Genauer gesagt sind Haare die Spielwiese des WIG-Perückenkünstlers aus Hamburg, die er und sein Kollege Mohamad Barakat-Götz zu opulenten Kunstwerken auftürmen. Erst kürzlich wurden Teile seiner Kollektion im Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt und sein Terminkalender zur Fertigung von exklusiven Stücken und sonstigen Medienprojekten ist gut gefüllt. Gerade erst kommt er von einem Dschungelcampdreh zurück, wo er u.a. seine prominente Kundin „Olivia Jones“ alias Oliver Knöbel ausstattete.

Was sagt der Haarkünstler über sich selbst?
Über seinen Werdegang wurde schon viel geschrieben und in Insiderkreisen ist er – als ehemaliger Clubbesitzer – bekannt wie der sprichwörtlich „bunte Hund“. Und das nicht nur in Hamburg, sondern weit über die regionalen und nationalen Grenzen hinaus. Glitter, Glamour und exotische Formen sind seine Welt. Kaum eine Show in Hamburg läuft ohne ein Teil von ihm; schon gar nicht in der Transen- und Burlesquebranche.

Was ihn umtreibt, beschreibt der heute 54-Jährige selbst am besten: „Mein Herzinfarkt im Jahr 2018 war für mich ein Wendepunkt – er hat mir die Kraft und Motivation gegeben, mich noch einmal völlig neu zu erfinden. … Als ich mich von der klassischen Herangehensweise eines Friseurs löste und mein erlerntes Wissen losließ, eröffnete sich mir eine Welt voller neuer Möglichkeiten; … d.h. neue innovative Techniken zu entwickeln und den Umgang mit einem völlig neuen Material zu meistern. … Schon immer hatte ich die Vision, Perücken zu etwas Größerem zu machen, als nur einen Gebrauchsgegenstand. …“


Sein Zuhause, sein Showroom
Seine Kreationen sind einmalige Kunstwerke auf dem Kopf. Wieviel Denk- und Handarbeit dahintersteckt, zeigt ein Atelierbesuch, wo er einige seiner Schätzchen präsentiert und so manche Story über deren Entstehung parat hat. Und noch viel mehr, denn hier lagern bereits Kreationen, die in den nächsten Monaten z.B. bei „400 Jahre Reeperbahn“ Furore machen werden. Nur noch Nuancen sind daran zu optimieren.
In der kleinen Wohnung im 2. OG dominiert die Farbe Schwarz und die dort aufgestellten extravaganten Designerperücken bilden das Kontrastprogramm. Ansonsten ist gerade noch Platz für eine Schminkspiegelkonsole für Anproben von Kunden. Schon in einer Stunde hat sich mit Ernst-Johann „Ernie“ Reinhardt ein prominenter Kunde angesagt, besser bekannt als frivole TV- und Club-Entertainerin und Schauspielerin „Lilo Wanders“.
Bei meinem Eintreffen hängt der zierliche Pepsi-Trinker Karl (ich darf ihn duzen) noch am Telefon. Ein redefreudiger, begeisterter Programmgestalter von RTL ist dran. Es geht um letzte Abstimmungen für die anstehende Dschungelcamp-Ausgabe bzw. die „After-Stunde mit Olivia Jones“ und den Austausch mit einer Kulturagentin für ein neues bundesweites Bildungsprojekt, das in Hamburg unter „Olivia macht Schule“ laufen soll. Für solche Projekte engagiert sich auch Gadzali gerne. Eine Umfrage unter Schülern habe nämlich ergeben, daß Fragen und Verhalten zur sexuellen Orientierung ein vorrangiges Mobbing-Thema sei. Da möchte man Aufklärung leisten und nach Möglichkeit zur Deeskalation und Akzeptanz beitragen.


