Es sollte eine denkwürdige Veranstaltung werden. Begleitet von Tumulten selbsternannter Vertreter der Queerbewegung vor dem Hamburger Schauspielhaus und im Veranstaltungssaal, legte mit Alice Schwarzer eine Ikone der Frauenrechtsbewegung per Lesung, Kommentar und offener Fragerunde dezidiert ihre Haltung zu verschiedenen Themen dar. Anlaß war die Präsentation ihres jüngsten Buches mit dem Titel „99 Worte – Feminismus pur“, in dem sie in alphabetischer Reihenfolge Themenschlagwörter auflistet und diese jeweils in exakt 1.800 Zeichen abhandelt. Darunter auch Ausführungen zur Transsexualität und einer neuen Transideologie, die sie kritisch sieht, da sie um die „geschützten Räume“ von Frauen (wie beispielsweise Frauenhäusern) fürchtet. Begleitet wurde sie im zweiten Teil von Schauspielerin Nina Gummich, die sie als junge Alice in ihrem Kampf um Frauenrechte und Gleichberechtigung – im Fernsehzweiteiler von 2022 verkörpert hatte.

Untergang von Streitkultur, die zwei Seiten einer Veranstaltung
Während die Demonstranten in Schreichören ihre Botschaften schmetterten, so daß man sie kaum verstehen konnte, blieb die Zielperson Schwarzer völlig ruhig und bot wiederholt zu jedem Thema ein sachliches Gespräch an. Daran schien den Antidemokraten jedoch gar nichts zu liegen. Sie brüllten einzig hitzige Parolen in den Raum, die sie teils auch noch vom Blatt ablasen; vermummte Berufskrakehler, die sich öffentlichkeitswirksam in Szene setzen wollten? Ausgerechnet diejenigen, die selbst radikal durch Hausfriedensbruch auftreten, werfen Schwarzer u.a. „Radikalfeminismus“ und „Sexwork-Feindlichkeit“ vor.
Die Veranstaltung zu sprengen gelang ihnen dank des besonnenen Verhaltens von Protagonistin Schwarzer und deutlichen Mißfallensbekundungen des Publikums sowie Mitarbeitern des Hauses trotz dreier Unterbrechungen bei weitem nicht. Schließlich steht es jedem frei, die Veranstaltung zu verlassen, wenn das Gesagte und Gedruckte nicht gefällt. Bleibt allerdings die Frage, wie die Grüppchen, abgesehen von einigen Karteninhabern, überhaupt in den bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltungssaal mit Transparenten gelangen konnten, gab es für das reguläre Publikum ab der Garderobe neben dem Bücherstand doch weder mit Mänteln, noch größeren Taschen Zutritt.
Seit Jahren polarisiert die inzwischen 83-jährige Alice Schwarzer, weil sie nicht wegsieht und gerne mal den Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Sei es in Talkrunden zum Thema Feminismus oder in Form sozio-politischer Statements und Debatten zum Thema Krieg & Frieden. Eines aber hat sie nie getan: ihr Fähnchen in den Wind gehängt (auch wenn es zu ihrem persönlichen Nachteil war) oder sich den Mund verbieten lassen. Likes hin, like her. Dafür schätze ich sie und wollte ihre Argumente einmal persönlich hören. Häufig kommt es nämlich nicht nur darauf an was jemand sagt, sondern wie er/sie es sagt.
Mir fehlt es an Verständnis für Buh-Rufe und Boykottaufforderungen von Interessengruppen, die für sich den Begriff „Demokratie“ in Anspruch nehmen, aber keine andere Meinung als die Ihre dulden. Das ist keine liberale Meinungsvielfalt und Unterstützung von ausgegrenzten Minderheiten, das ist Selbstdarstellung und Untergang einer geordneten, konstruktiven Streitkultur! Solche Gestalten schaden den tatsächlichen Betroffenen mehr, als sie nutzen!


Alice Schwarzer live
Was werden täglich nicht alles für (unreflektierte) Ansichten zu jeglichem Thema verbreitet. Daher kam mir die Veranstaltung anläßlich der Veröffentlichung ihres neuesten Buches mit dem Titel „99 Worte – Feminismus pur“ im Rahmen des Weltfrauentages am 08.03.2026 in Hamburg gerade recht.
