Mehr Panik geht nicht, auch wenn der Sonderzug nach Pankow nicht mehr so häufig fährt. Anläßlich des  bevorstehenden 80. Geburtstages von Kultmusiker Udo Lindenberg am 17. Mai öffnete – parallel zur „Panik City“ auf der Reeperbahn – am 30.04. für sechs Monate das UDOVERSUM im Hamburger Stilwerk seine Pforten. Vor mehr als 300 geladenen Gästen und reichlich Presse, hielten Kultursenator Dr. Brosda und Kiezikone Oliva Jones alias Oliver Knöbel die Laudatio. Überraschungsgast war – wie konnte es anders sein – WG-Weggefährte Otto Waalkes.
Mit der Großen Udo Lindenberg Ausstellung entstand eine umfassende Hommage an das Leben und Wirken dieses ikonischen Vollblutkünstlers, der mit seinem Musikstil Generationen prägte und seit Jahren auch als Maler von sich reden macht. Man denke nur an seine „Likörelle“ und „Ejakulator-Werke“. Kein Wunder, lebte er in den 70-iger Jahren doch in einer „kunterbunten“ Wohngemeinschaft mit Marius Müller-Westernhagen und Otto Waalkes in Hamburg-Winterhude; Topadresse Rondeel. Alle drei wurden prägende Persönlichkeiten der deutschen Kultur.
Das „UDOVERSUM“ zeigt persönliche Notizen, Bühnenoutfits, Instrumente, Fotografien, handgeschriebene Songtexte und bislang unveröffentlichte Exponate aus seinem Leben zwischen Rock’n’Roll, Kunst und Zeitgeschichte. Vom niedlichen Kinderfoto und jungen Schlagzeuger über sechs Jahrzehnte bis zur lebenden Rocklegende, der man hin und wieder im „Hotel Atlantic“, seinem festen Wohnort, begegnen kann. Manchmal gibt er dort sogar ein spontanes Ständchen, aber feste Termine mag er zunehmend weniger. Er soll auch einen Zweitwohnsitz in Berlin am Potsdamer Platz haben.

Sein Leben, seine Karriere

Zunächst wollte der 1946 im westfälischen Gronau geborene Udo Gerhard Lindenberg zur See fahren. Schon seit frühester Jugend wollte er nur DA weg, der spießigen Welt entfliehen. Statt als Steward auf Kreuzfahrtschiffen über die Weltmeere zu schippern, wurde er dank seines ausgeprägten Rhythmusgefühles Schlagzeuger, später Sänger und schließlich zu dem Künstler, der den Deutschrock massentauglich machte. Mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ gelang ihm 1973 der Durchbruch und „Oberindianer Honey“ wurde mit dem Sonderzug nach Pankow zur Wendezeit (ähnlich „Wind of Change“ von der Scorpions) zum ultimativen Freiheitssong. Anläßlich Honeckers ersten Besuch in der BRD soll er ihm eine E-Gitarre überreicht haben, die mit dem Spruch Gitarren statt Knarren“ beschriftet war. Fast alle seine Songs wurden zu Nummer-Eins- Hits und erlangten „Gold-Status“. Insgesamt dürfte er 500-600 Lieder geschrieben und 35 Studioalben herausgebracht haben.
Hamburg wurde bereits 1968 zu seiner Wahlheimat und hier entwickelte er seinen unverwechselbaren Stil: dunkler großer Hut, Sonnenbrille und seine leicht verwaschene schnodderige Sprache. Natürlich gab es in seiner Karriere gerade zu Beginn nicht nur Erfolge, sondern auch Brüche und in den 90-igern diverse Alkoholkrisen; 4,7 Promille überlebt nicht jeder.
Anfang der 60-iger Jahre tourte er über Norddeutschland und Frankreich bis nach Libyen. Dort spielte er als 17-Jähriger ein Jahr lang nahe Tripolis im Club eines US-Luftwaffenstützpunktes. Nach Rückkehr begann er ein Studium an der Westfälischen Schule für Musik in Münster. In Folge trat er als Schlagzeuger mit vielen namhaften Bands auf. 1973 ging er erstmals seinem Panikorchester auf Tournee.
Udos „Onkel Pös Carnegie Hall“ war seinerzeit einer der angesagtesten Musik-Kneipen Hamburgs. Viele zunächst unbekannte Musiker und Bands legten dort den Grundstein für ihre Karrieren – so zum Beispiel 1976 Al Jarreau.
Was eher weniger bekannt sein dürfte: 2006 wurde Lindenberg damit beauftragt, die Künstler-Ausgabe der Jubiläums-Edition von „Meyers Großes Taschenlexikon“ zu gestalten und den Einband aller 24 Bände – zuzüglich einem Band mit der Lexikon-DVD – zu illustrieren. Einige seiner Werke findet man so gar im Berliner Bundeskanzleramt und 2010 gab das Bundesministerium für Finanzen zwei von ihm gestaltete Sonderbriefmarken heraus. Zum 70-jährigen Jubiläum (02.04.2016) der Tagezeitung „Die Welt“ gab es eine von Lindenberg illustrierte Sonderausgabe.

