Im Nachinein ist die kleine Geschichte zum Schmunzeln, zum Zeitpunkt des Geschehens jedoch war die Situation überaus lästig. Was einem in Corona-Zeiten ohne liberale Grenzpolitik so alles erspart bleibt ….

Es ist brütend heiß an diesem Augustnachmittag und wir rollen mit unserem Cabrio einem Wochenende am Genfer See entgegen. In Liestal, vor den Toren von Basel, bin ich kurz vor Geschäftsschluß noch mit einer langjährigen Freundin verabredet, die mir ihre Firma zeigen will. Etwas gestreßt schaue ich auf die Uhr. Das wird zeitlich knapp, denn die Autobahn Basel ist an diesem Freitag mal wieder mehr als voll und der nächste Stau nur eine Frage der Zeit.

Kurzerhand entscheiden wir uns – wie so oft – lieber die nicht so stark befahrene französische A35 via Strasbourg und Mulhouse zu nehmen. Nach gut 2,5 Stunden rollen wir langsam aus Frankreich kommend auf den kleinen Landstraßengrenzübergang in Basel zu. Es sind nur drei Autos vor uns, die wie üblich durchgewunken werden. Wir aber werden abrupt gestoppt und in unfreundlichem Französisch um die Pässe gebeten. Der Herr in Blau murmelt etwas vor sich hin und umrundet mehrfach unser Fahrzeug; prüft Reifen und Plaketten. Keine Ahnung, was er sucht, aber offensichtlich würde ihm eine Beanstandung gut in den Kram passen. Schließlich läßt er uns den Kofferraum öffnen. Darin befindet sich einzig ein kleiner Rollkoffer und sonst nichts. Offensichtlich  hatte er nach einer Aktentasche mit Schwarzgeld oder mindestens Kontobelegen gesucht. Ein Deutscher, der mit einem solchen Auto an einem Freitagnachmittag nicht über die deutsche, sondern die französische Autobahn in die Schweiz reist, hat mit Sicherheit etwas zu verbergen. So steht es unsichtbar auf seiner Stirn geschrieben.

Dann läßt er und die Seitentüren und das Handschuhfach öffnen und schaut angestrengt hinein. Seine Deutschkenntnisse gehen offenbar gegen Null, stattdessen fragt er en francais wo die Brieftasche meines Mannes sei. Als er die Antwort erhält, daß er keine habe, nur eine Geldbörse und ein Mäppchen mit Ausweis- und Fahrzeugpapieren, zieht er bedächtig die Augenbrauen hoch und seine Augen beginnen zu leuchten.  Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte auf der Suche nach was auch immer, die Seitenverkleidung der Autotüren heruntergerissen.

Stattdessen fällt ihm nun meine Handtasche zu meinen Füßen in’s Auge und er heißt uns beide auszusteigen und ihm in das Grenzhäuschen zur weiteren Kontrolle und Befragung zu folgen. Die Uhr tickt und ich ahne, daß ich mein Date in den Wind schreiben kann. Wenn’s ausnahmsweise einmal zügig gehen soll. Hinter uns hat sich bereits eine längere Schlange gebildet und die Wartenden verfolgen gespannt die Situation.

Wir fahren das Auto also rechts ran und folgen ihm unter den Blicken eines herbei gerufenen Kollegen in den stickigen Kabuff am Straßenrand. Ich komme mir wie bei einem Stierkampf vor, wobei ich das rote Tuch bin und er der Stier, der mit geblähten Nüstern angriffslustig mit den Hufen scharrt. Dabei habe ich nur ein  leichtes beiges Sommerkleid an.

Ich packe also den gesamten Inhalt der Tasche auf einen staubigen Holztisch, und das ist im Falle einer Damenhandtasche so einiges. Mein Mann tut dasselbe auf der anderen Seite und entleert seine Hosentaschen. Wir schauen uns nur Achselzuckend an. Schließlich entdeckt „unser Mann“ an meinem Handgelenk eine Uhr – eine Chopard. Ah, eine hochwertige Schweizeruhr. Seine Augen signalisieren triumphierend sich einem imaginären Ziel zu nähern.

Ja, wir waren zu dieser Zeit öfters in der Schweiz, da wir in Montreux 2,5 Jahre einen Zweitwohnsitz hatten. Sofort herrscht er mich an, wann und wo diese Uhr gekauft worden sei. Da sie ein Geburtstagsgeschenk vor Jahren war, frage ich meinen Mann ahnungslos, ob er diese Uhr vor oder nach unserem Mexikoaufenthalt gekauft habe. Ha, das Wort „Mexiko“ bringt unseren „Wadenbeißer“ auf neue Möglichkeiten des Vergehens, denn nun ist er auf dem „Drogentrip“. So läßt er uns doch tatsächlich die Ärmel hochkrempeln und sucht nach Einstichstellen. Wäre eine weibliche Grenzerin in der Nähe gewesen, hätte wohl nicht viel gefehlt und er hätte noch eine Fingerprobe oder Röntgenanalyse des Unterlaibes eingefordert.

Als nächstes fragt er gewiß nach den ausgefallenen Ringen an meinem Finger. Spontan lege ich mir scherzhaft den Satz zurecht, daß diese aus einem Einbruch vom letzten Jahr stammen. Er aber ignoriert diesen Schmuck und ist auch weiterhin nicht zu Scherzen aufgelegt.

Mir wird dieser mit Verlaub „fahndungserfolgsüchtige Terrier mit Tunnelblick“ jetzt langsam zu bunt und ich bitte meinen Mann ihm doch endlich seinen Anwaltsausweis zu zeigen.  Nach Vorlage dieses Dokumentes hält sein Kollege schließlich inne und deutet ihm es doch ebenso gut sein zu lassen. Auch mein Mann trug übrigens ein schweizer Uhrenfabrikat, konnte dem Kollegen durch Nennung des Juweliers aber glaubhaft versichern, daß diese in Deutschland mit Nachweis-Zertifikat gekauft worden sei und er die Rechnung bei Bedarf vorlegen könne.

Zähneknirschend gab der „Herr“ schließlich klein bei, sicher immer noch in der Überzeugung, daß bei uns etwas Zollrelevantes zu finden sein müsse. Mit einer Handbewegung heißt er uns einzusteigen, denkt offenbar aber nicht daran, uns die Ausweise wieder zu geben. Als wir dies lautstark mit Nachdruck reklamieren, wird der schweizerische Zollbeamte, der sich nur gut 20 Meter davon entfernt auf der anderen Seite des Schlagebaumes befindet, hellhörig. Unser „Rächer der Enterbten“ zögert weiterhin, dann geht er entschlossen auf den Schweizer zu und übergibt ihm provokant unsere Pässe. So als wolle er sagen, mach‘ mit denen was Du willst. Inzwischen war fast eine ganze Stunde vergangen.  Wir rollen also die 20 Meter in Richtung Schweiz, als uns der Eidgenosse kopfschüttelnd auch schon die Pässe hinstreckt. Wir wechseln noch ein paar belanglose Worte, dann sagt er: „Desollee, wünsche noch einen schönen Aufenthalt in der Schweiz“.

Wir haben nach dieser denkwürdigen Grenzkontrolle diesen Grenzübergang noch oft passiert, von dem besagten Herrn aber keine Spur mehr. Allez les bleus.

 

Illustration via Pho.to/ Made by Photo Lab
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