30 Jahre Mauerfall – ohne Frage ein denkwürdiges Datum, das jeder anderes beurteilen mag.  Viel Licht und auch Schatten. Aber die immer gleiche Frage „wo waren Sie als die Mauer fiel, wo haben Sie gefeiert, etc. schien mir doch etwas einseitig, um nicht zu sagen oberflächlich banal. Friede, Freude, Eierkuchen ..?

Ich habe mindestens einen guten Bekannten (einen ehemaligen Arbeitskollegen aus der Pharmabranche), der keine Lust hat permanent darüber nachzudenken und zu reden, wo er am 09.11.1989 war. Vorallem deshalb, weil Herz und Verstand schon damals mit sehr gemischten Gefühlen kämpften.

Ich bin RalfT daher sehr dankbar, daß er zu diesem Thema für den Blog trotzdem ein paar bemerkenswerte Ansichten zu Papier gebracht hat, die im Folgenden im O-Ton wiedergegeben sind und die ich weitgehend teile. Er reiht sich damit in die kleine Reihe von Persönlichkeiten ein, die im TAM-Blog unter höchst individuellen Aspekten schon vorgestellt wurden. Als da sind Malu Dreyer, Rudi Cerne, Reinhold Messner usw.

  1. Ich war nicht in der DDR am 9. November

Er sagt dazu: „Ich hatte als Arzt und Wissenschaftler in der Zeit von 1986 bis 1990 das Privileg die DDR in der Fachkommission Gesundheitswesen des damaligen „Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (Westbezeichnung: Comecon) zu vertreten. Diese Organisation mit Sitz im damals noch sowjetrussischen Moskau war aus heutiger Sicht beinahe eine vorweggenommene Kopie der „Europäischen Kommission“ von heute. Das soll heißen, Spezialisten wie ich, aus den Mitgliedsländern des damaligen RGW kreierten Projekte, von deren Gemeinnutz sie durchaus überzeugt waren und verteilten das dafür nötige Geld der Mitgliedsländer, ohne für dessen Verwendung rechtlich zuständig zu sein im Interesse ihrer Heimatländer. Danach stritten die zuständigen Minister. Am Ende setzte sich immer die Meinung des wirtschaftlich und politisch stärksten Landes durch, damals meistens die Sowjetunion, manchmal auch die DDR, niemals Kuba oder Rumänien. Es herrschte „Einstimmigkeit“, die schlussendlich immer erzwungen wurde.

Meine damalige Tätigkeit brachte es für mich mit sich, dass ich permanenten Kontakt mit meinen Kollegen der Kommissionen anderer Fachbereich hatte, die bedeutend wichtiger waren als das ewig geldfressende Gesundheitswesen. So wusste ich von den Leuten aus dem Energiesektor, dass die DDR praktisch energetisch am Ende war, als die Russen verlangten, ab sofort das kontinuierlich gelieferte Erdöl in konvertierbarer Währung (Dollar oder ähnliches) zu bezahlen. Wie sollte die DDR das finanzieren? Ähnliche Probleme hatten inzwischen der Maschinenbau, die chemische Industrie, die sogenannte „Konsumgüterproduktion“ und andere Bereiche. Mit anderen Worten, die DDR war 1989 wirtschaftlich bankrott. Das wusste ich aufgrund meiner Kontakte damals vermutlich besser, als die meisten meiner Mitbürger zu Hause.

Dass dann meine Landsleute in der Heimat wirklich und ernsthaft aufbegehrt haben, durfte ich aus der Ferne erleben. Es hat etwas Surrealistisches, wenn man aus der Distanz zuschaut, dass in seinem Heimatland eine Revolution von statten geht. Bei uns wurden auf den Dächern der Diplomaten Satellitenanlagen installiert und zusätzlich zur „Aktuellen Kamera“ gab es nun die „Tagesschau“.

