Es ist kurz vor 23.00 Uhr, als der Sieger im deutsch-deutschen Duell zwischen dem TSC Braunschweig und dem TC Ludwigsburg um die WM-Krone im Standard-Formationstanzen endlich feststeht. Ein schöneres Geschenk konnten seine Tänzer ihm zum Abschied als Chefcoach nicht machen: Trainer-Legende Rüdiger Knaack (inzwischen 70 Jahre alt) holt am 06.12. vor heimischer Kulisse in der Volkswagen Arena schließlich den 12. WM-Titel nach Braunschweig.

 

Die Halle ist in blau-lila Licht getaucht, nur die Tanzfläche ist hell erleuchtet. Zum Ende der Braunschweiger-Kür brandet tosender Applaus auf und man weiß nicht, wem die Ovationen mehr gelten: dem Tanzteam oder seinem langjährigen Trainer. Noch winkt der gebürtige Hamburger Knaack gefaßt ein letztes Mal von der Mitte des Parketts in die Zuschauermenge. Erst als etwas später für ihn „Time to say goodbye“ eingespielt wird, steigen in ihm die Tränen hoch. Als er das Amt nach seiner aktiven Laufbahn 1988 übernahm, war er 34 Jahre alt. Heute, 36 Jahre später, krönt er – nach 10 x EM-Gold und 24 Deutschen Meistertiteln – seine Laufbahn mit einem weiteren WM-Sieg.

Mit 36,00 Punkten platzierten sich die Niedersachsen im Finale der besten Sechs mit viel Schwung und Dynamik mit ihrer Choreografie zum Titel „Unforgettable – The Final Curtain“ knapp vor dem 1. TC Ludwigsburg mit 35,33 Punkten zu Melodien aus „Black Swan“. Den Bronze-Platz sicherte sich mit 34,68 Punkten zurecht das mongolische Team „Moon Dance“ mit einer überaus kreativen Choreografie zum Thema „The Strings of the Soul“ bzw. die Seiten einer Violine. Meines Erachtens hätten die weit gereisten Asiaten, die bereits seit vier Wochen in Europa tourten und trainierten, sogar noch etwas mehr Punkte von den zehn Wertungsrichtern verdient gehabt. Hut ab vor dem 3-köpfigen Trainergespann Frau Sarankhuu Ochirkhuu und Chefcoach Oyunbat Oyuntsetseg bzw. dem niederländischen Choreographen Ton Greten. Auch ihre Schrittfolgen, Mimik und Gestik waren bis ins kleinste Detail ausgefeilt und die Synchronität verblüffend.

Des einen Freud‘, des anderen Leid

Nur vier Wochen zuvor, war es bei der Deutschen Meisterschaft anders herum gewesen und die Ludwigsburger hatten die Nase vorn. Aber jeder Wettkampf hat seine „eigenen Gesetze“ und so mußte der Titelverteidiger wegen Krankheitsfällen mit nur sieben statt acht Paaren antreten, was für die Choreografie und das Gesamtbild trotz Perfektion durchaus nachteilig ist. Aber das Trainerpaar Beck wollte nicht absagen und so wurden sie immerhin mit Silber belohnt.

Jedes Turnier hat seine eigenen Gesetze

Vor dem Turnier habe ich Gelegenheit mit einigen Tänzern*innen aus Ludwigsburg und Wien zu sprechen. Spontan bekräftigen sie, daß allein die kurze Eingewöhnungsphase an den Bodenbelag jedes mal Streß bedeutet. Man wisse nie genau, ob das extra in der Halle verlegte Holzparkett im Format 12 x 14 Meter eher glatter oder stumpfer ist, als gewohnt. Als ehemalige Rollkunstläuferin und Tänzerin in einer Latein-Formation der Uni Mannheim kenne ich diesen Umstand nur zu gut. Ist es relativ glatt, hilft auch ein Aufrauen der ledernen Schuhsohlen nur bedingt weiter.

Zudem stehen jedem Team vor dem Turnier am Vormittag nur 20 Minuten für eine Stellprobe bzw. 1-2 Probedurchläufe der Kür zur Verfügung. Und dies, nachdem die 11 Teams aus ganz Europa angereist sind. Immerhin sei man dann ganz alleine in der Halle, keines der anderen Teams dürfe dann anwesend sein.

