Au Revoir Paris, Bonjour Normandie. Link zu Artikel Teil 1:  https://www.topagemodel.de/2019/11/09/unterwegs-auf-der-seine/

Ein guter Geist hatte noch am Vorabend das Infoblatt für den nächsten Tag in der Kabine platziert und die sehr bequemen Betten aufgedeckt. Geschlafen habe ich wie ein Murmeltier; nicht zuletzt auch deshalb, da die eher dünnen Kabinenwände optimal gegen Geräusche aus der Nachbarschaft isoliert sind.

Dank ebenso guter Schalldämmung des Maschinenraums schnurrt das Schiff (1,50 Tiefgang, Maschinenleistung 2 x 783 kW) mit ca. 20 Stundenkilometer dahin wie ein Kätzchen. Nur in den fünf Schleusenbereichen ist durch leichtes Manövrieren ab und an ein kleines Rumpsen zu hören. Auf der 380 Kilometer langen Strecke von Paris bis zum Atlantik ist immerhin ein Höhenunterschied von 25 Metern auszugleichen. Zudem ist die Seine ab Rouen auch für Hochseeschiffe befahrbar (Lotsenpflicht) und unterliegt einem beachtlichen Tidenhub von vier bis sechs Metern. https://de.wikipedia.org/wiki/Seine

LES ANDELYS mit seiner mächtigen Burg (Erbauer war kein geringerer als Richard Löwenherz) und Vernon/ GIVERNY im Department Eure sind im Herbst verträumte Dörfchen, bieten sich aber für wunderschöne Sparziergänge an. Vor allem Park und Villa des Malers Monet sind einen Besuch wert. Hier befindet sich auch jener oft gemalte Seerosenteich mit der kleinen Bogenbrücke – ein Muß für alle Gartenfreunde und Kunstliebhaber. In einer anderen Galerie lerne ich zufällig Frederic Duclos kennen, einen sehr sympathischen „Nachfolger von Monet“. Er verwendet heute noch Farben der deutschen (!) Firma Lukas wie einst seine berühmten Vorgänger.

Da das romantische Teestübchen mit Seine-Blick in Les Andelys leider Ruhetag hatte, freue ich mich bei Rückkehr auf eine gute Tasse Tee an Bord. Währenddessen setzt die „Comtesse“ ihre Fahrt fort und folgt der sich windenden Seine (insgesamt 777 Kilometer lang) über Nacht nach CAUDEBEC-EN-CAUX. Nach dem Abendessen trifft man sich noch in der Bar bzw. lauscht dem musikalischen Abendprogramm (u.a. französische Chansons) im Salon. Bei einem für die Region typischen Kräuterlikör, einem „Benediktine“, lasse ich den Tag ausklingen.

Da das Wasser noch ca. 12 Grad hat, aber nur eine Morgentemperatur von 4 Grad herrscht, ziehen mystisch anmutende Nebelschwaden übers Wasser (ich liebe diese Stimmung). Den beiden Ausflügen nach Honfleur und Etretat steht also nichts im Wege. Vorbei an fast englisch anmutender Landschaft passieren wir romantische Örtchen mit traditionellen „Chaumieren“ (Reet gedeckte Häuschen mit Linienbepflanzung auf dem Dachfirst) und eine 1000-jährigen Eiche, die als Minikirche genutzt wird.

Im Hafenstädtchen HONFLEUR    https://de.wikipedia.org/wiki/Honfleur spürt man sofort das maritime Flair. Fischerboote und Yachten dümpeln im pittoresken Hafenbecken (vieux bassin) und in der kleinen Fischhalle liegt allerlei köstliches Seegetier bereit zum Verzehr. Ich kann nicht widerstehen und lasse mir (gratis!) eine frische Auster öffnen:  https://www.youtube.com/watch?v=O8NAtVLNubE

Eine weitere Spezialität des Departments Calvados ist neben dem fein-perligen Cidre, der gleichnamige Apfelbrandwein. Je nachdem wie lange er gereift ist, d.h. im Eichenfaß gelagert wurde und einfach oder doppelt gebrannt wurde, entwickelt er ein mildes oder kerniges Apfelaroma. Qualität hat allerdings ihren Preis, d.h. für 2 cl eines 15 Jahre alten Calvados legt man schnell mal EURO 15.- hin.