Dann geht’s über den Hof zum kleinen Showroom, die Zeit drängt. Im unteren Eingangsbereich stehen schon die Modelle für das Dschungelcamp bereit, die demnächst abgeholt werden. Darüber hängen in transparenten Beuteln vielfarbige Standardperücken, die darauf warten zum Kunstwerk transformiert zu werden.
Diese sog. Kunsthaarperücken bestehen aus synthetischen Polymerfasern wie Acryl, Nylon oder einem Polyester. Dank modernster Technik werden sie in feinste Haarform gepresst, für eine natürlichere Haptik teils „stonewashed“ und final als Tressen oder Einzelfilamente auf eine Haubenmontur genäht. Farb- oder Formänderungen sind auf herkömmlichem Wege (also Lockenstab oder Tönung) bei Kunsthaar nur in ganz geringem Umfang möglich. Eigentlich – es sei denn, man heißt Karl Gadzali.






Oben, die steile Stiege hinauf, thronen weitere Ikonen der Haarkunst. Darunter prämierte Stücke wie der „Goldene Faun“, „Schwanengesang“, die berühmte „Rote Rose“, der „schwarz-glänzende Dreimaster“ und das „Hakenkreuz im Scheißhaufen“. Kein Scherz, so heißt diese haarige Komposition; politische Statements setzt Karl mutig und gerne. Eines der Meisterwerke darf ich sogar anprobieren und so selbst erfahren, wie schwer so eine Kreation ist, wie gut sie sich trägt und ausbalancieren läßt. Damit die bis zu 50 Zentimeter hohen oder auch breiten Aufbauten bei Bewegung nicht vom Kopf rutschen, werden sie bei Auftritten dann noch gut am Kopf der Trägerin verklebt.

Das „Making-Of“ der Designerperücken
Immer wieder befühle ich die diversen Hörnchen, Flammensträhnen, Lockenkringel und Ringkonstruktionen. Kaum zu glauben, daß alles hier aus Synthetikhaar ist. Keine integrierten Speichen, Pappeinlagen, Spiralstützen oder Stoffblumen – alles ist aus umwickelten und entsprechend aufbereitetem Kunsthaar. Das Geheimnis liegt überwiegend im verwendeten Lack bzw. einem Haarspraylack, so Karl. Gerade war kurz nach meiner Ankunft tatsächlich eine Lieferung von neuen Spraydosen angekommen. Standardware. Die 3-Komponentenmischung des für die Pailletten- und Glitzerbeschichtungen verwendeten Klebstoffes ist hingegen (verständlicherweise) eine Art Betriebsgeheimnis.
Trotz Begutachtung aus minimalster Entfernung und mehrfachen Betastens hätte ich z.B. bei den Rosenblüten geschworen, daß es sich um drapierte Stoffblumen aus Organza handelt. Wahnsinn! Zu gerne hätte ich Karl und Mohamad einmal bei der Arbeit zugesehen. Da ich als frühere Eiskunstläuferin und Turniertänzerin selbst Kostüme designed und tausende von Pailletten und Fransen aufgenäht und geklebt habe, kann ich mir den Schaffensprozeß jedoch gut vorstellen. Mal liegt man von der ersten Idee an richtig, mal muß man die ersten Ansätze immer wieder verwerfen und das Design zumindest teilweise überdenken, um den gewünschten Ausdruck zu erzielen. Denn nicht alles was aus der Nähe wirkt, wirkt auch in der Distanz und umgekehrt.

Die Transmann Vagina war eines seiner ersten Werke, das ihm größere Aufmerksamkeit verschaffte. Karl kreierte sie anläßlich des „International Transgender Day of Visibility“.

