Vor genau 40 Jahren haben wir geheiratet und zuvor eine sechswöchige Hochzeitsreise um die Welt gemacht. Ausgangspunkt war ein Flug von Frankfurt nach Acapulco. Von dort ging es auf ein Schiff, das uns auf die Marquesas, nach Tahiti, Bora-Bora, Neuseeland, Australien, Papua-Neuguinea, Borneo und Singapur brachte. Zurück ging es wiederum per Flugzeug nach Frankfurt.

Am 30.04. 26 war die Rundreise wesentlich bequemer und preiswerter. Wir waren nämlich zu Gast in ausgewählten Konsulaten Hamburgs, die an diesem „Tag der Offenen Tür“ stets ein authentisches Kulturprogramm bieten. Die Qual der Wahl unter den 22 (von insgesamt über 70) mitwirkenden Institutionen war vorab entsprechend groß und wir haben bewußt diejenigen Länder bzw. ihre Vertretungen gewählt, die wir noch nicht persönlich bereist haben. So blieb Lateinamerika ebenso außen vor wie Europa; afrikanische Länder waren leider nicht mit von der Partie, da Äthiopien kurzfristig die Teilnahme zurückgezogen hatte. Indes lag der Schwerpunkt für uns dieses Jahr auf dem asiatisch-arabisch geprägten Raum: konkret Tadschikistan, Indonesien, Kasachstan und Kirgisistan.

Erster Halt: Tadschikistan

Los gings bei Kaiserwetter um 16.00 Uhr mit dem Honorarkonsulat von Tadschikistan. Der Konsul ist bekannt für seine Gastfreundschaft und seine schöne weiße Villa samt Garten Ecke Karlstraße/  Schöne Aussicht an der Außenalster gleich neben der (geschlossenen) türkis-blauen Moschee. Vor der Tür des Anwesens rangieren zwei schicke Limousinen mit Diplomatenkennzeichen und eine übergroße Landesfahne flattert vom Balkon. Die Krone im Emblem steht für „Tadsch“ und symbolisiert die Unabhängigkeit und Staatlichkeit der kleinen Republik.wunderbaren Obstgärten des Himmels aus der zoroastrischen Tradition. Die gesamte Flagge mit den Farben Rot, Weiß (Reinheit der Baumwolle) und Grün betont die ethnische und historische Verbundenheit zur persischen Region bzw. dem heutigen Iran.

„Wo der Gast ein Geschenk Gottes ist“. Ein herzliches Willkommen reicht gar nicht aus, um die Leidenschaft und Lebensfreude von Kourosh Pourkian zu beschreiben, wenn es um Gäste des Hauses geht. In einen traditionellen blau-goldenen Kaftan gekleidet, drückt Honorarkonsul Pourkian jedem persönlich die Hand, macht ein gemeinsames Foto und bietet ein „Vodkalein“ an. Schließlich war das in Zentralasien gelegene Tadschikistan lange ein Satellitenstaat der ehemaligen Sowjetunion, der zwar gemäßigt-islamisch geprägt ist und arabisch schreibt, das sowjetische Erbe aber dennoch nicht verleugnet. Das kleine Land mit 11 Mio Einwohnern und der Hauptstadt Duschnabe, hat Grenzen zu Rußland, Kirgisistan, Afghanistan, Usbekistan und China, was die politische Situation nicht gerade leicht macht.

Das alles scheint für den Vollblutgeschäftsmann Pourkian, der für Hamburg und Schleswig-Holstein zuständig ist, kein Hindernis. Schon 2023 hatten er und der tadschikische Botschafter in Deutschland, Imomudin Sattorov, anläßlich der „Langen Nacht“ die Anwesenden über das wirtschaftliche Potenzial des Landes, die Möglichkeiten und Aussichten der Kooperationen zwischen Tadschikistan und Deutschland in den Bereichen Investitionen, Bodenschätze, erneuerbare Energien und Tourismus informiert und zur Zusammenarbeit eingeladen.

Viele Gäste scheinen Tadschiken oder gebürtige Iraner zu sein, die seit vielen Jahren in Hamburg leben und hier inzwischen fest verwurzelt sind. Soweit möglich, versuchen sie dennoch alle ein bis zwei Jahre einmal in die Heimat zurückzukehren. Während der Chef zwischen immer neuen Gästen (z.T. aus Politik, Wirtschaft und Medien) hin und her eilt, kommen wir u.a. mit Iradj ins Gespräch, der für das Musikprogramm zuständig ist. Er findet für die Deutschen, die ihn vor über 30 Jahren aufgenommen haben, nur gute Worte, hadert allerdings etwas mit der aktuellen Weg der BRD.