Der Zufall wollte es, daß ich mit Alice Schwarzer und Nina Gummich schon vor der Veranstaltung zusammentraf, nämlich vor dem benachbarten Hotel der Spielstätte. Begleitet von zwei Bodygards und 2-3 Mitarbeiterinnen des Emma- und Randomhouse-Verlages hatte sie für höflich fragende Autogrammwünsche selbst auf offener Straße (hier alles Männer, im Saal 90% Frauen jeden Alters) ein offenes Ohr und nahm sich sogar Zeit für kurze Gespräche. Nach wenigen zugewandten Worten wechselt sie oft schnell zum Du.
Ohne Frage ist die 1942 in Wuppertal geborene Schwarzer, die Gründerin (1985) und Chefredakteurin der legendären Frauen-Zeitschrift „Emma“, eine unermüdliche Wegbereiterin von Frauenrechten und Emanzipation aus der Unmündigkeit der patriachalischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts. 2005 erhielt sie dafür von Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.
In den 60-/ 70-iger Jahren lebte sie mit Bruno, einem Völkerkundler in Paris zusammen und traf dort in einschlägigen Kreisen und Etablissements wie dem Cafe Flore und dem Deux Margots mit Satre und Beauvoir zusammen. Das sollte prägen. Seit 2018 ist sie mit der 20 Jahre jüngeren Fotografin Bettina Flitner verheiratet. Doch darüber macht Schwarzer kein Aufsehen. Auch heute noch pendelt sie zwischen Köln und Paris.
Mit ungebrochener Leidenschaft steht sie für die Emanzipation von Frauen und damit auch Männern ein. Sie weiß darum, daß keine Errungenschaft selbstverständlich und ein Selbstläufer ist; es unter bestimmten Bedingungen sogar schnell zu Rückschrittstendenzen kommen kann.

Ihre Welt in 99 Worten – Schwarzer zieht Bilanz
In Form eines Nachschlagewerkes Bilanz zu ziehen, ist in der Tat ein neuer Ansatz. Dafür hat die Autorin zu jedem Stichwort eine Seite Buchseite geschrieben und die linke Gegenüberliegende frei für Anmerkungen und Notizen des Lesers gelassen. Jedes Kapitel ist exakt 1800 Zeichen lang, um so auch die junge Generation ins Boot zu holen, die längere Artikel kaum mehr durchhält oder glaubt keine dafür Zeit zu haben.
Anhand von 99 Begriffen von A (wie Arbeit und Alter), I wie Influencer , K wie Krieg & Frieden oder M wie Meetoo, R wie Rassismus und S wie Sexualität etc., greift sie darin Themen auf, die Ihr Denken und Handeln ein Leben lang geprägt haben. Vieles, das heute als selbstverständlich gilt, mußte Schritt für Schritt erkämpft werden. Als bestes Beispiel nennt sie im Verlauf des Abends u.a. die Ehe. „Da war es aufgrund des bis 1958 gültigen Gehorsamparagrahs schnell mit der Freiheit vorbei“. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler formulierte es 2007 so: „Man braucht sich diese Persönlichkeit nur wegzudenken, um zu erkennen, in welchem Maße diese Publizistin und De-facto-Politikerin, oft im Alleingang, die Sache der Frauen oft überzeugend verfochten hat“ … ohne sie hätte auch den Entscheidungsgremien der Parteipolitik ein wesentlicher Impuls gefehlt.“
Nachdem im Saal Ruhe eingekehrt ist, geht Schwarzer in medias res. G wie Gendern – „okay, meine Schuld, ich habe diese Diskussion losgetreten„, sagt sie spontan. Die Einführung von „Jederfrau“ analog zu „Jedermann“ war ihr damals wichtig, aber das unsinnige Sternchen und Mittel-I, das zu einer kaum beherrschbaren Aussprache führte, war nie ihre Absicht.
K wie Krieg, schon bei Nennung des Wortes schwillt ihr der Kamm. Wie kann es angehen, daß an den verschiedenen Schauplätzen immerfort tausende Menschen sterben, während die Unterstützer monatelang über den Modus des Vorgehens beraten und – im Falle des Ukraine-Krieges – immer wieder die falsche Hoffnung nähren, ein Land wie Rußland doch „irgendwie“ besiegen zu können; ihm zumindest vorschreiben zu können, was es zu tun und zu lassen hätte?
