Kulturliterat Ekkehart Opitz hat die „Grüne Fee geküßt“ und rückt spätestens mit seinem neuesten Werk „Im Korridor“ in die Reihe der absolut lesenswerten Buchautoren auf. Auf ganz andere Art, als in seinen mit spitzer Feder geschriebenen Kommentaren zu brennenden sozio-ökonomischen Themen unserer Zeit im Hamburger Magazin „Kunst und Kante“, zeigt er hier einmal mehr sein wortgewaltiges Talent.
Opitz, den in Hamburg St. Pauli aufgrund seines sozialen Engagements und seiner Redegewandtheit viele nur als den „Reverend“ kennen, hat sein drittes Buch herausgebracht. Dieses Mal ist es – nach „Diletata“ und „Theaterperipherien„, ein Kriminalroman mit dem Titel „Im Korridor„. Die Story spielt in den 20-iger Jahren zwischen Berlin und eben jenem Danziger Korridor, der das Deutsche Reich nach dem Ersten Weltkrieg zerschnitt. Doch es gilt dem Deutschen Volk mehr Raum zu geben, koste es was es wolle. Und so wird der Roman ganz nebenbei eine Lehrstunde der Geschichte in Folge der Verhandlungen des Versailler Vertrages 1918.
Kreativblase St. Pauli
Als Kiezführer bietet Opitz u.a. selbst Touren in St. Pauli an. „Der Gang über den Kiez im Dunstkreis der Reeperbahn ist immer ein Krimi, man weiß nie was passiert“. Kein Wunder also, daß sein sprachlich opulentes Werk um verschiedene Schriftstellerguppen ein Krimi ist, die im vibrierenden Berlin, die verzwickte Weltpolitik diskutieren, nach Lösungsansätzen suchen und dabei letztlich selbst unter die Räder kommen. Daraus resultieren Verführungen und Poetenmord und mithin die Verführung des Leserpublikums.
Und so viel sei schon verraten: das Gerüst eines vierten Buches liegt beim Autor bereits in der Schublade – ein Science Fiction.
Ekkehart Opitz ist nicht nur ein Kiez-Liebhaber und Betreiber des Erotic Art bzw. NFT-Museums, sondern auch Autor, Publizist, Kolumnist und Schauspieler. Ganz nebenbei ist er auch noch Stintfang Winzer, Reeperbahn-Blogger, Organisator von Happenings, Unterstützer von Bürgervereinen und Roundtables und und und – ein wahrer Freigeist abseits des Mainstreams. Ein Tausendsassa, der es bunt im Leben mag, aber doch am liebsten Schwarz trägt.
Alle seine Aktivitäten kommen nicht von ungefähr. Der Autor ist studierter Kulturwissenschaftler (* 1967 in Hamburg) und wuchs im kulturellen, akademischen Umfeld Tübingens auf. 1996 kehrte er nach Hamburg zurück und wirkt seitdem im Stadtteil St. Pauli. Unterstützt vom Goethe-Institut tourte er von 1994 bis 1998 mit drei polnischen Musikern und der Performance „KettenSeele“ – zusammen mit Hartmut Fischer– über Polens junge Bühnen und zu internationalen Festivals. Dabei entstanden viele Freundschaften und die Idee zu diesem Buch. 1997 gründete Opitz eine Internetagentur, seit 2018 betreibt er das Erotic Art Museum, 2020 rief er zusammen mit dem Ex-Luden Klaus Barkowsky sowie den Künstlern Claudia Tejeda und Lars Möller die Künstlergruppe EWIG ins Leben. 2022 zierte er das Cover des Buches „Faces of St. Pauli“ und es wäre nicht Ekke Opitz, wenn es sich dabei um ein übliches Portraitfoto handeln würde. Der Macher posierte dafür verfremdet mit einem Damenstrumpf über dem Kopf, nur von Insidern sofort zu erkennen.
Warum das Genre Kriminalroman?
Opitz mag es diskret und auch etwas geheimnisvoll, er kann schweigen und läßt sich nicht gerne in die Karten schauen. Ihm ein Geheimnis oder Privates zu entlocken ist schwer. Dann setzt er, statt eine Erklärung zu liefern, schon mal ein hintergründiges Grinsen auf und läßt sein Gegenüber spekulieren.