Privates, politisches und soziales Engagement

Die Liste seiner legendären Konzerte und Benefiz-Auftritte ist endlos. Er engagiert sich u.a. für die „Afrikahilfe“, „Live Aid“ und „Rock gegen rechte Gewalt“ etc. Im Dezember 2006 gründete er die Udo-Lindenberg-Stiftung, um sich dauerhaft kulturpolitisch, humanitär und sozial zu engagieren. Die Stiftung fördert deutschsprachige Nachwuchsbands mit regelmäßigen „Panikpreis“-Wettbewerben, veranstaltet das Hermann-Hesse-Festival und begleitet soziale Projekte in Afrika sowie in Deutschland. Seit 2015 unterstützt Udo Lindenberg als Botschafter die Umweltschutzorganisation Greenpeace.

Was kann man nicht alles über ihn lesen. Er wohnt seit Jahren im legendären „Hotel Atlantic“ an der Außenalster – stimmt. Seine Suite kostet rund 15.000.- Euro pro Monat – das könnte hinkommen. Sein Vermögen wird auf ca. 35 Mio Euro geschätzt und er besitzt mehrere Sportwagen, darunter mindestens zwei Porsches – warum auch nicht? Gewitzelt wird auch über sein spätes Aufstehen nach 12.00 Uhr mittags – er leugnet dies nicht, oft male er in der Nacht. Deshalb hat er auch die Einladung zum Senatsfrühstück anläßlich seines Geburtstages abgesagt.

Die Frau an seiner Seite ist seit 1990 Fotografin Tine Acke; Mitte der 80-iger Jahre war er mal mit Rockröhre Nena liiert. Ob er immer noch gerne Lakritz ißt, war nicht zu ergründen; Eierlikör trinkt er aber tatsächlich höchst gerne. Darüber, ob aus einer Verbindung mit dem „Mädchen von Ostberlin“ ein gemeinsamer Sohn entstammt (um 1985?), darf weiter spekuliert werden. Wie auch immer es war, er hat sein „Ding“ gemacht und seine Denkhaltung gern vertextet.

Fakt ist, daß er 1989 einen Herzinfarkt erlitt und bis dato unzählige Auszeichnungen erhielt; darunter 2019 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

29. April 2026: Udo unplugged

Einmal in seiner legendär-laszessiven Art „Hallöchen liebe Freunde der Panikfamilie“ hören. Am Vorabend der Eröffnung betrete ich über den magentafarbenen Teppich zusammen mit vielen geladenen Gästen die Ausstellung im 4. OG des Stilwerks am Holzhafen. Da steht in einer Ecke nicht nur sein Schlagzeug und hängt seine Lederjacke samt Gegengeschenk von Erich „Honey“ Honecker, eine Schalmei, hinter Glas, sondern sind auch viele bekannte Comic-Graphiken und sonstige Bildwerke gehängt, wie die „Andrea Doria“, seine „Antikriegs-Argonauten“ oder seine „Evolution“. Das Ganze ergänzt durch unzählige Udo-Fotos in allen Lebenslagen. Alles echte Lindenbergs!

