Es ist Samstag und am Ortsrand von Neu Wulmstorf (nahe Hamburg Harburg) sammelt sich ein wohlgelauntes Völkchen von 11 Männern und Frauen. Routiniert tragen sie je eine 10,5 Zentimeter große und zirka  850 Gramm schwere Hartkugel aus Holz oder Gummi bei sich (Einheitsgröße für Damen und Herren). Ferner einen sog. Knüppel oder Gaffel, um besagte Kugel bequem aufzuheben oder im hohen Gras besser suchen zu können.

Dankenswerterweise darf ich einmal für 2,5 Stunden in diesen „Ostfriesen-Nationalsport“ reinschnuppern. Die Cracks betreiben dieses „Openair Kegeln“ auch wettkampfmäßig bis hin zu Deutschen und Europa-Meisterschaften. Neben Deutschland wird vor allem in den Niederlanden, Irland und Spanien erfolgreich gebosselt.  https://de.wikipedia.org/wiki/Bo%C3%9Feln

Mein netter Gastgeber Willibald Müller vom TVV Neu-Wulmstorf (selbst ein begnadeter Spieler) informiert u.a. darüber, daß der Ursprung des Boßelns im „Klootschießen“ liegt, wobei das „Werfen von Lehmklumpen“ ursprünglich als Verteidigungswaffe gedacht war. Während die Armschleudertechnik des Klootwerfens eher als kompliziert gilt, ist die Technik des Boßelns entlang Straßen und Wegen relativ leicht erlernbar und für ein breiteres Publikum zugänglich. Mit der Bildung von Boßelklassen und -ligen für Männer und Frauen um 1900, erlebte der friesische Nationalsport einen erneuten Aufschwung und ist seither ein fester Bestandteil des sportlichen und kulturellen Treibens.

Worum geht es, was sind die Voraussetzungen dafür?

  • Eine Boßelstrecke mit möglichst wenig Straßenverkehr von 4-6 Kilometer Länge  suchen. Es kann ein Rundkurs oder eine Strecke mit Wendemarke ausgewäht werden.
  • Mannschaften von 4-6 Boßlern pro Gruppe sind für das Spielen oder einen Boßel-Wettkampf am besten geeignet.
  • Ziel des Boßelns ist es, für eine vorgegebene Strecke weniger Würfe zu benötigen, als das gegnerische Team.
  • Die Teams starten an einer Abwurflinie. Team 1 startet, Team 2 legt nach. Es wirft immer die hinten liegende Mannschaft. Werfer 2 von Team 2 folgt demnach mit Wurf 3, usw. Am Ende wird über eine Ziellinie geboßelt.
  • Bei den Liga-Wettbewerben in Ostfriesland und Oldenburg werden 10 Durchgänge von zwei gegeneinander spielenden Mannschaften geboßelt. Das bedeutet, dass hier keine feste abgemessene Strecke vorgegeben ist. Die Mannschaft, welche als erste mit allen Werfern 10 Würfe absolviert hat, hat verloren. Folglich hat die andere Mannschaft bis zu diesem Zeitpunkt weniger Würfe benötigt, und diese Anzahl der weniger benötigten Würfe sind letztlich die erreichten Punkte.
    Bei Pokalturnieren sind mehrere Mannschaften am Start und die Strecken sind mit einer Start- und Ziellinie vorgegeben. Es hat die Mannschaft mit den wenigsten Würfen gewonnen. Bei Wurfgleichheit, das kommt vor, entscheiden die Nachlaufmeter, welche die Boßelkugel über die Ziellinie hinausgerollt ist. Je weiter die Kugel gerollt ist, desto besser.

Beim Boßeln ist es besonders wichtig, sich vor dem Wurf über die Beschaffenheit der Strecke zu informieren. Bei geraden oder übersichtlichen Strecken ist es möglich, einen kräftigen und wuchtigen Wurf auszuführen. Boßler der sportlichen Ligen in Ostfriesland und Oldenburg nehmen dafür einen kräftigen Anlauf, reißen den Wurfarm kurz vor dem Wurf nach hinten und lassen ihn dann mit großer Kraft und Genauigkeit nach vorne schnellen. Die Kurventechnik ist ausgefeilter und erfordert einen gefühlvolleren Wurf; da schlägt oft die Stunde der Frauen.

