Verfolgt man anläßlich des 30. Jahrestages der Wiedervereinigung die Medien scheint es, als sei nun alles gesagt. Jeder dürfte seine eigenen Erinnerungen an die Wendezeit und zum aktuellen Grad der Wiedervereinigung haben. Für mich sind dabei die kleinen Dinge die Menschen bzw. den „Normalbürger“ bewegen ebenso wichtig, wie Erlebnisberichte von Promis. Manche Wendungen und Lebensläufe sind aber auch wirklich bemerkenswert. Und das umso mehr, wenn man die betreffenden Personen näher kennengelernt und über Jahre Kontakt hatte. Da erlebt man buchstäblich die „Geschichte hinter der Geschichte“.  Über eine dieser Persönlichkeiten habe ich im Blog bereits exklusiv berichtet; nämlich über die Modedesignerin und heimliche Ost-Ikone JOSEFINE VON KREPL. https://www.topagemodel.de/2018/09/07/adel-verpflichtet-josefine-edle-von-krepl-ein-leben-fuer-die-mode/

Sie ist inzwischen 76 Jahre alt,  https://de.wikipedia.org/wiki/Josefine_von_Krepl  und macht weiterhin Schlagzeilen. Wenn sie Details aus ihrem Leben berichtet, wie anläßlich eines sehr offen Interviews im August 2019, kommen dabei immer wieder kuriose Umstände zur Sprache: https://www.tagesspiegel.de/berlin/staendige-ausreise-aus-der-ddr-eine-scheinehe-die-in-die-freiheit-fuehrte/24866436.html

Zurecht sagt sie darin, daß sie in einigen Momenten ihres Lebens tollkühn war. Sie spricht ferner über Ausreisemöglichkeiten (nie Flucht), Bespitzelung, Repressalien und falschen Freunden, aber auch über ihre Kinder, eine Scheinehe und ihren heutigen Partner (der einst von Bord eines Schiffes sprang um dem Regime zu entgehen) und natürlich über die Modewelt und ihre Arbeit als Moderedakteurin in der DDR.

Ich habe sie anläßlich einer historischen Modenschau samt White Dinner 2013 in Bad Doberan (Model-Engagement) ebenfalls als unkonventionnell, selbstbewußt und temperamentvoll erlebt. Die adlige Dame moderierte die Schau höchst selbst und ich kann mir umso mehr vorstellen, wie begrenzt und schwierig ein Leben für sie hinter der Mauer war. Ich erinnere mich im Rahmen der 2-tägigen Vorbereitung gut daran, daß sie solange zwischen den Kleiderständern hin und her wirbelte, bis jedem Model 5-6 typgerechte Outfits zugeordnet waren. Selbst wer diese zierliche rothaarige Frau nur aus der Ferne beobachtet spürt unvermittelt, das da was ist, was sie von anderen unterscheidet. Kein Wunder bei dem Werdegang : wer viel erlebt hat, kann auch viel erzählen. Die Person muß es aber auch für sich verarbeiten, was trotz aller Euphorie nicht immer so einfach ist.

Ich hatte durch den Eiskunstlauf-Sport schon recht früh ab 1972 einige Einblicke in das Geschehen und die Abläufe in der DDR erhalten und somit eine gewisse Vergleichsbasis. Genauer gesagt spreche ich von meinem langjährigen Trainer und WM-Dritten: GÜNTER ZÖLLER. https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Z%C3%B6ller.  Auch von ihm war auf dem Blog schon die Rede, denn eine Zeitlang war er auch Trainer von Vize-Weltmeister und XY-Moderator Rudi Cerne.

Er selbst trainierte seinerzeit – wie später Katharina Witt – natürlich bei DER DDR-Meistermacherin Jutta Müller, entschloß sich im Januar 1972 (damals 23 Jahre alt) während der EM in Göteborg aber dennoch zur Flucht. Warum, wenn man als sportliches Aushängeschild in der DDR doch alles bekommen konnte … Auto, Westkleidung, Wohnung, spezielle Lebensmittel? Geplagt von diversen Verletzungen war Günter (der im Gegensatz zu J. v Krepl eher ein zurückhaltender Mensch ist) schnell klar, wie endlich diese Privilegien waren und das er aufgrund nachdrängender Konkurrenz bald nicht mehr international antreten und verreisen konnte. Er wußte um das Risiko, den Druck und die jahrelange Trennung von der Familie und doch entschied er sich unter Mithilfe seines österreichischen Kollegen Günter A. zur Flucht. Nur mit dem was er am Körper trug und seinen Medaillien, gelangte er in den Westen. Mit dabei noch seine Schlittschuhe, dem einzigen Kapital mit dem ein Neustart gelingen würde.

