Wer in dieser kulturlosen Zeit mal wieder etwas Konzertatmosphäre genießen möchte, ohne permanent mit einem Coronatest oder gar einer Impfung gegängelt zu werden oder sich vor Ansteckung fürchtet, der möge sich am Carillonspiel erfreuen. Diese musikalischen Glockenklängen sind auch aus der Entfernung gut zu hören und der Carillonneur sitzt alleine hoch oben in seinem Turmstübchen (in einigen Fällen kommt die Musik allerdings nur noch vom „Loch-Band“ oder es handelt sich gar um computergesteuerte Glockeninstrumente).

Unter:  https://glockenspieler.de/carillons-in-deutschland  findet man eine Liste aller Carillons in Deutschland.

Klaustrophobie und Höhenangst darf der Carillonneur/ die Carillonneuse (Frauen sind allerdings weit in der Unterzahl) nicht haben, denn es geht stets steil und hoch hinaus in einen Kirch- bzw. Glockenturm. In einsamer Höhe setzt der/ die Spieler*in eine Holzklaviatur in Gang, hämmert mit Händen und Füßen mal sanft, mal wild auf sie ein und bringt damit ungezählte große und kleine Glocken zum Schwingen und Klingen. 

Wer Carillon spielt, kann sich tatsächlich wunderbar verausgaben. Ein einziger Schlag mit der Faust oder einem Tritt mit dem Pedal bringt eine Glocke von bis zu 20 Tonnen zum Klingen. Meines Wissens gibt es weltweit rund 600 solcher Instrumente. In Deutschland zählt man ungefähr 50 Carillons, davon das größte Europas in Halle an der Saale mit stolzen 76 Glocken. In Flandern und Holland  sind aktuell immerhin 60 Carillons bespielbar.

Sie funktionieren alle nach dem einfachen Seilzugprinzip. Der Spieler bewegt mit dem Tastenanschlag einen Drahtzug, der direkt zum Klöppel der Glocke führt. Clever, denn im Gegensatz zum Läuten per Hand, ist der Klöppel ganz nah an der Innenwand der Glocke befestigt. Das ist kräftesparend und ermöglicht es ganze Melodien zu spielen. Der Rest ist nicht neu. Zwei Reihen Tastatur mit allen Halb- und Ganztönen plus Pedalleiste. Manche Carillons schaffen fünf Oktaven.

Ein Klavier? Nicht ganz, denn mit Kraft ist es nicht getan. Der Laie lernt schnell die Tücke der Glocken kennen. Erhaben, gewaltig und schwerfällig oder glockenhell-dünn. Die Bronzeriesen hallen nach und nicht jedem gelingt es, einen individuellen Klangteppich zu erzeugen. Hört man genau hin, lernt man das Handspiel vom eintöniger und gleichmäßiger klingenden Carillon-Automaten (per Lochkartenstreifen) schnell zu unterscheiden.

Der Glöckner von Den Haag. Gijsbert Kok, ein Meister seines Fachs, ist einer der das sperrige Instrument bezwingen kann und nichts lieber tut, als über die Tasten zu wirbeln. Der Mitfünfziger ist seit rund 20 Jahren Carillonneur und Organist. Regelmäßig spielt er zur Mittagszeit in der Oude Kerk in Scheveningen und der Grote Kerk in Den Haag für je eine Stunde (gratis). Teilweise sind die Töne des Carillons kilometerweit zu hören. Die Bewohner kennen ihren Carillonneur gut und ohne die bekannten Klänge würde ihnen etwas fehlen. Schon oft hat er im Interesse des Wohlklangs Adaptationen für das Instrument selbst geschrieben.

Wer hätte im Mittelalter an so eine Entwicklung gedacht? Im 7. Jahrhundert ging es mit vier Glocken in Frankreich los. Sie kündigten mit einer kleinen Melodie den danach folgenden Stundenschlag an. Eine geniale Idee, um ohne Armbanduhr den ersten Schlag nicht zu verpassen. Im 14. Jahrhundert wurde das mechanische Glockenspiel mit Stiftwalze erfunden, 1510 entstand im flämischen Oudenaarde das erste Carillon und von da an stand dem Siegeszug in den Niederlanden und Flandern nichts mehr im Wege. Viele Kirchen und Rathäuser wurden mit Carillons bestückt und die Carillonneure spielten eigene Kompositionen wie Matthias van den Gheyn (1721-1785) oder adaptierten Klavierstücke der Zeitgenossen.

Doch einen Haken gibt es bis heute: Carillon-Konzerte wirken am besten draußen, was nicht immer mit einem warmen Konzertsaal zu vergleichen ist.

Wir hatten es 2019 direkt neben Gijsbert sitzend perfekt getroffen und wir durften sogar Musikwünsche äußern. Mit Auszügen aus „Gräfin Mariza“, einer Sonate von Mozart, einem Klassiker von Beethoven, einem Walzer, und zwei Berliner Chansons etc. verging die Zeit wie im Flug.

Die Grote Kerk in Den Haag hat 51 Glocken, wir erleben hier nur 38, sie liefern aber trotzdem einen sprichwörtlich vollen Klang. D.h. die Tür zwischen „Klavier“ und darüber gelegenen Glockenraum ist immer geschlossen, da die Lautstärke sonst ohrenbetäubend wäre.

Wie man diese Perfektion erlangt, ist angesichts nicht vorhandener Trainingsmöglichkeiten schwer zu sagen, denn stets hören alle mit. Beste Voraussetzung ist perfektes Orgelspiel.

Hier eine kleine Kostprobe (allerdings klingt das Original erheblich besser als via PC-Lautsprecher: https://www.youtube.com/watch?v=XEEIviUXa0o

Seinerzeit durfte auch ich mich an die Tasten setzen, um zu spüren, welcher Druck zum Anschlagen mit Händen und Füßen nötig ist. Pling-plong, es geht leichter als gedacht. Und schwups, ist der Ton raus – alle konnten es hören.

Übrigens, in Berlin bespielt Jeffrey Bossin ebenfalls in Bestform drei Carillons. Auch sein Repertoire ist breit und reicht von Beethoven über die Beatles, Berliner Couplets bis zu Elton John.

Mein Wunsch für das nächste Carillon-Konzert wäre: „Phantom der Oper“ oder „Toccata et Fuga“! .. wie schön, gerade in Potsdam und Berlin zu sein.

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