Im Sommer finden alljährlich gleich mehrere bemerkenswerte Modeveranstaltungen an Hochschulen für Modemanagement und Design in Hamburg statt; eine davon ist MACROMEDIA – „Karl der Große“ läßt grüßen.

Auf zum Macromedia-Campus

Die alljährliche Modenschau der „Macromedia University“ gilt als großes kreatives Highlight, bei dem Hunderte von Gästen die Arbeiten der jungen Designer auf dem Laufsteg bewundern und ggf. auch kritisch kommentieren können.

Die diesjährigen Macromedia Sommer-Shows auf dem Hochschul-Campus in Hamburg (im Stadtteil St. Georg nur ein wenige Schritte von Ballindamm und Binnenalster) fanden am 18. Juli um 19.00 Uhr und um 21.00 Uhr statt. Im Wintergarten des Campus präsentierten die Modedesign-Studierenden des 2., 4. und 6. Semesters sowie die Bachelor-Absolventen ihre Semesterprojekte und Abschlusskollektionen. Als zusätzliches Highlight wurde Studieninteressierten eine Backstage Tour und kostenlose VIP Tickets für die Modenschau gewährt.

Stylische Outfits – ein Blick hinter die Kulissen 

Die Studierenden haben das gesamte Semester auf diesen Tag hingearbeitet, um ihre finalen Designs zu präsentieren und in den Fluren und im Foyer herrscht verständlicherweise aufgeregtes Treiben. Schon im Probedurchlauf ist zu erkennen, daß die Kreativität der junger Designer regelrecht ansteckend ist und alle im Raum sich von Farben, neuen Formen und Silhouetten inspirieren lassen. Oder wie eine der leitenden Professorinnen, Frau Alena Bartschat (ehemals Designerin bei Givenchy und Akris) es mir gegenüber formulierte: „Gerade die jüngeren Jahrgänge denken erst gar nicht groß nach, die machen einfach“.

Einblicke in die Gedankenwelt der jungen Designer und Ausbildungsanforderungen

Gerade die Making-Offs zeigen deutlich, daß jede/r seine/ ihre eigene Ästhetik hat und alles bereits bei der Materialrecherche beginnt. Zudem muß am Ende vor allem das Gesamtkonzept stimmen, also das Zusammenspiel von Kreation, handwerklichem Können und optimaler Präsentation. Als Königsdisziplin gilt es, langfristig nach Möglichkeit zur Marke mit einem unverwechselbaren Stil zu werden.

Als Außenstehende/r sollte man sich stets vergegenwärtigen, welche komplexen Denkprozesse im Vorfeld hinsichtlich einer Aufgabenstellung ablaufen und wieviel Arbeit letztlich hinter jedem Look steckt, den man auf dem Runway in wenigen Sekunden aus den Augen verliert. Insbesondere, wenn auch noch der Stoff bzw. das Material an sich zum Herstellungsbestandteil der Kreation wird. Zudem mag jedem Betrachter ggf. ein anderer Aspekt der Komposition  wichtig sein.

So lautete lautete etwa die Aufgabe des 4. Semesters ein originelles Kollektionskonzept zu entwickeln, das sich mit der Dekonstruktion normativer Körperbilder auseinandersetzt. Der Schwerpunkt soll dabei auf der gestalterischen Erforschung queerer Silhouetten liegen, die klassische Zuschreibungen von Körper, Geschlecht und Kleidung hinterfragen und neu definieren. Ziel ist es, dominante Modekodizes zu dekonstruieren, neue Körperbilder sichtbar zu machen und diese in eine kohärente, zeitgemäße Kollektion zu übersetzen.

Hmm, eine solche Aufgabenstellung muß man erst einmal zu deuten wissen, zumal zwei Styles zu erarbeiten sind. Dazu der Studierende Hennes R.:Ich benutze für die Kollektion starke Farben vom Kunststil Pop-Art inspiriert. Meine Kollagen sind alle gekritzelt und sollen nicht perfekt aussehen, sie sollen lediglich die grauen Bilder, die ich als Basis genommen habe übermalen, um ein schönes glückliches Farbbild zu erzeugen.“ 