Und natürlich sind auch jedes Mal andere Preisrichter vor Ort, was ebenfalls einen Einfluß auf die Punktevergabe habe. Fünf der zehn Juroren sitzen meist unten an der Tanzfläche, die restlichen fünf im ersten Rang, um die Figurenbilder und Synchronität der Linien von oben besser beurteilen zu können

Die größte Herausforderung sei es allerdings, die Konzentration und Kondition über fast zwölf Stunden von der Vorrunde bis zur Endrunde der Top-Teams aufrechtzuerhalten. In der Regel bedeutet dies, das gesamte Programm dreimal in Höchstform zu präsentieren. Ganz zu schweigen vom Zeitaufwand für das Styling der Damen, das schon Stunden zuvor beginnt. Die Dauer des Wettkampfes sei daher oft recht zermürbend und jeder versuche sich zwischendurch individuell zu entspannen und abzulenken.

In der Tat kamen mir auf den Fluren einige munter winkende Damen aus Tschechien entgegen, während andere Herren lieber im Halbdunkel hinter dem Hallenvorhang saßen. Die Mongolen hingegen verbrachten gemeinsam viel Zeit an der frischen Luft vor der Halle gleich dem NDR-Übertragungswagen, wo sie sich mit – mir leider unverständlichen – Parolen im Kreis stehend einschworen.

Was macht den Unterschied im Ranking?

Mag der Unterschied zwischen den Top 3-Formationen oder Platz 4-6 gering sein, so lassen sich doch auch für Laien durchaus Qualitätsunterschiede erkennen. Da es bei den Formationen neben der Tanztechnik und dem Schwierigkeitsgrad der Elemente stark auf fließende „Bilder“, exakte Linien und synchrone Bewegungen ankommt, wirken gerade Teams mit ähnlicher Körpergröße und Statur grundsätzlich viel harmonischer. Freilich muß man dafür aus einem Pool von Toptänzern wählen können, was nur einem Teil der angetretenen Mannschaften vergönnt war/ ist. Zudem kommt es bei den Teams auch mal zum Umbrüchen, d.h. ältere Tänzer scheiden aus und Jüngere kommen hinzu. Im Falle von Ludwigsburg ist die jüngste Dame gerade mal 16 Jahre alt, während der älteste Herr bereits 43 ist. Aus einer gewissen Entfernung heraus und mit gutem Makeup erscheint jeder Athlet jedoch fast alterslos.

Die Endrundenplätze vier und fünf gingen übrigens an die beiden Teams aus Österreich mit den Programmen „Unstoppable“ und „Water“, Platz sechs an die schwungvoll zu ABBA-Songs auftanzenden Ungarn mit „A Cappella“.

Die Musikkomposition und -bearbeitung für ein 5-6 Minuten langes Kürprogramm (inkl. Ein- und Ausmarsch) kann je nach Aufwand schnell mal 15.000 Euro kosten. Im Idealfall sind darin alle Rhythmen der Standardtänze verarbeitet, als da sind: Langsamer Walzer, Wiener Walzer, Slowfox, Tango und Quickstep. Darüber wie hoch der Trainingsaufwand für die gebotene Präzision ist, wird selten offen gesprochen; meistens sind es 10 bis 20 Wochenstunden.

Die Weltmeisterschaft der Lateinformationen findet nur eine Woche später in Wien statt. 2026 wird die WM der Standardtänzer wieder Ende des Jahres in Deutschland sein und dann in Bremen sein. Auch dann werden die Trainer wieder gestenreich zur Choreografie mit ihren Schützlingen mitfiebern und natürlich nie ohne Maskottchen im Arm das Turnierparkett betreten.

Gab es bei den Outfits der Tänzerinnen Modetrends?

Analog zur gewählten Musik, gilt es die passende Kostümwahl zu treffen. Die Kleiderordnung der Herren läßt einzig die Farbe Schwarz zu, die Damen hingegen sind frei in der Gestaltung ihrer Roben. Während es im Lateintanzen meist um schnell flirrende Pailletten, Fransen, Rüschen und kurze Rockvarianten geht, bevorzugen die Standardtänzer Materialien, die das Schwingen der Röcke, also das scheinbare Schweben der Schritte unterstreichen, wie z.B. Volants und Federn. Wenn es eine dominierende Farbe gab, dann Rot. Üppige rote Ärmelstulpen aus Marabufedern trugen auch die Sieger. Aber auch Goldgelb, Giftgrün und Blautöne waren dabei.

 

Da kommt Laune auf; warum nicht mal selbst wieder das Tanzbein schwingen.

 

Fotos: PFritz und via NDR/ TV-Übertragung
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