Wird’s besser, wird’s schlimmer, fragt man alljährlich. Doch seien wir ehrlich: Leben (war und) ist immer gefährlich“ (Erich Kästner)

Mehr oder weniger schlaue Sprüche über das Leben gibt es viele. Darunter auch „Zu Sterben ist nicht schlimm, aber nie gelebt zu haben“.  Inhalt und Interpretation mag an dieser Stelle jeder hinsichtlich seiner eigenen Situation beurteilen, aber im Prinzip ist – wie die Corona-Pandemie gerade zeigt – schon was dran.

Zumindest scheint gerade das „ große Überdenken“ angesagt zu sein; in Neudeutsch „sich neu erfinden„. Grundsätzlich ist es sicher richtig, sich von Zeit zu Zeit zu prüfen, ob Richtung, Ziele und Haltung etc. noch stimmen. Dabei sollte man aber auch nicht alles Bisherige kritiklos über Bord werfen und vor allem nicht alles glauben, was einem nun „aufgetischt“ wird. Reflektieren, selbständiges  kritisches Hinterfragen, Wachsam bleiben, ist nun m.E.  mehr denn je  angezeigt. Die unmittelbaren Ansichten und Auswirkungen hinsichtlich der Coronakrise möchte ich im Folgenden jedoch eher außen vor lassen. Was ich meine, ist vielmehr die allgemeine Sinnfrage, die sich ab einem gewissen Alter wohl jeder schon einmal gestellt hat:

Wenn wir unser Leben noch einmal leben könnten, wie würden wir leben, was würden wir ggf. ändern? Sicher, nachher ist man immer schlauer, aber dennoch ist es nie zu spät, um ab und an mal „aus dem Hamsterrad rauszuspringen“. Denn es gibt immer mehr als eine Lösung/ Entscheidungsmöglichkeit. Sicher, man MUSS selten etwas, aber gerade die Möglichkeit  etwas zu können und bewußt zu wählen, zeichnet für mich das Leben in jedem Alter aus. D.h. die Fülle des Lebens liegt oft in der Erfahrung des Augenblicks. Meist sind dies marginale Momente wie ein Sonnenaufgang oder das Glitzern eines zugefrorenen Sees.

Auch ich habe mir diese Frage schon oft gestellt und kann für mich sagen, nichts nachhaltig zu bereuen oder verpaßt zu haben. Die für mich sehr zutreffende Antwort laß ich kürzlich in einer Abhandlung über „Lebensintensität“ . Zitiert wird darin der spanische Poet Jorge L. Borges, der darüber sagt: „wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich mehr riskieren. Freilich hatte ich viele schöne Momente …“

Ich meine: das Leben ist immer jetzt und ich selbst kann für mich sagen, daß mich schon immer die Sehnsucht nach einem intensiven Leben (gemäß den eigenen Wünschen) antrieb. Viele verübeln mir das und werfen mir gerne Egoismus und (ungerechtfertigte) chronische Unzufriedenheit vor. Da halte ich es mit Goethe, der da sagt: „Es irrt der Mensch solang er strebt“, denn nur das ermöglicht Fortschritt (dabei sind die Ergebnisse nicht zwangsläufig auschließlich positiv).

Wie auch immer, intensiver leben bedeutet eben auch mal gewisse kalkulierbare Risiken oder Herausforderungen anzugehen, das Unbekannte zu entdecken. Denn rückblickend bedauern laut einer Studie die meisten Erwachsenen nicht irgendwelche Fehler gemacht, sondern etwas nicht getan bzw. Chancen verpaßt zu haben. Sei es spontan oder nach entsprechender (Lebens)planung.