Ein Tipp für Freunde des Karamell-Bonbons:  Hier werden sie mit gesalzener Butter (caramels au beurre sale) produziert, was einen nachhaltigen intensiven Geschmack erzeugt. Als Sirup eignet sich diese Karamellmasse auch hervorragend zu Crepe.

Vorbei am historischen Salzspeicher und der Kirche Ste. Catherine (erbaut Mitte des 15. Jh.) führt mich der Spaziergang bergan und erlaubt herrliche Einblicke in verwunschene Höfe und Gärten. Honfleur war immer wieder Anziehungspunkt für Künstler und Gelehrte wie Baudelaire, Satie und Boudin. Zuletzt gönne ich mir noch eine kurze Einkehr in einer der-rustikalen Hafenkneipen, dem „Parroquet vert“ und bin bereit für „La Mer“.

Gerne hätte ich noch einen Abstecher ins noble Seebad Deauville (25 Kilometer) oder zum Omaha-Beach gemacht (D-Day-Landung der Alliierten am 06.06.1944) gemacht. Dafür geht die Fahrt über die 1995 erbaute „Pont de Normandie“, einer imposanten Schrägseilbrücke (Stützfeilerhöhe je 50 Meter, höchster Pylon 215 Meter) auf das andere Seineufer in Richtung Le Havre (172.000 Einwohner) https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Havre  und dem Zielpunkt ETRETAT.

Attraktion des kleinen Seebades im Department Seine-Maritime sind die Falaise, jene weißen Felsklippen (75 bis 100 Meter hoch) ähnlich denen von Rügen oder Dover. Da hier geologisch Kalkstein, weiße Kreide und Feuerstein vorherrschend sind, wird der Abschnitt zwischen Dieppe und Le Havre Alabaster-Küste genannt. Die drei markanten Felsbögen (namens Porte d’AmontPorte d’Aval und Manneporte) ziehen Besucher zu jeder Jahreszeit an. Hier war gerade Flut und die Sonne leider hinter einigen Wolken verschwunden. Im Sommer sind sie ein wahrhaft blendender Anblick.

Kommentare zu meinen Mitreisenden möchte ich mir ersparen, denn trotz sehr kundigen engagierten Reiseführern hört ein Teil grundsätzlich nicht zu, weiß alles besser oder braucht eine Toilette. Dadurch geht leider viel Zeit verloren, die man gut für einen erweiterten Ausflugsradius nutzen könnte.

Davon können auch der „Hotel-Manager“ (zuständig für alles innerhalb des Schiffes, also Personal, Unterkunft und Versorgung) und die „Kreuzfahrtleiterin“ ein Lied singen. Gott sei Dank sind beide nervenstarke, erprobte „Matadore“, die – abgesehen von der nautischen Crew – dank jahrelanger Erfahrung und persönlichem Engagement alles zusammenhalten und im Zweifelsfall Unmögliches möglich machen, ohne das es die Gäste eigentlich bemerken.

Würde zum Beispiel die Klimaanlage/ Heizung irreparabel ausfallen, gilt es innerhalb von Stunden Ersatz zu schaffen; sämtliche Personen samt Gepäck und Lebensmittelvorräten auf ein anderes Schiff zu verfrachten käme einer logistischen Meisterleistung gleich. Im vergangen Sommer war es wegen Niedrigwasser auf dem Rhein fast so weit gekommen.