Nach einer Stunde ist Schauspielerin Nina Gummich mit von der Partie. Gekonnt übernimmt sie die Moderation, erzählt von sich und ihrer Familie, spricht über das gemeinsame Kennenlernen (Sympathie auf den ersten Blick) und startet das Gespräch mit Hintergrundinfos zu dem gemeinsamen Dreh mit ihr in der Hauptrolle. Man kennt sich, man versteht sich fast blind und mehr als einmal antwortet Gummich für Schwarzer, weil sie weiß, was sie sagen würde.
Wer mehr über Alice Schwarzer und ihren Werdegang wissen will, wird auf ihrer persönlichen Website bzw. der der „Emma“ fündig. Seit 1971 schreibt die gelernte Journalistin Bücher, vom „Kleinen Unterschied“ bis hin zu Biografien wie der von Romy Schneider oder Gräfin Dönhoff.
Neben und hinter mir sitzen offensichtlich Kolleginnen, die eifrig mittippen und schon im Verlauf des Abends aktuelle Posts raussenden.


Was bewegt die Menschen, die Schwarzer lesen oder ihren Worten lauschen? Was nehmen sie daraus mit?
So will die 15-Jährige Eva in der offenen Fragerunde wissen, auf was sie künftig im Leben achten soll und wie sie ggf. die feministische Bewegung unterstützen könne. Diese Frage überrascht selbst eine Alice Schwarzer. Sie solle immer sie selbst bleiben und einfach mal überlegen, wer sie in 30 Jahren sein bzw. wie sie leben will. Da dabei natürlich viele Faktoren eine Rolle spielen, solle sie ihr einfach mal eine Mail schreiben; persönliche, individuelle Antwort garantiert.
Eine Emma-Abonnentin sorgt sich schon heute, wie es mit der „Emma“ langfristig weitergeht? Darüber habe Schwarzer sich noch keine genaueren Gedanken gemacht, was ich ihr nicht ganz abnehme, schließlich entstehe die Zeitschrift in Kooperation mit einem eingespielten Team. Spontan kommt mir in den Sinn, daß vielleicht Nina Gummich eine geeignete „Co-Leitwölfin“ wäre.
Auf Nachfrage eines Herrn mittleren Alters erklärt sie ihre Denke, warum Prostitution einer Frau im Grunde nie ganz freiwillig ist und sie daher das skandinavische Model (Sexverkaufsverbot, da sie jegliche Prostitution als geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen ansieht) befürworte. Ihrer Auffassung nach und aufgrund von Gesprächen mit Prostituierten, unterliegt selbst besagte Freiwilligkeit einem gewissen Druck. Nämlich dem, möglichst schnell viel Geld zu verdienen; Augen zu und durch. Von Zwangsprostitution ganz zu schweigen. Der Fragesteller hört aufmerksam zu, scheint am Ende aber nicht von der Argumentationskette überzeugt. Mag sein, daß ein Mann dies unwillkürlich aus einer anderen Warte sieht. Als Frau gebe ich ihr recht, denn selbst als Escortdame im Luxussegment (ca. 0,5%) bei einem Verdienst von 2.000.- bis 3.000 Euro die Nacht, dürfte es wenig Spaß machen, auf Kundenwunsch auf jemanden herab zu urinieren.
Fazit: Männer machen Karriere, Frauen weiterhin Diät
Ohne Frage ist man in Sachen Gleichberechtigung in den letzten 50 Jahren einen großen Schritt weitergekommen, aber kein Grund sich auszuruhen. Stillstand bedeutet in unserer schnellebigen Zeit oft Rückschritt. Angesichts täglicher Beobachtungen frage (auch) ich mich, ob es nicht gerade die Frauen selbst sind, die mühsam „gewonnene“ Freiheiten und Unabhängigkeiten (neuerdings) leichtfertig über Bord werfen und gar nicht mehr ausleben wollen.
