Gerade springen sie wieder, die „Geigers“ und „Eisenbichlers“ und messen sich im Rahmen der Vierschanzen-Tournee mit den aktuell besten Springern der Welt wie R. Kobayashi (JAP), Stefan Kraft (AUT) oder D. Kubacki (POL). Unsere einstigen Sprung-Stars wie J. Weissflog, S. Hannawald und M. Schmidt sind als heute als TV-Kommentatoren unterwegs und berichten live vom Geschehen.

In Garmisch zieht – neben den beiden kleineren Schanzen – insbesondere die 2007 neu gebaute große Olympiaschanze alle Blicke auf sich. Die 650 Tonnen schwere Stahlkonstruktion mit einer Turmhöhe von über 60 Metern und einer Anlauflänge von über 103 Metern thront geradezu herrschaftlich elegant über dem Olympiastadion (Baukosten: 14 Mio EURO).

Bereits 1936 wurde hier anläßlich den vierten olympischen Winterspiele Sportgeschichte geschrieben (seinerzeit 28 teilnehmende Länder und 646 Athleten). Die Wettkämpfe am Fuße des Gudiberges waren ein wahres Spektakel mit Zuschauerrekorden. Allein beim Skispringen sollen es insgesamt 130.000 gewesen sein (heutige Zuschauer-Kapazität der Arena 21.000). Die heutigen Gebäude samt Restaurant und den monumentalen Steinfiguren am Eingang des Skistadions (ähnlich dem Olympiastadion in Berlin) sind alle noch original erhalten und erlauben eine authentische Zeitreise vom Heute in’s Damals.

Neben den geführten Touren empfiehlt sich aber auch der freie Rundweg durch das Stadion. Die rund einstündige Tour wird mit mehreren Infotafeln und einem fantastischen Blick auf den Ort abgerundet. Zusätzlich bietet sich noch ein kleiner Abstecher zur Dauerausstellung „IV. Olympische Winterspiele Garmisch-Partenkirchen 1936 – Die Kehrseite der Medaille“ im Ostflügel des Stadions an.

Nun, auch Sie wollten schon immer mal „hoch hinaus“ und sehen wie es sich anfühlt da oben zu stehen? Die Tourist-Info von Garmisch-Partenkirchen  bietet seit einigen Jahren sommers (Mai bis Oktober immer mittwochs um 18.00 Uhr) wie  winters (samstags 15.00 Uhr) Führungen auf die neue Sprungschanze an. Die traumhafte Aussicht vom Schanzenturm, die sonst nur den Sportlern vorbehalten ist, gibt´s inklusive. Die Kosten einer Gruppenführung belaufen sich auf  EURO 12.- für Erwachsene. Treffpunkt ist jeweils der Osteingang am Olympia Stadion und die Tour dauert ca. zwei Stunden.

Dabei erfährt man alles Wissenswerte zur Geschichte der Schanze(n), des Skispringens und so manche Anekdote. Man unterscheidet grundsätzlich sog. Normalschanzen, Großschanzen und Flugschanzen.

Ich habe mir das Besichtigungsvergnügen vor zwei Jahren gegönnt und hatte viel Spaß beim Erkunden der Orte und Räume, wo sonst nur die Sportler hinkommen. Wie zum Bespiel den Sprungrichtertrakt an der Seite, die Trainer-Plattform wo die „Schützlinge“ mit der Fahne abgewunken werden und den Fahrstuhl samt Wärmekabine oben im Turm, wo sich die Springer vor dem Sprung aufhalten können.

Und natürlich kann man auch einen Blick auf die Anlaufspur werfen, die heute nicht mehr aus einer Schnee- oder Eiseinlage besteht, sondern aus einer Porzellanschicht  besteht, usw.

Das Beste aber ist, einmal direkt am Schanzentisch bzw. der Absprungkante zu stehen und sich unzählige Außentreppen höher einmal langsam sitzend auf den Absprungbalken zu schieben und dann den Blick in die Tiefe zu haben (nur im Rahmen einer Privatführung möglich). WOW …!!!

