Bevor der letzte Schnee taut, noch schnell eine Schneeskulptur schaffen. Zwar weht ein scharfer Wind, aber noch dringen ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Mit einigen handlichen Gerätschaften zur Bearbeitung wie Hammer, Messer, Löffel und einer Drahtschlingen zum Glätten von Rundungen ziehe ich los. Gute Handschuhen nicht zu vergessen.
Schneeskulpturen lassen sich am besten aus nassem, klebrigem Schnee formen, in dem man einen großen Schneehaufen mit Fundament anlegt, ihn festtrampelt, daraus ggf. passende Blöcke formt und von oben nach unten schnitzt. Die gröbere Form kann man mit einem Spaten, Hand- oder Elektrosägen bearbeiten, zum modellieren feiner Details eignen sich vorwiegend Spachtel oder kleine Schabeisen. Eventuell auch eine Sprühflasche mit Wasser zum Glätten.
Eigentlich sollte es ein dreidimensionales, verikales Werk werden, aber dafür war die Schneemenge vor Ort leider schon zu gering und die Schneequalität zu trocken. Das heißt man kann den Schnee ohne Zugabe von Wasser – um ihn zu binden bzw. etwas zu vereisen – nicht zu einem größeren stabilen Block formen, den man dann wie ein Bildhauer mit Hammer und Meißel bearbeiten kann.
Vor einigen Jahre habe ich mal an einem Eiscarving Workshop in Schweden teilgenommen. Die vorbereiteten Eisblocks wiegen 50 bis 80 Kilogramm und werden teils mit dem Bagger antransportiert. Das pure, transparente Eis im Format eines Quaders ist noch schwerer zu bearbeiten, denn es ist spröde und springt nach einem Schlag teils unberechenbar weg. Was ab ist, ist ab. Zudem benötigt man zur Bearbeitung größere messerscharfe Schab- und Stemmeisen, Ausdauer und vor allem ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen. Schon eine relativ einfach Herzform wird da schnell zur Herausforderung, ganz abgesehen von Figuren.




Als sich Mitte Januar die riesigen Eisblöcke an und auf der Elbe bei Geesthacht aufgetürmt haben, wäre der richtige Moment gewesen dem Eisschnitzen zu frönen.
Theorie und Praxis
Was tun? Spontan bleibt nur eine 2D-Variante in leichter Hanglage am Boden. Der passende Grund ist auf Höhe der Palmaille 35 linkerhand des Abgangs zum Altonaer Cruise Center unter einer Eiche schnell gefunden.
Als Thema wähle ich kurzerhand „I love Hamburg“. Los geht’s. Den Boden etwas ebnen, in Ermangelung einer Schablone das Motiv freihand in den Schnee skizzieren und dann das Umfeld vorsichtig ausheben. Dabei heißt es den pulverigen Schnee an den Kanten immer schön festzudrücken, damit nichts abrutscht. Schnell nimmt das Motiv Gestalt an.


Als ich schon fast fertig bin, droht ein heranwetzender Hund mein knapp vier Quadratmeter großes Schneebild fast zu ramponieren. Ich kann ihn gerade noch mit dem Rücken abwehren und mit lauten Worten vertreiben. „Frauchen“ hat dafür wenig Verständnis, was muß ich denn auch ausgerechnet in ihrer täglichen Hundefreilaufzone werkeln. Hmm, ich dachte immer es handelt sich bei einer öffentliche Parkwiese vor allem um eine Menschenzone.
Nun denn, weiter geht’s. Langsam macht sich auch der Rücken bemerkbar und die Knie werden naß und kalt. Immerhin bleiben Besserwissi-Tipps von vorübergehenden Passanten aus. Noch schnell ein kleiner Rand um das „Mini-Monument“ am Fuße einer Eiche und nach etwa einer Stunde „habe ich fertig“.





Nichts für die Ewigkeit
Schnee- und Eisskulpturen sind wie Sandfiguren freilich vergänglich und bald dem Verfall preisgegeben. Der Fachbegriff dafür lautet ephemere Kunst. Letzlich sind auch Gesangsvorträge oder Theaterstücke vergänglich. Noch ein kurzer prüfender Blick, ein paar Fotos und ich nehme Abschied. Mit zunehmender Erwärmung und einsetzendem Regen wird das kleine Hamburg-Denkmal nun tränenreich dahinschmelzen. Vergänglich ist nicht allein die Kunst, sondern auch die Zeit.