Woran liegt das? Ist das eine Art Bequemlichkeit, eine heimliche Angst vor Verantwortung oder wirklich nur die neue Wokeness? Hinter vorgehaltener Hand ist schnell gelästert und läßt sich leicht kritisieren. Man scheut jedoch das öffentliche Auftreten, weil dies angreifbar macht. Meinung und Kontra (auch unter die Gürtellinie) muß man aushalten können, was Männer ohne Frage meist besser – zumindest weniger emotional – können.
Ich habe Jahre lang in Sitzungen von nationalen und internationalen Sportbünden versucht Frauen zu ermuntern, statt dem klassischen arbeitsintensiven Schriftführerposten (man schreibt nur auf, was andere sagen), wie ich z.B. auch Präsidialämter zu übernehmen. Ja, wenige Minuten lang waren sie wild entschlossen, doch letztlich haben oder wollten(?) sie weiter „Kuchen für den Verein backen“ und andere nett bedienen.
Weiterhin fällt auf, daß gerade junge Frauen sich immer häufiger einzig hinter den Kinderwagen zurückziehen und ihn wie eine überlebensgroße Leistung fast provokant vor sich her schieben, liegen darin doch die künftigen Steuerzahler – hmm, oder auch Soldaten?
Oder sie sich aus (finanzieller) Berechnung lieber zu einem „Alpha-Männchen“ im Porsche-Cabrio setzen, als zu dem im Fiat? Da sprechen sie auch ganz offen darüber. Mein Vater formulierte es seinerzeit etwas geschickter: „Mach‘ Abitur, geh‘ an die Uni und wenn Du nach fünf Semestern keinen „Doktor“ gefunden hast, mußt Du eben selbst einen machen, also promovieren“.
Neben gesetzlichen Voraussetzungen scheint vieles letztlich doch eine Frage des Typus oder des Selbstbewußtseins. Schon immer gab es die unabhängigen, zielstrebigen Frauen, die analog der Männerwelt bereit waren, ein physisches und gesellschaftliches Risiko einzugehen wie Weltenentdeckerin Clairenore Stinnes oder Kunstfliegerin Elly Beinhorn.
Wie also steht es um die Zukunft des Feminismus?
„Mama, wenn ich in den Krieg muß, dann werd‘ ich halt ’ne Frau“, so der 11-jährige Sohn von Gummichs Nachbarfamilie, wenn die Wehrpflicht wieder eingeführt würde oder gar ein Krieg vor der Tür stünde.
Hält man es wirklich für eine zielführende Errungenschaft, als Mann kurzerhand vor die Behörden zu treten und sagen zu können: Ab heute bin ich eine Frau, bitte verschaffen sie mir (aus psychischen Gründen) per Paß eine neue Identität. Das steht mir zu, das ist von allen zu akzeptieren? Wo umgekehrt eine Frau bis heute bei Abtreibungswunsch vor Genehmigung (!) immer noch von Pontius zu Pilatus laufen muß, um legal abtreiben zu können?
Noch bis vor kurzem war es statistisch übrigens umgekehrt. Eine Vielzahl von jungen Mädchen wollte lieber als Mann wahrgenommen werden. Intuitiv wegen mehr oder weniger besseren Akzeptanz- und Aufstiegschancen?
Wie auch immer, bei Gelegenheit werde ich mich mal in das Buch vertiefen und mich von der ein oder anderen Aussage zum Weiterdenken inspirieren lassen. An dieser Stelle oute ich mich gerne, bisher noch nie ein Werk von Alice Schwarzer gelesen zu haben. Ich war mir immer genug selbständige Frau mit Durchsetzungsvermögen – geht nicht, gibts nicht. Jetzt ist sie auf meiner Bestager-Bucket-List.
Zum Abschluß nach gut zwei Stunden kommt Schwarzer doch noch einmal auf die Proteste zu ihrer Person zurück, freilich nicht ganz ohne ein Schmunzeln: „Wissen Sie, ich weiß wie man eine Veranstaltung halbwegs konstruktiv crashed und Druck aushält. Seinerzeit war ich es, die an verschiedensten Stellen mal lauter, mal leise demonstrierte. Nur ist der Unterschied der, daß man mir zuhörte und danach der Saal meiner Meinung war – heute war dies hier nicht der Fall! …. Tosender Applaus brandet auf.