Als Ende Januar wenige Tage später die Radio-Nachricht die Runde machte, daß er im Auffanglager Friedland sitze, griff mein Vater spontan zum Telefonhörer und ließ mitteilen, daß man ihm in Ludwigshafen einen Trainerjob anbiete und sich um alles weitere kümmere. Nur wenige Tage später stand er in seinem schwarzen Liftanzug und Backenbart vor mir, der damals Zwölfjährigen auf dem Eis. Dank eines Bildzeitungsinterviews hatte man ihm da schon einen weiteren Lebenstraum erfüllt: einen Sportwagen sprich einen Alpha Romeo zu fahren. Es klang wie ein Märchen, ich aber weiß, wie problematisch das Leben für ihn danach war. Wenngleich alle diese Sportler in der DDR lebenslang ausgesorgt hatten, blieben sie außerhalb de Systems doch Abhängige, die anderswo damals kaum eine Existenzbasis hatten. Eine Schulausbildung existierte meist nur auf dem Papier. Kein Wunder bei separierten 2-3 Personen-Klassen und durchschnittlich nur 2-3 Schule am Tag; der Rest war Trainingszeit. Ja, er sei Zitat „KfZ-Mechaniker, wisse aber nur, wo man den Kofferraum aufmacht“. Noch lange Zeit sorgte er sich um seinen auffallenden sächsischen Akzent, da man ihn so schnell als „Ossi“ identifizieren konnte. Heute mag das anderes sein, damals aber wußte er, daß man Republikflüchtlinge teils bis in der BRD verfolgte, bedrohte und ihnen manchmal gar nach dem Leben trachtete. Schließlich sah die DDR in ihm eine Art Vaterlandsverräter. Seine Angst davor war so groß, daß er sich manchmal verfolgt fühlte,  nachts häufig nicht schlafen konnte und sich nur in der Wohnung seiner Freundin halbwegs sicher fühlte, etc. Es würde an dieser Stelle zu weit führen darzulegen, was der gebürtige Chemnitzer im Laufe der Zeit alles offenbarte (u.a. regelmäßige Bluttests und spezielle Trainingsbedingungen). Die Aufeinandertreffen mit den Ex-Sportkameraden von „drüben“ nach der Wende waren jedenfalls eher von Verachtung, als von von Freundschaft oder gar Verständnis geprägt.

Als Trainer war er nicht besonders streng, und seine sächsischen Sprüche und Witze waren legendär. Ich habe viel von ihm gelernt und letztlich hat er mich als erfolgreiche Athletin geformt, die selbst 1978 und 1979 zweimal an den Profi-Weltmeisterschaften teilnahm. Wir sehen uns nur selten, aber wenn, dann ist es stets ein großes HALLO.

Später hatte ich 1982 noch einmal Gelegenheit hinter den „Eisernen Vorhang“ zu schauen. Als Austauschstudentin habe ich sechs Wochen in Ungarn zugebracht bzw. dort für die staatliche Hotelkette „Pannonia“ als Prakikantin gearbeitet. Im Büro der Hauptverwaltung ging es manchmal wirklich zu wie im Film. D.h. dort standen tatsächlich drei Telefone: ein schweres schwarzes für Stadtgespräche innerhalb Budapest, ein Graues für nationale Verbindungen und ein modernes Rotes für Auslandsgespräche. Dort konnte ich dann wenigstens ohne Unterbrechung auch mal länger nach Hause telefonieren, denn in den offiziellen Telefonkabinen wurden die Gespräche häufig unvermittelt unterbrochen oder es gab ab 21.00 Uhr überhaupt keine Leitungen mehr – einfach, weil die „Mithörer“ Feierabend hatten.

Das klingt im Nachhinein alles abenteuerlich und lustig, war es aber nicht. Für denjenigen, der es selbst erlebte, hat es – selbst als „Wessi“ – bis heute eine andere Qualität. Szenen wie aus einem anderen Leben, die ich dennoch nicht missen möchte. Und letztlich kommt es im Rahmen der Wiedervereinigung meines Erachtens nicht darauf an, welche Stimmung in den Medien verbreitet wird und was die Politik gerne hätte,  sondern einzig, was jeder Einzelne daraus macht.

Und vielleicht wäre in der Tat der 23. Mai als der Verfassungstag der BRD tatsächlich das mehr Identität stiftendere Feiertagsdatum gewesen, als der 03. Oktober.

 

 

 

Petra
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