Zu Beginn ist fast kein Durchkommen, überall recken sich Mikrophone und Kameras in die Luft. Bereits am Nachmittag wurde das Tribute Album mit dem Titel „We love Udo“ im Astor-Kino vorgestellt. Darauf gratulieren 24 Künstler Udo mit ihren ganz eigenen Interpretationen von Udo-Songs zum runden Geburtstag.

Einige Gäste im Stilwerk haben sich a la Udo mit dunklen Sonnenbrillen oder stylischen Filzhüten geschmückt und jubeln zunächst dem Posing eines Lindenberg-Doubles zu. Und natürlich wird Eierlikör ausgeschenkt. Schließlich kann sich der Meister im grauen Nadelstreifensakko mit gelb gestreiften Schulterstücken höchst selbst, von allen wichtigen Interviews und Medienschaffenden lösen, denen er zuvor mit leicht gestülpten Lippen – mal mehr, mal weniger – unnachahmlich in die Kameras genuschelt hatte. Immer mal wieder tippelt und tänzelt er mit leicht gebeugten Knien auf der Stelle – so, wie man ihn kennt. Er wird zunehmend umringt von persönlichen Bekannten und viel Prominenz aus der Show-, Musik- und Kulturbranche. Meist in seiner Nähe Lebenspartnerin Tine Acke (49 J.).

Für sein Alter zeigt er eine erfreuliche Kondition und ist allen geduldig zugewandt. An einige Gesichter scheint er sich tatsächlich zu erinnern, bei anderen tut er zumindest so. Unzählige Fotos werden gemacht und es wird viel gelacht. Bei einer günstigen Gelegenheit kann auch ich ihn kurz ansprechen und zeige ihm die Buchstaben U-D-O-Versum an meinem Kragenausschnitt. Er lächelt und drückt meine Hand mit der Ghettofaust, also Daumen oben. Als er einen Moment festhält, er hat zarte, gepflegte Hände, bleibt mir noch Zeit für ein Bitt-Statement: „… und der Oberindianer bleibt original im Text“ (irgendwelche „Political-Correctness-Gut-Menschen“ hatten erst kürzlich die Eliminierung des Begriffes „Oberindianer“ aus dem Sonderzug-Song gefordert). Uns trennen nur 20 Zentimeter und verschmitzt schaut der 1,75 Meter große Barde unter seinem Hut mir in die Augen und sagt: „na klar bleibt der drin; an der Stelle singe ich jetzt immer „Iiiiiidaner“. Herrlich.

Zu guter Letzt folgt nach 1,5 Stunden im Erdgeschoß schließlich der Laudatoren- und Musikakt, auf den alle gewartet haben. Kultursenator Dr. Carsten Prosda weist u.a. daraufhin, daß Udo Lindenberg nach Johannes Brahms erst der zweite Musiker sei, dem die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen wurde (insgesamt sind es 37). Laudatorin Olivia Jones wird indes nicht müde zu betonen, Udo immer als Inspirationsquelle gesehen zu haben. „Er hat immer an mich geglaubt und ich habe viel von ihm gelernt“. Sie würde sich (jemand vom Typ) Udo gar als Bundespräsident wünschen, da er immer für Toleranz und die Liebe eintrete. Sie nennt das „Unterhaltung mit Haltung“ und schwärmt weiter, daß Udo einfach alles könne, sogar Rollschuhlaufen. Er scheine einfach unkaputtbar und werde zu seinem 100. Geburtstag wahrscheinlich von einem Ufo abgeholt.

