Beim Glockengießen gibt es keine moderne Technik, nach wie vor ist fast alles traditionelle Handarbeit. Weltweit werden Glocken schon seit zirka 5000 Jahren gegossen. Das heute noch gebräuchliche Verfahren geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Das Gedicht „Die Glocke“ von Friedrich Schiller beschreibt den mühsamen Vorgang in wenigen Worten sehr treffend:

Fest gemauert in der Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden! Frisch, Gesellen, seid zur Hand!
Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben; doch der Segen kommt von oben …..

In der Adventszeit dabei zu sein, wenn eine Glocke gegossen wird, ist fast wie Magie. Ich hatte einmal Gelegenheit die Firma Bachert (gegr. 1725, eine der ältesten Gießereien in Deutschland) zu besuchen, als gleich mehrere Glocken gleichzeitig gegossen wurden. https://de.wikipedia.org/wiki/Glockengie%C3%9Ferei_Bachert

Schon im Eingangsbereich sind größere und kleinere Exemplare zu sehen; meist defekte Glockenkörper mit großen Rissen. Auch diverse Klöppel liegen dort gut sichtbar platziert auf dem Boden oder ruhen auf Holzgestellen. Sie anzuheben ist kaum möglich, so schwer ist jeder einzelne. Die größte Glocke des Kölner Domes wiegt  24.000 kg, allein der Klöppel 600 kg.


Nach Eintritt in die große Backstein-Werkhalle, wo schon die Stifter, kirchliche Würdenträger und Vertreter der Kirchengemeinden versammelt sind, deren drei Glocken im Boden auf ihre Fertigstellung warten, wird es zunehmend duster. Es herrscht andächtige Stimmung.

Zuvor hatten wir eine halbe Stunde Erklärungen am Modell erhalten. Dort wird anschaulich gemacht, wie aus Backsteinen und Lehm zunächst eine innere Glockenform aufgebaut wird, der sogenannte Kern. Darüber wird aus Lehm eine weitere Schicht aufgetragen, die mit Hilfe der „Rippe“ exakt die Form der späteren Glocke bekommt – das ist die sogenannte  „falsche Glocke“. Darauf werden mit Wachs alle gewünschten Inschriften und Verzierungen aufgetragen. Darüber wird dann eine dritte Lehmschicht modelliert, die man den Mantel nennt.

Nun liegen 1 bis 1,5 spannende Stunden vor uns. Ob alles gut geht?  Vor uns im Boden kann man deutlich diverse Rinnen erkennen, die zu den einzelnen Glockenkellern führen. Und obwohl es draußen recht kalt ist, soll uns noch nachhaltig warm werden und Staub wird den Raum erfüllen, der in den Augen beißt. Andächtig beginnt ein Blas-Quartett zu spielen.

Der Mann im silbernen Schutzanzug bekreuzigt sich vor einem kleinen Altar und murmelt ein paar Sätze, die mit den Worten „in Gottes Namen“ enden. Traditionell ist es kurz vor 15.00 Uhr, der Todesstunde Jesu. Er kniet vor einem riesigen Ofen und hält einen armdicken Zapfen an eine Öffnung. Ein anderer schlägt mit einem Vorschlaghammer ein gutes Dutzend Mal auf besagten Zapfen. Qualm steigt auf, dann quillt die rot-gelbe glühend heiße „Glockenspeise“ Masse (ca. 75% Bronze/ 25% Zinn) bei 1.100 Grad aus dem Ofen. Funken sprühen, erneuter Rauch steigt auf. Wie ein Lavastrom fließt das Metall in den Rinnen zu mehreren Öffnungen im Boden. Dort sind Wochen zuvor die Gussformen der Glocken festgestampft worden.

Die dabei angewendeten Rezepturen sind teils über 200 Jahre alt. In der sogenannten Lehmbude, rühren überdimensionale Knethaken in einer zähen Masse. Damit werden die  benötigten Gußformen modelliert. Angeblich wird diesem Gemisch u.a. auch Tier-Urin beigemengt, um es geschmeidiger zu machen.

Wir lernen, daß die „Rippe“ das Betriebsgeheimnis einer jeden Gießerei ist. Gemeint ist damit eine Holzschablone für eine Urglockenform. Jede Glocke, die hergestellt wird, trägt übrigens einen Stempel bzw. eine Signatur der Manufaktur.

Beim Erhitzen des Lehms schmilzt das Wachs ab, Schrift und Verzierung bleiben als Negativabdruck an der Innenseite des Mantels erhalten. Nun muss nur noch der Mantel abgehoben, die „falsche Glocke“ herausgeschlagen und der Mantel wieder über den Kern gestülpt werden -fertig ist die Gussform. Leichter gesagt, als getan. Und damit diese beim Befüllen mit Bronze nicht zerspringt, wird sie in der Erde eingebuddelt.

Doch was unterscheidet gute und schlechte Glocken? Der Besucher lernt dazu u.a., daß eine einzelne Glocke nicht einfach einen Ton erzeugt, sondern eine Sinfonie aus verschiedenen Tönen, die aufeinander abgestimmt sein und in Harmonie mit anderen Glocken stehen sollte.

Ursprünglich galten die Glocken der Christen als heidnischer Brauch und die ersten Exemplare glichen wohl eher Kuhschellen aus Blech. Erst die Klosterbrüder des Mittelalters wagten sich an die Bronzegusstechnik.

Die Glockenherstellung und Auftragsanbahnung ist kein leichtes Geschäft.  Und über 10 Mitarbeiter der Firma sind ständig unterwegs, um Glockenstühle und Schlagwerke auszubessern.

Langsam ist es in der Gusshalle still geworden, nur ab und an ist noch das Klacken eines Fotoapparates zu hören. Die Luft ist nun so stauberfüllt, daß die Bilder zunehmend unscharf werden und das Atmen schwerfällt. Die insgesamt fünf Männer, die zwischen den heißen Metallströmen im Glockenfeld arbeiten und inzwischen alle Kellerzugänge kontrolliert haben, leisten Schwerstarbeit. Dem entsprechend sind ihre Gesichter rot und verschwitzt, als sie die Schutzmasken abziehen.

Als die große Hallenschiebetür endlich wieder aufgezogen wird, treten wir berauscht in’s Freie. Für wahr eine nachhaltige Einstimmung auf die Advents- und Weihnachtszeit.

Wie diese Glocken später tatsächlich klingen werden, konnten wir allerdings nicht hören, da sie vor der Bergung erst noch drei Wochen in der Erde abkühlen müssen. Dann erst wird mit einer Stimmgabel geprüft, ob der Guß tatsächlich gelungen ist. Bis zu 50 Klangfarben kann eine Glocke haben; der Klang hängt dabei u.a. von Höhe, Durchmesser und Wandstärke ab.

Der Bogen macht den Glockenklang … und verströmt die Harmonie, nach der sich  gerade in diesen Zeiten viele von uns sehnen. Weiterhin eine schöne Adventszeit und vor allem  G E S E G N E T E   W E I H N A C H T E N.

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Petra
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