Es war einmal in einem fernen Land … so fangen viele der alten Märchen an und manchmal kommt gar ein fliegender Teppich darin vor. Wer durch die herrliche Hamburger Speicherstadt spaziert und Gelegenheit hat mal hinter die Kulissen zu schauen stellt fest, daß die rostroten Backsteinmauern voller geschäftigen Treiben sind. Kaffee, Tee, Gewürze, Tabak und Teppiche warten hier auf Kundschaft. Die geknüpften und gewebten Teppichträume gehören nicht der Vergangenheit an, sie sind dank orientalischen und modernen Motiven sehr lebendig. Ein Blick auf die Firmenschilder signalisiert, daß hier gleich mehrere alteingesessene Teppichhändler ihr kostbares Gut lagern und ex Hamburg den weltweiten Vertrieb koordinieren. Nach den USA gilt Deutschland übrigens als einer der wichtigsten Importeure und zentraler Handelsplatz für Orientteppiche
Der Teppich als Zierde und Kapitalanlage
Mit den meisten Geschäftsleuten der Speicherstadt kommt man schnell ins Gespräch und sie haben meist gute Restaurant- und Parkplatztipps parat. So steht z.B. nirgendwo, daß man hier vor dem Brook nicht parken darf, selbst die ansässigen Händler nicht; allenfalls ein kurzes Be- und Entladen gestattet ist.


Kurz darauf bin ich zurück und sehe mir die diversen Firmenschilder an. „Morgenland Teppiche„, der Name scheint Programm und ermuntert mich einzutreten. Wow, allein den riesigen Showroom im Erdgeschoß sollte man sich nicht entgehen lassen. Geschäftsführer Kabir Madjidian nimmt sich für Teppichliebhaber und ernsthafte Interessenten gerne auch mal persönlich Zeit. Bei einem guten Tee erzählt er u.a. von seiner monatelangen, abenteuerlichen Flucht als Achtjähriger mit den Eltern aus Afghanistan (wo die Familie aufgrund der Kriegswirren Ende der 70-iger Jahre alles zurücklassen mußte) nach Deutschland, den Ups und Downs im Teppichgewerbe, sinkenden Gewinnmargen und maschinellem Konkurrenzdruck, aufwendigen Import- und Zollangelegenheiten, neuen Designs und Produktionstechniken sowie der Pflege der guten Stücke.
„Alles aus einer Hand“ ist sein Motto und er ist zurecht stolz darauf, hier in zweiter Generation seit fast 50 Jahren über vier Stockwerke auf über 2.500 Quadratmetern bei Bedarf alles anbieten zu können. Sechs Mitarbeiter sind täglich am Standort, um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren.
Natürlich verfügt das Teppichhaus auch über einen internationalen Onlineshop (in 14 Sprachen!), der Auslegware jeglicher Machart und Qualität von Wolle über Jute und Seide bis hin zu synthetischen Materialien offeriert. Kostenloser Versand und 30 Tage Rückgaberecht gehören zum Kundenservice. Überdies werden Maßanfertigungen und ein Home-Service geboten, d.h. man kann sich 2-3 Lieblingsstücke zur Ansicht nach Hause liefern lassen, um im eigenen Ambiente optimal auszuwählen.


Auch wir beginnen den Rundgang im Showroom: Sesam öffne dich. Der Anblick ist beeindruckend und die Kollektionen lassen hinsichtlich Vielfalt, Farbspektrum und Größen so weit ersichtlich keine Wünsche übrig. Fast alle sind handgefertigte Meisterwerke. Egal, ob rustikaler Nomade, Berber, klassischer Perserteppich (z.B. Täbriz, Nain, Isfahan, Ghom), moderner indischer Gabbeh oder exklusive Sammlerstücke. Inklusive der Lagerräume befinden sich hier rund 30.000 Teppiche, genau weiß Madjidian es ohne Blick in den Computer gar nicht. Hier ruhen Werte, aber auch gebundenes Kapital, das umgesetzt werden will.



