Auf der Alm da gibt’s koa Sünd? … das mag eine Definitionsfrage sein. Aber wenn dem so ist, liegt das daran, dass die Arbeit wirklich hart ist und müde macht. Also keine Zeit oder überschüssige Kraft mehr für die „Sünd?“ bleibt.

„Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen Mühe“. Wer viel arbeitet, kann und versteht es auch zu feiern. Das ist im gesamten Alpenraum meist der Fall, wenn der Almabtrieb ansteht. Insbesondere, wenn auf der (Hoch)alm den Sommer über alles gut gegangen und kein Tier zu Schaden gekommen ist. Dann werden die Tiere oder zumindest die Leitkuh mit Blumen und Zweigen geschmückt.

Sind alle Hirten oder Senner*innen Aussteiger oder gar Sonderlinge? Keineswegs, die Jobs sind zwar nicht gut bezahlt, aber teils heiß begehrt. Mal etwas Abstand von der Überzivilisation (oder Corona) gewinnen, den Kopf frei kriegen oder sein eigener Herr sein, ist heute auch bei jungen Leuten sehr beliebt. Ich bin bei Leibe kein Frühaufsteher, aber das Almleben wollte ich unbedingt einmal ausprobieren. Hatte ich nicht vor Jahren mal einen Schnupperkurs im Melken gemacht?

Natürlich geht ein „Almleben auf Probe“ nur für ein paar Tage in der „Vorsaison“, denn ohne Qualifikation würde mir kein Viehbauer seine „Damen“, geschweige denn seine Käsekessel anvertrauen. Besagte Kessel sind aus Kupfer und kosten je nach Volumen schnell mal um die EURO 600.- So ein „Kesselchen“ mag mit 90 Zentimeter Durchmesser und einem Fassungsvermögen von 300 Litern klein aussehen, wiegt aber schon im Leerzustand 33 Kilogramm. Und ist erst einmal die Milch drin und muß nach der Labzugabe der Bruch mit einer „Käseharfe“ geschnitten und in Folge mit einem Tuch herausgehoben werden, wirken ungeheure Kräfte. Die ich nicht habe und mir im Alter auch nicht mehr antrainieren kann. Auch mit Unterstützung eines Hebearms bedarf es viel Erfahrung und einer gewissen manuellen Technik, um die Rohkäsemasse ordnungsgemäß aus dem Bottich zu heben.

Mit dem Wetter hatte ich Anfang Juni oberhalb von Zweisimmen im Kanton Bern schon mal Glück, denn in der Nacht wird es auf  1.800 Meter Höhe trotz Sonnenschein am Tag nachts immer noch recht kalt. Warum das wichtig ist? Nun, das „Häuschen“ liegt schon mal außerhalb der Hütte und ohne Strom und Wasser heißt es – neben diversen anderen Arbeiten wie Heumachen und Stallmisten: Holz hacken, Holz hacken, hacken. Als „Schreibtischtäter“ habe ich bereits nach ein paar Axtschlägen eine Blase am Daumen. Aber wie gesagt: ohne Holz bleibt es nicht nur im externen Plumpsklo kalt, sondern in der gesamten Hütte, und der Morgenkaffee läßt ebenfalls auf sich warten. Planung ist hier alles und man muß sprichwörtlich „mit beiden Beine im Leben stehen“. Robuste  Kleidung und stabiles Schuhwerk sind dabei unerläßlich.

Fließendes Wasser gibt es zwar, nur kommt es nicht aus dem Hahn, sondern fließt als umgeleitetes Rinnsal vom Bach in bzw. durch ein Baumstammbecken. Brr, das frische Nass ist so kalt, daß einem beim Zähneputzen das Zahnfleisch erstarrt, der Mund für Sekunden völlig taub wird. Und auch ansonsten erzeugt es Gänsehaut auf allen Körperteilen.

Solange man nur kurzzeitig diesem Tagwerk nachgeht, ist jeder Sonnenuntergang für wahr romantisch und Kerzenschein urgemütlich. Was aber unerwartet schnell spürbar ist, sind die Auswirkungen von Qualm und Ruß, den der Holzofen trotz Abzug im Hauptraum selbst im Schlafraum nebenan verbreitet. Alles, vor allem Kleidung (auch in den Schränken) riecht schon nach wenigen Stunden wie geräuchert. Will man’s positiv formulieren, nach einiger Zeit auch nicht dominant nach Schweiß.

Gegen 20.00 Uhr ist es fast stockfinster und eine kleine Taschenlampe die einzige Lichtquelle. Schnell   schlüpfe in meinen warmen Flanell-Schlafanzug und lasse auch gleich die Socken an. Abends noch etwas zu lesen hatte ich mir gemütlich vorgestellt, aber das ewige Halten der Taschenlampe war nicht mein Ding und ich schlummerte unter meinem rot-karierten Federbettchen recht bald ein.