Auf meine Bitte hin darf ich am nächsten Tag ausnahmsweise einen Blick hinter die Kulissen der „schwimmenden Insel“ werfen, d.h. die kleine Wäscherei und unter Einhaltung aller Hygiene-vorschriften kurz die Küche und Lagerräume sehen. Auch hier ist alles tip-top: auf der Tischwäsche sind nicht die geringsten Fleckchen oder gar verschlissene Stoffränder zu finden. Immerhin wird hier sämtliche Bad-, Bett- und Tischwäsche für max. 150 Passagiere (75 Kabinen) sowie die Crew-Kleidung gewaschen. Bei Bedarf kann man auch als Passagier den Service in Anspruch nehmen.

Die Küche ist erfreulich geräumig; Chefkoch ist übrigens ein junger Rumäne. Bliebe noch viel zu sagen, aber die Zeit an Bord ist viel zu schnell vergangen. Fahren Sie doch einmal selbst mit und erleben sie eine Flußkreuzfahrt aus erster Hand.    https://www.nicko-cruises.de/fluesse/?gclid=EAIaIQobChMI-KLr7r3J5QIVE853Ch0e9gr0EAAYASAAEgIMmfD_BwE

Gegen 12.00 Uhr erreicht die „Seine Comtesse“ schließlich ROUEN, wo meine verkürzte Reise endet. An diesem Tag war es leider regnerisch, aber wie heißt es so schön: gefällt Dir ein Ort bei Regen, gefällt er Dir erst recht bei Sonnenschein.

ROUEN (110.500 Einwohner, Hauptstadt der Normandie) ist für mich eine Mischung aus Straßburg und Brüssel. Hier erblicken die Augen hunderte von farbigen Fachwerk-Fassaden, Turmspitzen, herrschaftliche Stadthäuser und moderne Gebäudekonstruktionen. Vom Anleger aus kann man in fünf Minuten bequem zu Fuß in’s historische Zentrum (rechts der Seine) gelangen. Besonders sehenswert sind die Kathedrale „Notre Dame“, das Parlament, die Rue du Gros Horloge, die kleinen gepflasterten Steingassen des Carré d’Or sowie die Place du Vieux-Marché (Alter Markt). Hier stand einst der Scheiterhaufen auf dem Jeanne d’Arc 1431 als 19-Jährige zu Zeiten des Hundertjährigen Krieges verbrannt wurde. Nein, früher war nicht alles besser. https://de.wikipedia.org/wiki/Jeanne_d%E2%80%99Arc

Mein Tipp: machen Sie noch einen Abstecher zum herrschaftlichen Gerichtsgebäude nahe der Kathedrale. In der Regel erhält man kostenlosen Zutritt zur imposanten großen Galerie (mit Harry Potter Flar).

Wenn ich mir persönlich für meine nächsten Tage an Bord was wünschen dürfte, wäre dies ein kleines Pool an Deck im Sommer und zur Herbstzeit eine kleine Sauna-/ Infrarotkabine mit Flußblick.

Desweiteren einmal bei einem Stapellauf bzw. einer Schiffstaufe dabei zu sein. Ein solches Ereignis-Highlight steht wohl kurz bevor, denn 2020 wird mit der NickoSPIRIT ein neues stylisches Schiff in Dienst gestellt, das vorwiegend auf Rhein, Main und Mosel unterwegs sein soll. Schauen Sie mal H I E R. Leider nicht „mein Revier“, da ich ohnehin in der Gegend wohne. Aber es wird sich sicher ein Weg finden mal wieder neugierig an Bord zu gehen, wenn die neue „SPIRIT“ z.B. in Mannheim vor Anker geht.   Bye-ByeSeine Comtesse“  !!!!

 

Hinweis:  Kooperation/ Werbung

P.S. . Wie üblich war die Übergangszeit in Paris bei Ankunft aus Rouen vom Gare Lazare zum Gare de l’Est (nur 3 Kilometer) mit 60 Minuten doch mal wieder sehr knapp. Nur ein Verlassen des Busses zugunsten eines Dauerspurts über 800 Meter ermöglichte das Erreichen des Zuges in letzter Minute. Da der Chef des Bistro-Wagens dies mitbekommen hatte, spendierte er prompt eine Cola. An dieser Stelle danke an die Deutsche Bahn.

Petra
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