An einer Wand fällt sofort ein besonders edles Stück ins Auge, ein persischer (Seiden-)Ghom mit einer Knotendichte von ca. 700.000 Knoten pro Quadratmeter. Geschätzt ein Jahr wurde daran gearbeitet (ein geübter Knüpfer schafft am Tag ca. 7.000 Knoten) und ist gerade zum Sonderpreis von 18.500 Euro zu haben. Der Preis hängt natürlich nicht nur von der Größe ab, sondern auch von dem Material, aus dem Flor, Kette und Schuß bestehen. In diesem Fall sind alle Bestandtteile aus Seide und sein Muster ist durch perfekte Verarbeitung selbst auf der Rückseite ein kleines Wunderwerk.
Weitere Schönheiten hängen zum Teil an ausziehbaren Laufschienen. Einer schöner als der andere in hellen, dezenten Pastelltönen, damit sie auch zu europäischen Wohnstilen passen. Ich muß einfach immer wieder mit der Hand über einige Hochflorteppiche streichen; insbesondere Seidenteppiche zeigen dann sofort noch mehr Glanz. Im Trend liegen aktuell 3D-Teppiche, die dem Boden im Raum eine sehr wertige Struktur geben. Zur besseren Präsentation respektive Wirkung der unterschiedlichen Teppicharten im Raum, arbeitet man daher auch mit ausgewählten Möbelhäusern zusammen.
Am besten wirkt so ein elegantes Stück mit feinstem Muster, wenn es weitgehend frei von Mobiliar im Raum liegt, also so, wie es noch heute in vielen arabischen Ländern Sitte ist. Keine großen Tische, Stühle oder Schränke, stattdessen entlang den Wänden auf dem Boden große Sitzkissen und zu Mahlzeiten verschiedene Tabletts.
Kuriose Teppichmomente
Teppichmuster spiegeln damals wie heute auch immer den Zeitgeist wider. Leider ist eine der kuriosesten Varianten zur Zeit abverkauft, nämlich Wollteppiche mit Abbildungen von Kriegsgeräten wie Panzern, Hubschraubern und Kalaschnikows. Wenn der aktuell entfachte Weltenbrand allerdings so weitergeht, könnten sie bald wieder als Heldenstücke modern werden. Zwei seiner Seefrachtlieferungen hängen ärgerlicherweise gerade durch die Sperrung der „Straße von Hormus“ fest.
Schließlich greift der Chef einen dicken Schlüsselbund und wir starten den Hausrundgang. Wir beginnen absichtlich ganz oben im 4. Stock, also da, wo die Ware aus den teils eigenen Knüpf- und Webwerkstätten in Indien, Pakistan, Afghanistan oder auch Nepal ankommt. Teppiche haben Gewicht und dank der traditionellen Handelshaustechnik kommen die Warenlieferungen bis heute am Kranhaken ins Kontor. Das ist angesichts der Höhe freilich nicht ganz ungefährlich und die Helfer müssen während dieses Vorgangs angegurtet sein. Im Treppenhaus weisen Schilder zudem ausdrücklich darauf hin, daß die Bodenbelastung pro Quadratmeter maximal 1.800 kg betragen darf; Rauchen ist natürlich ebenfalls strengstens verboten.





Noch ist Handarbeit Trumpf
Schwere Schlösser sichern die Eisentüren; dahinter öffnen sich lange Hochregalreihen und erlauben einen fast endlosen Blick auf gerollte Teppiche in Plastiktüten. Alle sind per Barcode gekennzeichnet, so daß sie bei Bestellung schnell gefunden und manuell versandfertig gemacht werden können. Darunter auch welche, die auf den ersten Blick wie handgewebte Luxusstücke aussehen, aber maschinell gefertigt wurden. In der Haptik sind sie flacher und fester, bei gleicher Größe daher aber auch schon für ein Zehntel des Preises zu haben.
Kabir Madjidian kann sich spontan nicht für eine bestimmte Machart oder einen Lieblingsteppich entscheiden. Seine Frau, die ebenfalls im Unternehmen tätig ist, würde ohne Frage einen Seiden-Ghom aus Isfahan oder einen sehr feinen Nain wählen – das Beste vom Besten eben. Seit einer Reise in die Himalaja-Region in den 90-iger Jahren, gefallen mir auch napalesische Hochflorteppeiche mit ihren Pastellfarben und dezenten Randmustern gut, da sie so ziemlich überall hin passen und unkompliziert im Alltagsgebrauch sind.




In einer lichtdurchfluteten Ecke nahe einer Ladeluke zum Fleet hin, sitzt Herr Rahimi und läßt mich freundlicherweise über seine Schulter schauen. Er ist gerade mit Reparaturarbeiten bzw. dem Ausbessern von Mottenlöchern an einem alten Teppich beschäftigt. Geschickt wählt er aus einem großen Vorrat die farblich passenden Wollfäden und arbeitet sie mit einer Art „Häkelnadel“ fein ins Gewebe ein, um so die Lücken zu schließen. Neben dem Ausbessern von kleinen Löchern, Brandspuren und morschen Stellen, sind die Erneuerung von Rändern und Fransen die häufigsten Reparaturtätigkeiten. Dafür werden häufig Spezialwerkzeuge wie gekrümmte Scheren und Kämme verwendet. Im Falle von massiven Randschäden, muß der Teppich zunächst in einen Rahmen gespannt werden, um die die Kettfäden erst einmal neu zu spannen, usw.
Nicht nur die fingerfertigen undgeduldigen Knüpfer und Weberinnen sind also wahre Künstler, meist beherrschen sie beides. Das Knüpfen hat der Chef nach eigenem Bekunden tatsächlich erst im Erwachsenenalter auf seinen Inspektionsreisen zu den Herstellern in Indien und Afghanistan gelernt. „Dort konnte ich direkt bei den Knüpfern zuschauen und es von den Besten lernen. Ein unvergessliches Erlebnis“.
Ganz am Ende darf auch ich mal ran; hier könnte ich ewig sitzen. In jungen Jahren habe ich nicht nur viel gehäkelt und gestrickt, sondern auch mal einen kleinen Teppich nach einer Vorlage geknüpft. Wenn man die Technik beherrscht und das Muster nicht kompliziert ist, gerät man in eine Art Flow und schnell ist ein gutes Stück geschafft.