Bevor eine blonde, hellhäutig und eher russisch anmutende Dame eine Art Bauchtanz hinlegt, beweist ein Geiger im reichlich mit Borten verzierten Chapan wie perfekt sich orientalische Klangwelten mit russischen Walzern a la Schostakovitsch oder Kosakenrhythmen vereinen können. Wir wären gerne länger als 1,5 Stunden geblieben, aber die Welt ruft. Und zum Abschied winkt uns der Hausherr noch mit den Worten hinterher: Wer jetzt geht, verpaßt vielleicht das Beste“ – wahrscheinlich meint er damit das Servieren eines herzhaften Reis-Fleisch-Gemüseeintopfes, d.h. des Nationalgerichtes Plow (oft auch Osh genannt).  ташаккур/ taşakkur/ danke!

Der schönste tadschikische Platz in Deutschland ist m. E. immer noch die „Tadschikische Teestube“ in Ost-Berlin in der Oranienburger Straße. Sie war seinerzeit ein Originalgeschenk des „Bruderstaates“.

Zweiter Halt: Indonesien

Nur zwei Häuser entfernt vom Indonesischen Konsulat in der Bebelallee 15, befindet sich das Iranische Konsulat, das aktuell aus bekannten Gründen allerdings geschlossen ist.

In einer ebenfalls geräumigen grandiosen Villa mit Alsterzugang residiert hier mit Renata Bulan Harungguan Siagian eine Frau als Generalkonsulin. Im Mittelpunkt des Tages steht die indonesische Inselwelt mit rund 17.000 Eilanden, von den ca. 6000 bewohnt sind. Die Größten davon, also Sumatra, Java, Bali, Celebes/ Sulawesi, Lombok und Teile von Borneo etc. habe ich schon 1980 besucht. Wichtigste Exportgüter sind Reis und Gewürze wie Muskatnuß, Nelken und Zimt; aber auch Kaffee, Zucker und Tee sowie Kunsthandwerk und kräftige Seidenstoffe. 300 Jahre lang bis Ende des Zweiten Weltkrieges waren die sog. Molukken niederländische Kolonie unter Verwaltung der Ostindien Company; dann wurde aus der Hauptstadt Batavia, das heutige Jakarta. Inzwischen zählt Indonesien 280 Mio Einwohnern und ist damit das viertgrößte Land der Erde und inzwischen stark islamisch statt wie zuvor hinduistisch geprägt.

Das vollgepackte Programm bietet Vorträge, Workshops, Musik- und Tanzdarbietungen; kleine Souvenirs aus Holz und hauchdünn geschnitzte Lesezeichen mit typischen verspielten Göttermotiven gibt es als Gastgeschenke. Im Garten brutzelt alles, was man sich vorstellen kann: vom Satayspießchen mit Kokos- oder Erdnußsauce bis zum Nasi Goreng. Es riecht verführerisch. Das traditionelle Kräutergetränk Jamu auf Basis von Kurkuma und Ingwer, ist als Kultgetränk Indonesiens sehr beliebt. Ebenfalls allgegenwärtig sind Tees, bunte Fruchtsäfte, süßer Eiskaffee (Kopi) sowie frisches Kokosnusswasser (Kelapa Muda).

Nicht alle Gästebetreuer sind Mitarbeiter des Konsulates, viele sind (ehemalige) Studenten, Praktikanten oder Produktpromoter. Unser Gesprächspartner hat bei Airbus Flugzeugtechnik studiert und gesteht, daß selbst für ihn das Tag und Nacht feucht-heiße Klima seiner Heimat sehr unangenehm sei, er dort manchmal bis zu dreimal am Tag duschen würde.

19.00 Uhr. Es geht weiter und schnell wird klar, daß der Besuch der konsularischen Vertretung von Indien in der Hamburger-Neustadt, wo u.a. Yoga-Kurse angeboten werden, den Zeitplan sprengen würden.