Hier zwei persönliche Beispiele:  Wenn man im Alter von 34 Jahren von seinem Arbeitgeber gefragt wird, ob man für zwei Jahre zur Tochtergesellschaft nach Mexico gehen möchte, gibt man dafür auch einiges in seinem bisherigen Leben – wie Wohnort und Freunde – auf. In meinem Fall war ich sogar noch für meinen Ehepartner verantwortlich, der – um mitzukommen – seine Kanzlei aufgab bzw. das Büro verkaufte. Natürlich  handelte es sich hierbei nicht um – mit Verlaub – im eigenen Land gescheiterte Auswanderer der einschlägigen TV-Serien.  Hier ging es um eine einmalige berufliche Chance/ Lebenserfahrung, abgesichert durch ein großes Pharmaunternehmen. Interessanterweise kommentierte unser Umfeld  dieses Angebot fast ausschließlich mit „oh Gott, mußt Du dahin?“ … nein, ich durfte dahin – so unterschiedlich ist halt das Streben der  Menschen. Wir haben es nie bereut und sehen es heute als mit die schönste Zeit unseres Lebens an (damals mit kurzen Haaren).

Jahre später kamen wir auf einem Trip durch Meck-Pom an einem kleinen Pappschild am Straßenrand  vorbei auf dem stand: „heute wieder Panzerfahren in der Damerow-Kaserne“. Was für ein preiswerter Spaß in freiem Gelände gegen eine Gebühr/ Spende von wenigen EURO zum Erhalt des „Fuhrpark-Museums“. Event-Agenturen bieten dies für weit über EURO 100.- pro Person an. Blaue Flecken waren übrigens eingeschlossen, denn die Dinger sind nun mal aus Eisen und Stahl und nirgends gepolstert. Auch sind sie schneller als man denkt und beim Auf und Ab des Geländes wird man ganz schön durchgeschüttelt. Freilich, man muß im Leben nicht Panzer gefahren sein (was muß man schon?), und eigentlich sind wir dort nur vorbeigekommen, weil wir uns verfahren hatten. Ein „Wink des Schickals“ …

Eine wichtige Quelle dabei sind stets Neugier und Motivation. Denn das Erkennen und Suchen sind auf dem Erfahrungsweg essentiell. Die Lust auf etwas Neues zu erleben, wirkt daher mindestens so nachhaltig, wie finanzielle Belohnungen.  Dies insbesondere deshalb, als damit meist auch die Bewältigung von (unvorhersehbaren) Problemen verbunden ist, was das Selbstvertrauen stärkt und über das Geschaffte Glückgefühle auslöst. Medizinisch gesehen werden dabei im Körper sog. Neurtotransmitter wie das Dopamin ausgeschüttet. Wenn ich etwas Neues angehe, nenne ich es immer „mir ein paar Endorphine“ gönnen. Nicht zu verwechseln mit einem unbedingt  nervenaufreibenden oder gar illegalen Adrenalinstoß, denn auch ein gesundes Maß an Sicherheitsdenken, Vorsorge und Verlässlichkeit sind für ein erfülltes Leben unerläßlich. Vertrauen in sich ist dabei quasi das Gegenmittel der Angstbewältigung vor dem Unbekannten. D.h. vor lauter Angst droht man oft das Vergnügen zu ignorieren. Zudem wird Grad und Dauer der Zufriedenheit stark von der Intensität des Erlebens bestimmt.

Zusammengefaßt heißt dies aber auch: die Fülle des Lebens liegt in der Erfahrung des Außergewöhnlichen, egal ob es sich nur um einen Augenblick oder den Rückblick auf das Erlebte handelt. Dies schließt leider oft auch Unangenehmes, ja regelrechte Traumata ein.

In jedem Fall lohnt es sich gerade für uns Mittel-Europäer, auch mal die „individuelle Komfortzone“ zu verlassen, um – hoffentlich vor Freude – mal wieder sein Herz pochen zu hören. Z.B werden Berggipfel immer als „Kraftorte“ bezeichnet. Ganz klar: dort gibt es keine mystischen Magnetfelder oder Trolle.  Man ist oben einfach stolz es geschafft zu haben und die grandiose Aussicht zu genießen – genau das gibt Kraft. CARPE DIEM bzw. den Tag nutzen und bewußter leben. Denn meines Erachtens gilt:  nur wer den direkten (Selbsterfahrungs-) Vergleich hat, kann auch angemessen mitreden und urteilen.

Petra
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