Ein Teppich als Erinnerungskultur
Auf meine Frage erzählt Madjidian von einem Kunden, der einen stark beschädigten Teppich zu ihnen brachte, den seine Großmutter noch aus Afghanistan mitgebracht hatte. Er hatte kaum Hoffnung, dass er zu retten sei. Nach der Restaurierung erkannte er ihn kaum wieder und hatte Tränen in den Augen. „Für mich sind solche Momente das Schönste an dieser Arbeit – Teppiche sind eben nicht nur Dekoration, sie tragen ganze Familiengeschichten in sich“.
Pflege und Reinigung für ein langes Teppichleben
Man kann es kaum vermeiden, daß sich mit der Zeit Staub und andere Schmutzpartikel gerade in Hochflorteppichen festsetzen und hin und wieder kommt es im Alltag auch zu Mißgeschicken bzw. unerwünschten Flecken. Da braucht es meist professionelle Hilfe, will man sich gerade hochwertige Stücke nicht verderben oder große Teppichbodenflächen wieder einheitlich frisch aussehen lassen. Auf dem Weg zum Trockenraum, hat Madjidian auf seinem Smartphone spontan ein Foto und ein Vorher-Nachher-Video parat.






Laut seiner Expertise sei die einst klassische und aufwendige Naßreinigung bzw. ein Shampoonieren kaum mehr von Nöten und werde fast nur noch bei strapazierfähigen Synthetikteppichen angewandt. Dank speziellen Methoden und Reinigungskombinationen (aus Lösungsmitteln, Tensiden, natronhaltigen Pulvern und Mikrogranulaten) erziele man auch mit „Fast-Trocken-Methoden“ zu 90% inzwischen gute Erfolge. Der Mittel-Mix von Vorab-Handarbeit, unterschiedlichen Schwämmen, Pulver-Granulaten und Spezialmaschinen ist freilich eine Art Betriebsgeheimnis. Auf gezielte Nachfrage wiegt Madjdian einzig den Kopf und lächelt verschmitzt.
Da die Reinigung von Teppichböden unter ganz anderen Bedingungen stattfindet, als die von handgeknüpften Teppichen, sind bei Morgenland auch gleich zwei separate Reinigungsteams im Einsatz (u.a. Cleanilo). Letztlich geht es beim Reinigen nicht nur um Flecken, sondern auch um die Entfernung von Gerüchen und Keimen, ggf. unliebsamen „Untermietern“. Auf Anfrage kann auch eine Reinigung von Polstermöbeln erfolgen.
Die Lagervorzüge der Speicherstadt
Die Hamburger Speicherstadt (erbaut zwischen 1883 und 1927) gilt als weltweit größter zusammenhängender Lagerhauskomplex und prägt mit ihrem neugotischem Backsteinstil auf Eichenpfählen das Hafenbild. Als zollfreier Freihafen konzipiert, wurde sie 1888 eingeweiht und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Seit 1991 steht sie unter Denkmalschutz und ist seit 2015 UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Zeit vergeht wie im Flug und wir gönnen uns im Sonnenschein abschließend noch einen Blick auf seine Geschäftsräume von außen. Auch wenn Madjidian mit Begeisterung moderne Medien und zur Geschäftsanbahnung gerne KI-Programme nutzt, wird er beim Anblick des Lebenswerkes seiner Familie in Deutschland und der Gebäudehistorie am Fleet sympathisch melancholisch. Er weiß dieses Ambiente und die Hafencity-Lage in der Hansestadt sehr zu schätzen; insbesondere als seinen „Teppichschätzchen“ das rund ums Jahr ausgewogene Raumklima in der Speicherstadt guttut.
Ach ja, in dieser 1001-Nacht-Atmosphäre möchte man Teppich sein.
Anmerkung: Bildmaterial PFritz und mit freundlicher Genehmigung von K. Madjidian
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