„Das Schiff habe ich für die Fachzeitschrift Top Hair gemacht als Dank für einen mehrseitigen Bericht über mich. Ich wollte da eine klassische Frisur aus dem Rokoko mit meinem Wigdesign zusammenbringen und habe dann den Dreimaster aus Haaren gemacht. Die Frisur trägt den Namen „a la Fregatte“ und da im Rokoko die Haare und Perücken meist weiß gepudert wurden, lag für mich das Schwarz dann ziemlich nah. Mittlerweile ist das Haar, welches die Wellen darstellen soll, auch noch beglitzert“. Soweit der kleine Blick in die Entstehungsgeschichte eines Exponates bzw. in seine Gedankenwelt.
Wie lange so ein Edelteil seine Form behält, hängt neben der Nutzungsdauer und -frequenz natürlich auch von der pfleglichen Behandlung ab. Reparaturen und Umarbeitungen mache er eigentlich nicht, einzig für Großkundin Olivia Jones.
Jedes dieser exklusiven Teile nimmt leicht 50 bis 100 Arbeitsstunden in Anspruch, was sich am Ende auch im Preis niederschlägt. In Mohamad Barakat-Götz hat er wahrlich einen kongenialen Mitstreiter gefunden, der 2010 vor dem Bürgerkrieg aus Syrien floh. Er ist ebenfalls gelernter Friseur und teilt mit ihm dieselbe krative Leidenschaft. „Alles kann man – selbst bei sprudelnder Inspiration und jahrelanger Erfahrung – einfach nicht alleine machen, man kommt sonst in Zeitnot, verliert sich in Details oder wird betriebsblind.“
Die Kunden*innen geben sich die Klinke
Es klingelt und auf dem Rückweg in seine Wohnung begegnet uns mit freudigem Hallo schon der angekündigte Gast. Natürlich ungeschminkt und mit großem Koffer in der Hand. Die sympathische „Lilo Wanders“ und Vorreiterin der queeren Community auf der Bühne und im TV, feierte im vergangenen September ihren 70. Geburtstag und will noch einmal mit einem Bühnenprogramm und Lesungen aus der kürzlich erschienen Biografie durchstarten.
Für einen kurzen Moment plaudern wir zu Dritt über die Neukreationen für die anstehenden Events. Das Funkeln in den Augen ihres Erschaffers ist dabei nicht zu übersehen. Werden Hüte und Fascinators in der Regel entsprechend zum Kostüm hinterher entworfen oder ausgewählt, ist der Kopfschmuck hier so dominant und aussagekräftig, daß es umgekehrt ist – da sind wir uns einig. Bei diesen pompösen Stücken (apropos hat Glööckler schon so eine?) werden Outfit und Makeup als Gesamtkunstwerk untergeordnet bzw. angepaßt.
Was würden die beiden Haardesigner gerne mal machen?
Je spektakulärer, umso besser. Je abstrakter, je größer die Herausforderung. In puncto Design und Machbarkeit gibt es für die beiden keine Grenzen – nichts ist unmöglich, egal ob es um die Form eines „Frankfurter Kranzes“ oder eines Ballett-Tutus geht.
Am liebsten würde er einmal die Elbphilharmonie zu Kopf kreieren, dafür müßte sich allerdings noch ein Sponsor oder Auftraggeber finden. Nach meinem spontanen Dafürhalten müßte doch Erbauer Kühne selbst daran Interesse haben und seinem Schmuckstück so ein weiteres hinzufügen. Sei es, daß er es in seinen eigenen „heiligen Hallen“ ausstellt oder es wie andere Perücken auch ins Museum wandert. Doch Gadzali winkt etwas enttäuscht ab. Er habe bereits versucht mit dem Management der Elbphilharmonie diesbezüglich Kontakt aufzunehmen. Das Ergebnis war lediglich ein Hinweis darauf, daß er es tunlichst unterlassen sollte, so etwas zu tun. Hmm, mit Verlaub, es handelt sich um ein öffentliches Gebäude und es darf bezweifelt werden, daß eine Untersagung im Sinne der freien künstlerischen Gestaltung mit Hinweis auf eine Lizensierung oder dergleichen juristisch Stand halten würde. Kommt Zeit, kommt Rat. Gadzali blutet bei solch einer fragwürdigen Abfuhr zwar das Künstlerherz, aber Konfrontation sucht er deshalb freilich nicht.
„Ich frisiere nicht, ich baue meine Perücken“
Sein Ideenpool scheint indes ungebrochen und sein neuester Hit sind Haarwerke, die sich zusätzlich drehen, leuchten und blinkern. Das ist freilich Geschmacksache. Fakt ist: Nicht nur das Makeup, sondern insbesondere der Haarstyle verändern den Typus der Trägerin maßgeblich – vom Motiv bzw. dem Statement mal ganz abgesehen. Glatt und zurückgekämmt lassen sie das Gesicht schmal und eher streng wirken; lockig und voluminös erscheint das Gesicht breiter und weicher. Nicht unerheblichen Einfluß hat auch die Farbwahl … man könnte endlos darüber philosophieren.
Warum hat dieser Mann eigentlich noch keinen Wikipedia-Eintrag?