Dritter Halt: Kasachstan

Ganz anders als die beiden zuvor besuchten Konsulate, liegt das kleine kasachische Konsulat nahe dem „Planten und Blomen“ in einer Seitenstraße zum Holstenwall im 4. Stock. Hier agiert seit kurzem Dr. Denis Rogov. Die Einrichtung ist zweckmäßig und es dominieren – wenig überraschend – Anschlagtafeln und Dokumente mit kyrillischen Schriftzeichen, obwohl das Kasachische eine Turksprache ist.

Businesskontakte haben hier Vorrang und schon aus Platzmangel besteht das Infoangebot nur aus einer Bildschirmshow, die neben den Glaspalästen von Astana und Almaty vielfältige Landschaften wie den Katon-Karagay-Nationalpark, den Kolsay-Lake-Nationalpark mit seinem versunkenen Bäumen im türkis-blauen Wasser des Kaindyssees und die Rafting tauglichen Flußschluchten des Charyn zeigt. Aber: die gratis gebotenen Gemüse- und Fleischtaschen sind exzellent, das ganze getoppt von einer schmackhaften Cremetorte in den Landesfarben hellblau-weiß mit der Landesflagge als Hingucker. Das Logo in der Mitte besteht aus einer goldenen Sonne und einem goldenen Steppenadler, die zusammen Freiheit, Wohlstand und Souveränität symbolisieren. Die Flagge wurde 1992 nach der Unabhängigkeit kreiert und 1996 offiziell eingeführt.

Mit nur 20 Mio Einwohnern, aber mehr als 2,7 Millionen km² Landesfläche (7 x so groß wie die BRD) ist Kasachstan (Zugang zum Kaspischen Meer) das neuntgrößte Land der Erde. Während in den Großstädten – ähnlich Aserbaidschan – reichlich Hochhausfassenden glitzern, ist das rohstoffreiche Land ansonsten vorwiegend von Steppe geprägt und verfügt über große Ölressourcen, Eisenerzvorkommen und Unmengen von Kohle. Hauptstadt ist Astana, größte Stadt ist Almaty, das ehemalige Alma-Ata. Sehr bekannt ist auch die Weltraumstation von Baikonur, die im Südwesten Richtung Usbekistan unweit des fast ausgetrockneten Aralsees liegt.

Interessanterweise gab es schon 1895 erste deutsche Niederlassungen in diesem endlos weiten Land. Die Vorfahren der heutigen Kasachstandeutschen wurden nach der Auflösung der sog. Wolgadeutschenrepublik im August 1941 durch das Innenministerium der UdSSR zwangsumgesiedelt und ihnen verboten, bestimmte Berufe auszuüben. Bis Mitte der 1950er Jahre unterlag diese Personengruppe vielen Repressalien; insbesondere in der Zeit zwischen 1941 und 1945 mußten viele Zwangsarbeiten in Arbeitslagern verrichten. Nach dem Ende der Sowjetunion wanderten viele – die meisten nach Deutschland – ab. Ich bin persönlich mit zwei solchen Auswanderfamilien bekannt und schätze ihre Lebensfreude und Hilfsbereitschaft, ihren Pragmatismus und vor allem die Standhaftigkeit, die deutschen Namen nie russifiziert oder verleugnet zu haben. Das Völkergemisch zählt heute noch ca. 250.000 Kasachstandeutsche, die meist im Norden um Astana herum leben.

Vierter Halt: Kirgistan/ Kirgisistan

Am Sandtorkai 77 hoch über den Dächern gleich gegenüber der Elbphilharmonie in bevorzugter Lage in der Speicherstadt, hat seit vielen Jahren Honorarkonsul Karl Ehlerding (83 Jahre) seinen Sitz. Kaum habe ich die Tür geöffnet, schon habe ich ein Glas Wein in der Hand und stecke mir einen Pin mit den deutsch-kirgisischen Flaggen an.

Das kleine Land mit der Hauptstadt Bischkek (über 1 Mio Einwohner, gefolgt von Osch mit 220.000 Einwohnern) ist am besten mit Turkish Airlines zu erreichen. D.h. 3,5 Stunden von Deutschland nach Istanbul und dann nochmals gute fünf Stunden nach Bischkek. Ja, nach Zentralasien zieht sich’s!

