Künstler haben es nicht nur in diesen Zeiten schwer. Lange wurden gerade Graffiti-Künstler gerne in die illegale Schmuddel-Ecke gestellt. In einigen Städten sind sie derzeit aber geradezu gefragt. Nämlich um häßliche Blocks freundlicher erscheinen zu lassen, öffentliche Wände thematisch zu gestalten oder Farbe in Räume zu bringen. Der britische Graffiti-Artist mit dem Synonym „Banksy“ ist mit seinen Schablonengraffiti in den letzten drei Jahren geradewegs zum Kultstar der Szene geworden. https://de.wikipedia.org/wiki/Banksy

In meinem Fall ist es die 35 Quadratmeter große Wand (samt Tür) eines Jugendzentrums und ein Kanzleizimmer meines Mannes. Aber der Reihe nach …

Endlich hat es mit einem Termin geklappt und ich treffe Grazian (hat schon im Team mit Größen dieses Fachs in Berlin gesprüht) und Erik bereits in voller Aktion an. Da es sich um eine Auftragsarbeit handelt und nicht um ein freies Werk, wird zunächst per Overhead-Projektor eine Grobzeichnung an die Wand geworfen. Das geht schneller und garantiert die gleichmäßige Ausrichtung von Schriftzug und Bild.

Dann heißt es erst einmal die benötigten Farben rauszusuchen, d. h. aus einer Armada von Sprühdosen und vor allem verschieden Sprühköpfen zu wählen. Die sog. „Caps“ haben unterschiedlich große Sprühventile (z.B. 0,02 mm), wodurch Präzision und Strahlstärke gesteuert werden kann. Viele Sprühköpfe haben in Fachkreisen übrigens Namen wie „Skinny“ oder „Junkie“. Letzterer hat einen feinen Rüsselaufsatz am Sprühventil. Übung, jahrelange Erfahrung und persönliche Fähigkeiten bleiben natürlich das wichtigste Gestaltungselement.

Billig ist dieser „Kunst-Spaß“ – je nach Größe des Objektes – keineswegs, denn die Dosen kosten i.d.R. zwischen EURO 3,50 und 8,50, spezielle (Gold)Lacke und Stifte aber auch mal EURO 25.- das Stück. Ein paar Quadratmeter kommen da immer schnell zusammen.

Aber weiter:  Schütteln, schütteln, … und immer wieder schütteln, um die Farben per Klack, klack geschmeidig zu machen.  Handhaltung der Dose und das Spiel mit dem Zeigefinger auf dem Sprühkopf sind neben der Distanz zur Wand die wesentlichen Technikelemente um das Gelingen zu garantieren. Grundsätzlich gilt: je näher, umso präziser und schmaler die Linie. Je weiter weg, umso größer, aber auch ungenauer sind Spühbreite bzw. Sprühnebel und mithin die Deckkraft.

Langsam riecht es im Raum trotz geöffneter Tür wie an einer Tankstelle nach Lack und Lösungsmitteln wie Terpentin und Aceton. Letzteres gibt es auch in unter Druck stehenden Dosen, um z.B. die feinen Sprühköpfe zu reinigen. Die beiden Jungs tragen inzwischen Profi-Masken, ich wenigstens einen Papiermundschutz.

Selbstverständlich darf ich meist nur großflächige Stellen und unmaßgebliche Konturen sprayen, die beiden wollen ja in drei Stunden fertig werden. Die Farben decken – ja nach Untergrund – zwar gut und lassen auch Korrekturen zu, was aber Zeit kostet und für das Kennerauge durch die unterschiedliche Dicke der Farbschicht sowie leichten Farbunterschieden sichtbar ist.

Als kleinen Exkurs erklären mir die beiden Spray-Experten noch die Welt der Schriften und Zeichen (Graffiti-Kaligraphie). Selbst bei diesen künstlerischen Freibeutern hat jeder Buchstabenaufbau auch mal seine Regeln. Stimmen Reihenfolge und Ablauf nicht, bleibt der typische Effekt aus.

Ein Graffiti Alphabet, quasi die Handschrift des Künstlers, lernt man nicht auswendig. Es ist eher das Lernen wie ein einzelner Buchstabe aufgebaut ist und abgewandelt werden kann.

Das Werk „Zwanzig-Zehn“ schreitet voran und wieder werden spezielle halbdeckende (wasserlösliche) Lacke aufgebracht, um z.B. bei Wolken Transparenz zu erzeugen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Dann der Endspurt: Grazian setzt schwungvoll mit gezielten Sprühstrichen Schattenfugen, stylt Haarspitzen und Highlights auf die Buchstaben.

Am Schluß wird das ganze freilich noch mit seinem Kürzel versehen, ähnlich der Signatur eines Malers.   ….  BRAVO ! .. und ein toller Spaß für Kreative. Sie meinen dafür kein Talent zu haben? Wie heißt es so schön: „Übung macht den Meister“ und „der Mensch wächst mit den Aufgaben“.

Der Begriff „Graffiti“ stammt übrigens aus dem Italienischen (Singular Graffito) und steht als Sammelbegriff für gestalterisch unterschiedliche Elemente, wie z.B. Beispiel Bilder, Schriftzüge oder Zeichen, die mit verschiedenen Techniken auf Oberflächen erstellt werden. Die Graffiti werden zumeist unter Pseudonym und teils auch illegal gefertigt.

Ersteller von Graffiti, insbesondere wenn sie Sprühdosen verwenden, werden oft als Sprayer (= Sprüher) bezeichnet. Wer mehr über Entwicklung, Art und Stile des Graffiti wissen will, ist bei Wikipedia wie immer richtig: https://de.wikipedia.org/wiki/Graffiti

Und hier nun mein neuestes Werk, das freilich nur mit Unterstützung eines Profis möglich war. Lockdown und Homeoffice können auch mal Spaß machen, weil sie Zeit für kreative Räume schaffen. Auf das Paragraphenzeichen bin ich übrigens besonders stolz, denn das Finishing ist von mir. Gitterstäbe und Wanddurchbruch waren zwar meine Idee, die perfekte Umsetzung aber leistete sicherheitshalber der Fachmann. Im Bild sind die aufgespritzten Gitterstangen als Fortsetzung des Lamellenvorhanges kaum zu unterscheiden. Hier trifft Kunst auf Handwerk .. und Handwerk ist ja selbst in Corona-Lockdown-Zeiten gestattet.

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Petra
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