompositionen wie Matthias van den Gheyn (1721-1785) oder adaptierten Klavierstücke der Zeitgenossen.

Doch einen Haken gibt es bis heute: Carillon-Konzerte wirken am besten draußen, was nicht immer mit einem warmen Konzertsaal zu vergleichen ist.

Wir haben es direkt neben ihm sitzend perfekt getroffen und wir dürfen sogar Musikwünsche äußern. Mit Auszügen aus „Gräfin Mariza“, einer Sonate von Mozart, einem Klassiker von Beethoven, einem Walzer, und zwei Berliner Chansons etc. vergeht die Zeit wie im Flug.

Die Grote Kerk in Den Haag hat 51 Glocken, wir erleben hier nur 38, sie liefern aber trotzdem einen sprichwörtlich vollen Klang. D.h. die Tür zwischen Klavier und darüber gelegenen Glockenraum ist immer geschlossen, da die Lautstärke sonst ohrenbetäubend wäre.

Wie man diese Perfektion erlangt ist angesichts nicht vorhandener Trainingsmöglichkeiten schwer zu sagen, denn stets hören alle mit. Beste Voraussetzung ist perfektes Orgelspiel. Die Dutch Carillon School befindet sich in Amersfort, die auch Gijsbert absolvierte.

Gijsbert wuchs zwar zwischen Kühen auf, interessierte sich aber nur für das Klavier seiner Mutter. Nach der Schule folgte daher das Konservatorium und seit nunmehr acht Jahren bekleidet er das ehrenhafte Amt des Stadt Carillonneurs.

Hier eine kleine Kostprobe (allerdings klingt das Original erheblich besser als via PC-Lautsprecher: https://www.youtube.com/watch?v=XEEIviUXa0o

Schließlich darf auch ich mich kurz an die Tasten setzen, um zu spüren, welcher Druck zum Anschlagen mit Händen und Füßen nötig ist. Pling-plong, es geht leichter als gedacht.

Am Ende des Konzerts um 12.00 Uhr bleibt noch Zeit für die gemeinsame Einkehr in ein gemütliches Cafe. Unser Gast achtet auf seine schlanke Figur, nimmt dann aber schließlich doch ein Stück Kokoskuchen – was ihn umso sympathischer macht. Wir sprechen über Dies und Das, u.a. auch über die Zukunft des Carillon-Spiels. Negative Gedanken mag er nicht an sich heranlassen, zu sehr liebt er seine Profession und will den Kopf frei haben.

Es mag Zufall sein, aber nach Schiffskapitän Folkert-Jan S. (Friesland) https://www.topagemodel.de/2018/07/21/der-weg-ist-das-ziel/

und Abenteuer-Reisenden Alex M. (Brabant) https://www.topagemodel.de/2019/06/01/ein-mann-mit-unkonventionellen-ideen/

ist Gijsbert Kok (Süd-Holland) ein weiterer „Besonderer Holländer“ dessen Bekanntschaft jeden bereichert. Hier kann man mehr über seine nächsten Konzerttermine erfahren oder ihn persönlich kontaktieren: https://www.gijsbertkok.nl/

Übrigens, in Berlin bespielt Jeffrey Bossin ebenfalls in Bestform drei Carillons. Auch sein Repertoire reicht von Beethoven über die Beatles, Berliner Couplets bis zu Elton John.

Mein Wunsch für das nächste Carillon-Konzert wäre: „Phantom der Oper“!

Petra
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