Look 1: „Für den Print habe ich alte U-Bahnsitze als Basis genommen und dann Kinderzeichnungen in die Lücken gesetzt. Den Stoff habe ich dann in Tschechien selbst bedrucken lassen und so meinen eigenen Stoff entwickeln lassen. Für unsere Aufgabe sollten wir vorhandene, gemusterte Stoffe noch einmal mit einem Siebdruck überlagern. Für den Entwurf des Siebdruckes habe ich Kindern einen Vogue-Print mit queeren Models gegeben und diese anhand dieser Bilder ihre eigenen Figuren zeichnen lassen. Diese Zeichnungen habe ich dann nochmals vergrößert auf den vorhandenen Stoff gedruckt.“

Look 2: Für den anderen Look habe ich einen queeren Comic entworfen, der ebenfalls auf Stoff gedruckt wurde. Comics verarbeiten oft starke Gefühle auf humorvolle Weise …“ usw.

 

Lilian M. formuliert ihr Anliegen so:

Mich beschäftigt dabei die Idee, „daß jeder Mensch die Welt auf seine eigene Weise wahrnimmt. Inspiriert von dem Zitat aus The Alchemist – „Ich habe bemerkt, dass jeder seinen eigenen Weg hat zu lernen. Er lernt aus Büchern, ich lerne aus der Welt. Trotzdem achte ich ihn dafür“ – untersucht die Kollektion unterschiedliche Perspektiven und die Akzeptanz verschiedener Sichtweisen.

Die beiden gestreiften Outfits mit den opulenten Blusenärmeln wurden in der Show übrigens von Rosa und Jaden getragen.

Ein anderes gutes Beispiel ist sicher auch die Kollektion mit dem Titel „Comingsoon“ von Emily W. Um den Artikel nicht zu lang werden zu lassen, nachfolgend ihr Konzept in vier Bildern. An dieser Stelle danke ich der Hochschule, namentlich Frau Prof. Claudia Damm, und den genannten Studierenden für die Bereitstellung ihrer Arbeiten, Fotos und Gesprächen.

Mode kreieren ist eine Sache, die wirtschaftlichen Erfordernisse zu kennen und Erfolge zu erzielen eine andere

Wie immer will ich mehr wissen und spreche vor der Show mit den Bachelor-Absolventen Lea und Mo über ihre Werdegänge und was sie antreibt.

Schnell sind wir uns darüber einig, daß sich die Modebranche schon länger nicht nur in einem Strukturwandel hin zu mehr Qualität und Nachhaltigkeit befindet, sondern auch die digitale Revolution und die sozialen Medien die Fashion-Industrie derzeit von Grund auf verändert.

In der Infobroschüre der staatlich anerkannten Hochschule heißt es: „Wenn du Mode-Design oder Fashion Management an der Macromedia University studierst, eignest du dir das notwendige Rüstzeug an, um in dieser schillernden Branche in eine Führungsposition aufsteigen zu können. Dabei gibt dir das innovative Studienmodell die Möglichkeit, dich kreativ zu entfalten und den Studienalltag nach deinen persönlichen Wünschen zu gestalten“.

Bemerkenswerterweise sehen beide in dem Bachelor-Abschluß nach sechs bzw. sieben Semestern nicht das Ende ihrer Ausbildung, sondern eher ein gewisses Sprungbrett für weitere Fortbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten (ggf. auch im Ausland), um vor oder während des Berufseinstiegs Schwerpunkte zu setzen. Einen Masterabschluß (Master of Arts) streben beide nicht an. Während Lea (war ebenfalls für die Graduate Show Neo.Fashion in Berlin nominiert) sich im Rahmen ihres Designstudiums mehr als Künstlerin fühlt, sieht sich Mo, der aus dem Münsterland stammt, ohne Frage überwiegend als Handwerker. Er begründet dies u.a. damit, weil man in der Praxis selten völlig frei beim Gestalten bzw. Herstellen ist, d.h. mittelfristig ja auch die Verkaufbarkeit der Kreationen respektive die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten muß. Da gilt es trotz sprudelnder Ideen, Stoffkosten, Arbeitsschritte und Verarbeitungsdauer etc. bewußt zu kalkulieren. Am liebsten würde er später in einem kleinen selbständigen Team arbeiten und nicht bei einem großen Unternehmen. Andererseits räumt er ein, daß er sein Praktikum in München bei einem internationalen Unternehmen gemacht habe, was deshalb so interessant war, weil man mal „über den Tellerrand hinaus schauen“ und erfahren konnte, wie in anderen Ländern gedacht und gearbeitet wird. An einer relativ kleinen privaten Hochschule (mit immerhin rund 800 Studieren in 10 Studiengängen) „schwimme man schnell im eigenen Saft“. Neben den Kosten der Ausbildung (pro Semester durchschnittlich ca. 750.- Euro) sprechen wir u.a. über die unterschiedlichen Erfahrungen und die Tücken der Branche. Über Geschmack läßt sich bekanntlich ja nicht streiten – oder doch? – und wer am Ende Karriere macht, ist bei gleicher Qualifikation, oft vom Zufall oder ggf. einem prominenten Mentor abhängig.