Will man die Führung voll auskosten, sollte man also gut zu Fuß sein, festes Schuhwerk tragen und weitgehend schwindelfrei sein. Denn es geht in jedem Fall hoch hinaus – um genau zu sein: auf 142 Meter. Der sog. K-Punkt liegt bei 125 Metern, die Anlauflänge beträgt 96 Meter, die Neigung 35 Grad. Die durchschnittliche Absprunggeschwindigkeit liegt bei rund 95 Stundenkilometern (!).

Nachgebessert wird an den Schanzen immer wieder: So wurde hier aufgrund der Windproblematik im Dezember 2011 ein 1500 m² großes Windnetz zwischen Tisch und Juryturm installiert. Außerdem wurde in die Ski-Line Anlaufspur 2012 ein Messsystem für Absprungzeitpunkt und -stärke eingebaut.  https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Olympiaschanze

Der aktuelle Schanzenrekord liegt auf der Garmischer Schanze bei 145 bzw. 143,5 Metern Weite und wird vom Norweger A. Jacobsen (2014) bzw. dem Schweizer S. Amann (2010) und dem M. Lindvik (2020) gehalten.

Wer mit Kondition ausgestattet ist, kann statt dem Fahrstuhl auch die sog. Himmelsleiter  – mit über 500 Stufen – nehmen.  Ich bin die besagten Metallstufen hinunter gegangen und habe beim schnellen Gehen im diffusen Licht irgendwann nur noch Sternchen gesehen.

Sie fragen, ob ich da oder von einer Kleinschanze mal runterspringen würde? Sicherlich nicht, DENN kein Sprung verzeiht einen (größeren) Fehler und Korrekturen in der Luft sind nur bedingt möglich.  Die meisten Stürze gehen Gott sei Dank glimpflich ab, einige Ex-Springer sitzen heute aber im Rollstuhl. Was mich am meisten dabei schreckt, ist, daß man von oben die Aufsprungfläche nicht sieht, respektive erst im über „dem Backen“ den Landepunkt  anpeilen kann. Desweiteren, daß es aus der vorgegebenen Spur kein Entrinnen/ Ausscheren gibt. Man kann also nicht eben mal im Schneepflug durch Ausstellen abbremsen, wenn es einem zu schnell wird oder man gar anhalten will etc.

Genau deshalb ist ein guter Alpin-Skifahrer noch kein guter Skispringer. Diese sind aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt und verfügen in der Regel  über ein gutes Nervenkostüm. Andere Skifahrer sind da schon eher mal Draufgänger, genau das kann man in dieser Disziplin nicht gebrauchen. Auch kann man Weiten nicht durch Körpereinsatz oder Willen erzwingen. Der Erfolg liegt vielmehr in einer Kombination aus Technik, Lockerheit und Selbstvertrauen in das eigene Sprunggefühl und Können. Auch die Einstellung der Schuhbindung scheint eine Wissenschaft für sich und maßgeblich relevant für den Anstellwinkel der extrem langen Ski (je nach Größe und Gewicht ca. 2,45 Meter) beim Ansprung und Aufsprung (im Telemark-Stil).

Während meiner Besichtigung war leider kein Sprungtraining, denn gerne hätte ich einen Springer oder eine Springerin mal dazu befragt, d.h. zur Konzentration, zum letzten Gedanken vor dem Sprung …. oder besser dem Flug.  Außerdem hätte ich- typisch Frau – gerne mehr über das Material der Sprunganzüge (eine Art Neopren) und das relative Luftpolster erfahren, das sich zwischen Körper  und Anzug im Gleitflug bildet, etc. Nur eines steht in diesem Zusammenhang fest:  alle Skispringer sind ähnlich den rhythmischen Sportgymnastinnen wahre Diät-Künstler mit einem BMI (Body-Mass-Index) um die 20. Was tut man nicht alles, um scheinbar schwerelos und elegant zu fliegen;  egal, ob im Parallel- oder V-Stil, Hauptsache mit Stil.

Der Rekord im Ski-Fliegen auf den noch größeren „Flug-Schanzen“ wie Planica (SLO) oder Vikersund (NOR) liegt übrigens bei 253 Metern (Stefan Kraft). Was soll man da noch sagen ….

Petra
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