Dann aber geht’s los. Udo am Mikro, sein Freund und langjähriges Bandmitglied Kravetz am Keyboard. Gleich zu Beginn singt er mit „Hinterm Horizont geht’s weiter“ eines meiner Lieblingslieder; die ganze Eingangshalle singt und schwingt vollmundig mit. Gänsehautfeeling. Nach dem dritten Song tritt als Überraschungsgast kurz „Otto“ auf die Bühne. Eine herzliche Umarmung, ein kurzer Jodler und gegenseitige Bekundungen zur Wertschätzung. Gemeinsam stimmen sie kurz „Highway to hell“ an und erinnern sich an alte WG-Zeiten: Otto schlief einen Stock tiefer und erlebte wie das Wasser aus dem oberen Stock von der Decke tropfte, weil Udo darüber, was auch immer angestellt oder vergessen hatte.

Das Grande Finale gerät fast nachdenklich, denn der „Kids-on-Stage-Chor“ betritt die Bühne und stimmt in sein Lied „Wozu sind Kriege da?“ ein. Ein junger Solist haucht resigniert: „Was kann ich schon tun, ich bin ja nur ein Kind.“ Der erklärte Sozialdemokrat ließ es sich in zwei Zwischenakten nicht nehmen, seine politische Gesinnung klar zum Ausdruck zu bringen und schwört auf gelebte Vielfalt. Schließlich schwingt er sein Likörgläschen, prostet in die Runde von Gästen und Weggefährten (darunter auch sein Freund und Bandkollege „Steffi“ Stephan) und nuschelt etwas wie: „Immer schön auf die Gesundheit achten, aber so ein Eierlikörchen kann ja wohl niemand schaden.“ Mehrfach läßt er ganz typisch das Mikrokabel kreisen; unvermittelt brandet herzlicher Applaus auf. Auch, als er sein Ehrengeschenk – ein riesiges Bild mit markanten Lebensstationen – in Empfang nimmt. Ein Eröffnungsabend mit vielmehr als nur WOW-Effekt – ein Moment für die Ewigkeit. 

Und Udo? Er, der für andere Künstler und Weggefährten stets viel Lob findet und jedem den Erfolg gönnt, scheint wahrhaft gerührt über die Mühen seines „Zauberteams“ und wie man ihn in „seinem Hamburg“ feiert. Er versteckt sich auch nicht den ganzen Abend hinter seiner schwarzen Brille, nimmt sie hin und wieder ab; nur der Hut bleibt, wo er ist.

Das erwartet die Besucher im UDOVERSUM

Also rein in die farbenfrohe „Erlebniszentrale„. Die temporäre Pilgerstädte für alle Udo Fans oder solche die es werden wollen, lädt noch bis 31.10.26 dazu ein, die Welt von Lindenberg neu zu entdecken. Ein  Schwerpunkt liegt auf Lindenbergs bildender Kunst: So geben zum Beispiel seine berühmten, tatsächlich mit Likör gemalten „Likörelle“ sowie Skizzenbücher und weitere Werke aus dem Atelier spannende Einblicke in sein kreatives Schaffen. Eine neu produzierte Hörführung begleitet durch die Ausstellung und verbindet Musik, Malerei und Show. Eintritt ab 14.- Euro.

Das offizielle Begleitbuch zur Ausstellung im Hamburger Stilwerk (inkl. Diskografie) ist der Katalog „UDOVERSUM. Die große Udo Lindenberg Ausstellung“, herausgegeben von Frank Bartsch. Es illustriert wahren Zeitgeist und verdeutlicht auf 240 informativen Text- und Bildseiten „wie Udo so tickt“. Es ist für 39,95 Euro zu haben und ist bei der Verlagsbuchhandlung Lempertz Edition erschienen.

„Ich habe die Ausstellung selbst noch gar nicht in Ruhe betrachten können“, so Lindenberg. Kuratoren und Veranstalter haben hier tolle Arbeit geleistet. „Ich bin von Beruf Udo Lindenberg, meinen Job gibt es nur einmal auf der Welt“. Besser kann man es nicht formulieren. Alles Gute und weiter so, denn: Hinterm Horizont geht’s weiter …

 
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