Ich habe damals mein Büro mit einer ungarischen Kollegin geteilt. Die hatte die Revolution schon hinter sich. Wie ein klugscheißerischer Klassenbester hat sie mir aus Erfahrung jeden Tag vorhergesagt, welcher Schritt zur Demokratie nun bei uns folgen würde. Meistens hatte sie Recht mit ihrer Prognose. Die SED wurde verboten, die Nachfolger schlugen sich um das Erbe, es gab eine Interimsregierung mit guten und mit schlechten Absichten, Täter versuchten zu verschwinden, Opfer wurden publik oder stellten sich als solche dar und so weiter.

Ich möchte mich über die Revolution in der DDR nicht weiter äußern, weil ich nicht präsent war und nicht mitgewirkt habe. Die Ehre für das Ende der DDR gebührt den Menschen, die wirklich dafür auf die Straße gegangen sind und nicht denen, die heute davon erzählen, wie sie am 9.11.1989 mit ihren stinkenden Zweitaktern unter den offenen Schlagbäumen hindurchgefahren sind, als sei das eine Heldentat gewesen.

  1. Die einmalige Chance wurde suboptimal genutzt

Nach der Vereinigung habe ich das Schicksal von 80% der damaligen DDR-Bevölkerung geteilt und meine als „lebenslang sicher“ gefühlte Arbeitsstelle verloren. Aufgrund meiner Fachkenntnisse und meiner beruflichen Erfahrung hatte ich keine Probleme, im „Westen“ eine gut bezahlte Stelle zu finden. Das bedeutete aber auch für die ganze Familie Umzug und Verlust des jahrzehntelangen sozialen Umfeldes.  Dass das einigermaßen schmerzfrei vonstattenging, verdanke ich Führungskräften, die vorurteilsfrei und einfühlsam bereit waren, einer Fachkraft aus dem „Beitrittsgebiet“ eine reale Chance zu bieten. So gesehen, bin ich ein „Wendegewinner“.

Es ist für mich heute zweifelsfrei, dass die „alte“ Bundesrepublik Deutschland Unsummen investiert hat, um fünf „neue Bundesländer“ so aufzupäppeln, dass sie schnell in das Wirtschaftssystem der sozialen Marktwirtschaft integriert werden konnten. Der finanzökonomisch unsinnige Umtausch der DDR-Mark im Verhältnis 2 zu 1 oder besser hat aber in Wirklichkeit die schwächelnde Konjunktur in den „alten Bundesländern“ angeschoben. Politisch hat es gleichzeitig die Ostdeutschen zum bedingungslosen Beitritt „bewegt“.  Was danach folgte war das Ende der Reste der DDR-Wirtschaft. Ich maße mir nicht an, darüber zu richten, welche DDR-Firmen erhaltungswert gewesen wären. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass die heutzutage noch bestehenden gravierenden Strukturprobleme in Ostdeutschland damals durch eine klügere Wirtschaftspolitik (z.B. Sonderwirtschaftszone mit Steuervorteilen) hätten vermieden werden können. Wer wollte aber in den „alten Bundesländern“ wirklich teilen und wer wollte in erster Linie die schnelle D-Mark aus der Ostmark ziehen? Da wurde aus kurzfristigem betriebswirtschaftlichem Interesse eine langfristig volkswirtschaftliche Chance verpasst.

Das Wahlverhalten der Ostdeutschen wird heute viel kritisiert. Auch ich kann nicht verstehen, wie man einer Partei seine Stimme gebe kann, die sich nicht gegen die Verbreitung von nationalsozialistischem Gedankengut stellt, sondern letzteres populistisch nutzt. Dass Ostdeutsche, die nach der Vereinigung ihre wirtschaftliche Existenz verloren haben oder zumindest sich beruflich komplett gegen ihren Willen umorientieren mussten, nicht in Jubel ausbrechen, wenn es um Deutschlands Wiedervereinigung geht, das kann ich allerdings nachvollziehen. Das Verlangen nach 100% bundesweiter Gleichstellung in Bezug auf Lohn, Rente, Versicherung und so weiter ist meines Erachtens legitim. Das Gejammer nach den alten Verhältnissen entbehrt jedoch jeder realistischen Grundlage. Manchmal möchte ich für die ewig gestrigen meiner ostdeutschen Landsleute ein Reservat gründen, wo sie exakt nach den alten Regeln mit DDR-sortimentierten Kaufhallen bananenfrei leben können.