Geboßelt wird im Grunde das ganze Jahr – auch im Schnee. Glaubt man den „Bosselern“ und diversen Pressemitteilungen, tun sie es sogar besonders gern im Herbst und Winter. Egal wie kalt es ist, hertgesottene Männer und Frauen eben. Nur bei Glätte sollte man es aus Sicherheitsgründen lieber lassen.

Bevor wir in zwei Gruppen aufbrechen noch das Wichtigste:  unterhalb eines Verkehrsschildes wird der Hinweis auf „Bossler unterwegs“ angebracht. Dann geht’s los auf die Strecke. Übrigens ganz ohne alkoholbeladenem Bollerwagen, wie man es immer so liest. Spiel-Spaß ja, Party-Gaudi nein.

Gott sei Dank liegen rechts und links weder Kuhfladen, noch Entwässerungsgräben, wo man die Kugeln im Zweifelsfall herausfischen muß. Schnell bemerke ich, daß es zwar Grundregeln und Empfehlungen gibt, welchen Standpunkt man zum Abwurf am besten einnimmt oder wie man die Kugel am besten wirft bzw. voranbringt, andererseits scheint so jeder seine eigene Wurftechnik und Erfahrung mit dem Terrain zu haben. Außerdem sind einige ältere Kugeln eher abgegriffen und liegen daher sicherer in der Hand, andere Neue sind glatter und rollen dafür besser. Manchmal werfen die Herren  übrigens auch mit einer sog. 12er Kunstoffkugeln, die bis zu 1200 Gramm wiegen. Nun denn ….

„Kiek ut „- Achtung die Boßel kommt ! Dabei gehen einige Spieler beim Abwurf mit Anlauf und optisch recht wild zu Werke, andere eher ruhig und körperkontrolliert. Das muß man gesehen haben, die Kugeln der Könner flitzen nur so. Hier ein kleiner Clip: https://www.youtube.com/watch?v=dE9f3RFmviY

Der Erfolg ist ähnlich dem Golfen jedoch oft vom Feingefühl in Schulter, Handgelenk und jahrelanger Übung sowie dem „Lesen der Strecke“ hinsichtlich Gefälle, Krümmung und Randstruktur abhängig.  Männer erreichen dabei durch mehr Schwung und Drive meist größere Strecken (bis zu 250 Metern pro Wurf). Eine Distanzgarantie ist dies jedoch nicht, da teils auch ein wenig Glück mitspielt, wie lange bzw. wohin eine Kugel rollt. Denn insbesondere eine hoch springende Kugel kann schnell im Grün landen, anstatt wie von einem magisch gezogenen Faden an der Randkante zur Grasnarbe hin entlang zu rollen. So können auch Frauen mit weniger Kraftaufwand gute Längen erzielen, denn manchmal kullern die Kugeln durch Effet beim Abwurf aus der Grasnarbe auch wieder heraus auf die Wegfläche. Es gibt nichts, was es nicht gibt; selbst Kugenl, die wundersam der Kurve folgen. Dabei könen schon geringste Unebenheiten, Steinchen- oder Laubreste (die man aus der Entfernung gar nicht sehen und evtl. kalkulieren kann) einen guten Wurf auch für Experten schnell zunichte machen.

Unfälle gebe es selten, sagen die Spieler. Außerdem habe jeder Club eine Versicherung, für den Fall, dass die Werfer mal den Scheinwerfer eines  vorbeifahrenden Autos oder einen Gartenzaun beschädigen (wie praktisch, daß ein Mitspieler ehemaliger Polizist ist).

Bessere und schlechtere Würfe mit meiner blauen Kugel wechseln sich ab. Die Zeit vergeht wie im Fluge und mein Ehrgeiz erwacht. https://www.youtube.com/watch?v=DUHaCjDYJD8

Dabei darf auch mal geplaudert und ein Witzchen gemacht werden;  die Atmosphäre ist angenehm locker und alle feuern sich gegenseitig an. Vor allem unser Senior „Didi“ (80 Jahre) ist als ehemaliger Top-Spieler voll dabei und fit. Da man nicht aus gebeugter oder verdrehter Haltung werfen muß , ist die Sportart für Jedermann bis ins hohe Alter geeignet – das mache ich mal wieder. „Post-Corona“ – dann vielleicht mit einem abschließenden „Klönsnack“ bei  Kaffee und Kuchen und gerne einem Schnäpschen oder Bierchen. Prösterchen !

Petra
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