Beide bekräftigen, daß sie bevorzugt mit Naturmaterialien (wie Baumwolle, Leinen oder Leder etc.) arbeiten würden; man aufgrund von Schnittanforderungen aber manchmal Abstriche machen und auf Alternativen zurückgreifen müsse. Schließlich darf ich noch in eines der Mode-Ateliers, quasi die heiligen Hallen schauen. Man ahnt, daß hier noch bis zum letzten Moment gearbeitet wurde. Überall große Tische, Stoffreste, Scheren, Schneiderpuppen und natürlich Nähmaschinen – jede/r Studierende hat seine/ ihre Eigene. Die Zeit drängt; nur noch wenige Minuten bis zur ersten Show.

Apropos Runway Show: Hier präsentieren die jungen Designer ihre Modelle i.d.R. nicht selbst, sondern lassen sie von aufstrebenden Models vorführen. Erst ganz zum Schluß laufen sie – fast schüchtern – im finalen Defilée mit. Im Laufe der Show werden ihre Namen und die Titel ihrer kleinen Kollektionen (meist 2-5 Stücke) allerdings auf Monitoren eingeblendet. Darunter ist auch die Abschlußkollektion von Ronja Schulz, die für ihre wollweißen Puschel-Kuschel-Kreationen bei einem Designer-Wettbewerb der Best Graduates für den „Neo Fashion Award“ nominiert wurde. Dort belegte sie einen Top 10 Platz und erhielt dafür als Auszeichnung ein Stipendium in Australien. Bravo, denn das bedeutet gleichzeitig auch für die Hochschule eine positive Reputation.

Was mir auffiel 

Die Show dauerte gut 50 Minuten und m.E. wurde streckenweise sichtbar, daß unbewußt auch die kulturelle Herkunft der/ des Designer*in Einfluß auf die Kreation, Farb-, Material- und Schnittwahl zu haben scheint. Ohne ins Detail zu gehen, sind große Muster, lange Fransen, Bronze- und Goldtöne, Kleider und Röcke in Midilängen eher nicht von Asiaten entworfen. Diese wiederum kommen entweder verspielt bunt daher oder farbminimal mit oversized Hosen und Blousons zu wuchtigen Schuhen. Das mag ansonsten gar so nicht auffallen, nur, wenn man viele Kreationen von verschiedenen Designern so unmittelbar hintereinander im Vergleich sieht. Accessoires wie Schuhe und Taschen rundeten zwar das Bild der Looks ab, waren explizit aber kein dominierendes Thema.

Offensichtlich sehr gefragt, waren Jeansstoffe aller Art. Und wie in fast jeder Kollektion der großen Designer, gab es im Laufe der Show natürlich auch ein Brautkleid. Ansonsten war vom schwarz-weißen Officelook über androgyne Morphsuits in Pink und Schwarz bis hin zu „Hulk’s Verwandten“ alles dabei.

Immer wieder hämmern rhythmische Beats durch den hohen Glasraum. Wechselstreß haben die Models indes nicht, denn jede/er trägt im Laufe der Show nur ein Designerteil.

Macromedia ist übrigens an vielen Standorten auf der Welt präsent und man kann diverse Studiengänge, u.a. auch Medienwissenschaften, studieren. Der graduierten Slogan lautet: „Hüte fliegen, Träume starten“. Allen Machern*innen und Absolventen*innen weiterhin viel Erfolg!

 

Anmerkung: Fotos PFritz und von Studierenden der Hochschule mit freundlicher Genehmigung

 

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