  1. „Neue Bundesländer“ und „Wende“ sollte man nicht mehr sagen

Als ehemaliger DDR-Bürger sehe ich mit Schrecken jedem Jahrestag des Mauerfalls und der Wende entgegen. Da wird man zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Sendungen und Spielfilmen zum Mauerfall überhäuft. Ich kann das nur noch ganz schwer ertragen. Die Mauer ist nicht umgefallen. Auch hat sie kein amerikanischer Präsident mit damals noch vorhandener Sympathie für Westdeutschland umgeworfen. Das haben die DDR-Bürger selbst getan. Was dann erfolgte war keine Wende, wie Herr Krenz das zu nennen pflegte, sondern ein revolutionärer Umsturz. Ein Grundsatz marxistischer Weltanschauung ist, dass eine Veränderung des Eigentums an den Produktionsmitteln nur durch eine Revolution erfolgen kann. Genau das ist passiert, nur umgekehrt zu Marx‘ Vorstellungen. Eine Revolution ist es dennoch gewesen und so sollten wir es auch nennen.

Ich selbst bin 1956 geboren. Das war ein bisschen mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende. Als ich 10 Jahre alt war, war der Krieg weniger weit in der Vergangenheit als die Wiedervereinigung heute. Für mich als Kind hatte das gar nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun. Der Krieg und der Nationalsozialismus waren für mich, trotz elterlicher und großelterlicher Zeitzeugen unendlich weit in der Vergangenheit. Und das war gut so. Die zehn Jahre nach der Wiedervereinigung geborenen Menschen sind im Vergleich dazu heute noch zehn Jahre älter.

Ich möchte nicht für eine Vergessenskultur plädieren. Unrecht muss Unrecht genannt werden dürfen. Jeder junge Deutsche sollte einmal eine KZ-Gedenkstätte gesehen und ein Mauermuseum besucht haben. Aber ich hasse es, wenn unsere Medien so viele Jahre nach dem Umsturz der Mauer immer noch die DDR auf FKK, fehlende Südfrüchte und Stasi reduzieren. So einfach war das nicht. Allerdings hat das inzwischen dazu geführt, dass Nachmauerkinder besser zu wissen glauben, was damals wirklich geschehen ist, jenseits der Mauer und bei deren Abriss, als die noch zur Genüge vorhandenen Zeitzeugen.

Politische Korrektheit verbietet heute Begriffe wie Neger, Mohr oder Zigeuner und die damit verbundenen Lebens- und Genussmittel so zu nennen. Das geht für mich in Ordnung, obwohl ich nicht der Meinung bin, dass historische Bücher entsprechend umgeschrieben werden müssen. Was für mich nicht in Ordnung geht ist, dass Begriffe wie „Neue Bundesländer“, „Beitrittsgebiet“ und „Ostdeutsche“ noch nicht zu Unworten erklärt wurden.  Solange wir das nicht schaffen, wird die Schei..mauer in den Köpfen ewig sein. Davon hat keiner etwas.… soweit seine Ausführungen.

Da ich schon als junger „Wessi“ Möglichkeiten hatte diverse Male hinter den „Eisernen Vorhang“ zu schauen (gemeinsame internationale Wettkämpfe mit „Ostblock-Sportlern“, 1982 studentisches Auslandspraktikum in Ungarn, 1988 private Rußland-Reise) kann ich seine Haltung und Argumentation gut nachvollziehen.

P.S.  Trotz Doktortitel ist RalfT (heute 63 Jahre) übrigens kein verkopfter Theoretiker. Der Vater von zwei Söhnen hat mehrfach im Ausland gearbeitet, liebt Kunst, Theater sowie gutes Essen und ist ein vielseitiger Sportler (an erster Stelle das Tauchen). Und wenn er für eine Sache brennt, ist er auch gerne mal in spezieller Form provokativ, was zum Querdenken anregt und festgefahrenen Denkweisen oft Raum für neue Akzente gibt. 

Petra
Autor

Write A Comment