Stargast ist an diesem Tag der namhafte 69-jährige Filmregisseur Aktan Arym Kubat (Aktan Abdykalyikow), der nach der Abschlußpräsentation seines neuesten preisgekrönten Filmwerkes dank einer Dolmetscherin für Fragen zur Verfügung steht. Unter dem Titel „Kara, Kyzyl, Sary“ („Black, Red, Yellow“) feierte die Geschichte einer unglücklich verliebten Teppichweberin und dem Hirten Kadyr auf dem GoEast Film Festival in Wiesbaden jüngst Premiere.

Weitere Kostproben gefällig? Das eigentliche Nationalgericht „Beschbarmak“ war leider schon aus. Es besteht traditionell aus fein gehacktem (Pferde- oder Hammel) fleisch, gekocht in eigener Brühe zu handgemachten Nudeln. Aber auch die angebotenen Pelmeni und Piroggen mit Gemüsefüllung sind ausgezeichnet. Die Art der Speisen erinnern mich – inkl. der fermentierten Salate – spontan an den Besuch bei einer Tatarenfamilie in einem Dorf nahe Aluschta auf der Halbinsel Krim 2005.

Dann aber heißt es Mut beweisen. Inzwischen habe ich Keirat, einen Agraringenieur und Absolvent der Hochschule Weihenstephan an meiner Seite, der nicht nur sehr gut Deutsch spricht, sondern über vieles auch herzlichen Lachen kann. Kirgisischen Kwass und Kamelmilch müsse ich unbedingt probieren. Kwass ist ein fermentiertes Getränk aus Brot, Wasser und Zucker mit süß-saurem, leicht malzigen Geschmack, das auf dem Balkan, in Rußland und Zentralasien weit verbreitet ist. Bei der wie Kakao in einer Milchflasche aussehenden Flüssigkeit wurde hier statt Brot, allerdings Weizen verwendet. Aber ganz ehrlich: es schmeckt mehr als gewöhnungsbedürftig. Also weiter mit der Kamelmilch in den kleinen grünen Flaschen. Aufgrund des gegorenen Zustandes und der Spritzigkeit schmeckt sie wie Kuhmilch mit Mineralwasser und keineswegs cremig wie Joghurt oder Ayran.

Als ich beiläufig von typisch deutschen Namen in der ehemaligen Sowjetunion spreche, muß Keirat schmunzeln. Genauso ist/ war es. Vornamen wie Eugen, Artur, Waldemar und Victor waren geradezu ein klassisches Indiz für die Herkunft deutschstämmiger Personen, die wegen ihrer Sachkenntnis und Zuverlässigkeit durchaus geschätzt waren. Selbst er habe in Werkstätten und insbesondere bei Autoreparaturen immer gefragt, ob es jemanden mit solchem Namen gäbe.

Wie in Tadschikistan wechseln auch in Kirgisistan schroffe Gebirgszüge mit tief eingeschnittenen Tälern, wüstenartige mit oasengleichen grünen Landschaften ab. Der Unterschied zwischen der Stadt- und Landbevölkerung ist groß. Den südlichen Abschluss des Landes bildet der Altai, wo der ultimative Höhenzug in das Pamir-Gebirge übergeht. Immerhin sagen mir die Städtenamen wie Dschalal-Abad und Karakol (wie der See) etwas. Sie sind reale Orte und klingen doch wie Mythen aus einem fernen Märchen. Nationalsport ist Kök-Börü, oft auch als Ulak Tartysh bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein traditionelles, hartes Reitspiel, das oft teils auch als „Fußball zu Pferd“ mit einem toten Ziegenkadaver beschrieben wird. Ganz ähnlich ist es auch in Tadschikistan (dort Buzkashi genannt) und in Kasachstan, nur heißt der Reitersport dort Kokpar und verkörpert die Nomadenkultur. Nun denn: andere Länder, andere Sitten.

Fazit

Inzwischen ist es dunkel geworden und doch könnte ich ewig so weiterreisen, aber um 22.00 Uhr schließen die Pforten all dieser Institutionen. Diese Fülle an Eindrücken und netten Leuten ist jede Minute wert. Die „Lange Nacht der Konsulate“ zeigte im direkten Kulturaustausch einmal mehr die Internationalität von Hamburg. Und egal, welche Stationen man wählte, war die Vielfalt greifbar. Jedes Konsulat mit eigener Perspektive, eigenen kulturellen Einblicken und individuellen Gesprächen, Gastfreundschaft und zugewandter Atmosphäre – und mithin gegenseitigem Verständnis.

 

 

„Kunst und Kante“ Magazin lesen

print
Autor

Write A Comment