Als ich morgens den Laden aufschlage und die ersten Sonnenstrahlen herein blinzeln, haben es sich unmittelbar vor der Hütte schon zwei Kälbchen gemütlich gemacht. Offensichtlich bevorzugen sie den Holzboden der Veranda, statt feuchtes Gras. Innerhalb einer Herde gibt es wie bei den Menschen und anderen Rudeltieren, die anhänglichen, neugierigen oder widerspenstigen Typen. Echte Persönlichkeiten eben. Einige mögen sich und stehen zusammen (meist Geschwister), andere nicht und sind Einzelgänger. Ich persönlich mag das regelmäßige Gebimmel ihrer Glocken, wenn sie grasen. Die erfahrenen Hirten sagen, schon am Glockenklang alle Tiere von weiten auseinanderhalten zu können und zu hören,  ob es allen gut geht. So ein Wiederkäuer (egal, ob Milchkuh oder Jungbulle) hat vier Mägen; der größte wird „Pansen“ genannt. Da eine Kuh täglich bis zu 15 Kilogramm Heu (alternativ Mais oder Silofutter) oder 90 Kilogramm Wiesengras futtern kann, heißt es 20 Stunden am Tag fressen und kauen … und folglich Dauergebimmel.

Resi, Mari und Tolle, die ausgewachsenen Milchkühe, müssen zweimal am Tag gemolken werden und haben je nach Rasse eine tägliche Milchleistung von ca. 20 Litern (bei 4% Fett und 3,5% Eiweiß). Die Jahresproduktion in Deutschland liegt übrigens bei rund 30 Milliarden Litern Milch. Die vier fleischigen Zitzen der Euter fühlen sich zart an und vertragen schon mal einen ungeübten Griff. Und die lauwarme vollfette Milch schmeckt einfach köstlich.

Beim Almauftrieb gehen die Schafe meist voran und kommen oft auch zuerst wieder herunter, denn sie sind zielstrebige geschwinde Läufer. Da muß man als Hirte schon flott bei Fuß sein, um ihnen folgen zu können. Man schätzt, daß auf der Welt inzwischen etwa eine Milliarde Schafe leben.

In Neuseeland kamen 2001 auf einen Einwohner 12 Schafe, macht 48 Millionen Tiere. Schafe scheren ist dort übrigens eine Art Sport-Event. Auch der Weltmeister im Schafescheren kommt häufig aus Neuseeland und schafft pro Stunde bis zu 150 Nackedeis. D.h. je nachdem, ob mit der Hand oder Elektroschere gearbeitet wird, benötigt der Champion zwischen 20 Sekunden und zwei Minuten pro Tier. Aber nicht nur Tempo, sondern auch Technik werden bei der „Golden Shear“ bewertet.

Obwohl die Wolle heute kaum mehr eine Rolle spielt, d.h. Fleischproduktion, Landschaftspflege und Milcherzeugung/ Käseproduktion im Vordergrund stehen, muß der Pelz trotzdem im Sommer regelmäßig runter. Übrigens, Speiseeis aus Schafsmilch ist aufgrund seiner cremigen Konsistenz nicht nur für Allergiker der Renner – unbedingt mal probieren. Seit ca. 8.000 Jahren zählen Schafe zu den ältesten Haus-/ Nutztierarten überhaupt. Lämmerzeit ist meist im Februar/ März. Und da ein Bock am Tag bis zu 50 Begattungen vornehmen kann, … wie war das doch gleich mit der Sünd‘?

Übrigens liegen heute nicht alle Almen abseits und müssen zu Fuß erklommen werden. Viele sind bereits per Fahrzeug auf Schotterwegen erreichbar. Das Befahren dieser Wege ist i.d.R.  allerdings nur in Ausnahmefällen und mit Sondergenehmigung erlaubt.

Wer mal Erfahrungen als Hirte oder Almhelferin sammeln oder in der Hütten-Gastronomie tätig sein möchte, findet im Internet weitere Informationen unter Suchbegriffen wie „Hüttenjobs“, „Alpenverein“ oder „Almwirtschaft“. Im ersten Jahr sei es Streß, ab dem dritten Jahr ein Genuß. Auf geht’s … hoch hinaus !    Mythos oder Alpenidylle? Weit gefehlt, denn je nach Örtlichkeit lauern auch Gefahren wie Steinschlag, Zecken, Gewitter oder rutschiger Mist.

Ob Albtraum oder Alptraum mag jeder selbst entscheiden. Einem Wunder bin ich in den wenigen Tagen nicht begegnet, aber ein Stückchen mir selbst.

 

Illustrationen via Pho.to/ Made by Photo Lab
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Petra
Autor

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