So ähnlich verhält es sich auch in seinem Roman. Der erste Teil des „Korridors“ stellt dem Leser gut ein Dutzend Protagonisten in ihrem Umfeld vor, während erst ziemlich zum Schluß der Text das eigentliche Geschehen enthüllt und zum Krimi wird, der gleichzeitig geschichtlich schmerzhafte Aspekte preisgibt.
Erstes Opfer im Handlungsverlauf ist ein gewisser Gustav Liebermann, der in den Poetenkreisen als Schönling gilt und den man eines Tages von einer Spitzhacke erschlagen auf der Straße findet. „Gehörnte Ehemänner können unberechenbar sein“ … „Seine Gedanken waren ja auch Scheiße“ so die gnadenlosen Kommentare seiner literarischen „Stammtischbrüder“. Offensichtlich rechtfertigen allein seine (un)ausgesprochenen Gedanken zu der ein oder anderen Situation in den Augen eines gewissen Wojtek eine solche Tat? (Seite 69).
Damals wie heute nehmen „die Guten“ DAS zur Schaffung einer vermeintlich besseren Welt in Kauf. Nur, wer sind die Guten und sind Ihre Ideale wirklich in jeder Gesellschaftsstruktur (dauerhaft) als gut zu definieren?
„Vielleicht war es einer von uns und kein Straßenräuber“. Der Gedanke wiegt schwer, hängt schwer über dem Literatenkreis wie eine gußeiserne Glocke und einige beschleicht die Erkenntnis: „wir sind eben nur ein Stammtisch und keine eingeschworene Gemeinschaft“. Eine Welt voller Mißtrauen und Mißgunst? Später wird sein Dichterkollege Eike von Plauen in einer Kirche zugeben, „den Liebermann aus dem Weg geschafft zu haben, weil er ihre Ideale verhöhnte“.
Indes ziehen die Erlebnishungrigen und Freunde einer verruchten Kultur – St. Pauli läßt grüßen – durch die Clubs der Hauptstadt. Gerne auch anonym verborgen hinter einer obligatorischen schwarzen Maske, als Ausdruck einer Art Privatheit oder Spielerei mit dem Unbekannten (Seite 77).
„… Wojtek entließ die Opiate in seinen Verstand. Kunst, Erotik, Rausch, kurz den Sinn des Lebens erkannt, mit nur einem Schluck“. (Seite 80)
(Wort)-künstler als Randgruppen der Gesellschaft
Die Welt seines Romans in Form einer bildgewaltigen Sprache wird umso deutlicher, wenn man sich die Schlagworte jener Zeit vor Augen führt:
Tanz auf dem Vulkan im Berlin der 20-iger Jahre, Resignation, Kriegsrechtfertigung „Bald fressen wir uns ohnehin alle gegenseitig auf“ (Seite 67). „Einen preussischen Soldaten erkennt man sofort, Ordnung ist sein Fleisch“.
Schriftsteller als (gefährliche) Randgruppe der Gesellschaft. Intelligent, aber auch antriebsschwach und nutzlos. Chaos durch Wandel, im Ergebnis groteske Malerei, aufreizende Rhythmen, alle treiben es miteinander. Absinth- und Puderrausch als geradezu göttliche Kraft und ein unabdingbares Muß, um sich jenseits der üblichen Vorstellungskraft zu bewegen und so Großes zu leisten (Seite 62, 2. Absatz).
Das seinerzeitige Modegetränk Absinth – auch Grüne Fee genannt – wird zur Droge für Künstler bzw. zur Bewußtseinserweiterung und mithin zum Fluchtvehikel für Unverstandene in einer ungewissen labilen Welt. Die Furcht, das Leben und Existenz wie bei einer Wippe schnell in die eine oder andere Richtung ausschlagen können, läßt nach Gleichgesinnten suchen, um eine gewisse Sicherheit durch Gruppenzugehörigkeit zu erlangen. Wenn die Zeiten schlechter werden und insbesondere in der Last der Nachkriegszeit, haben „Rattenfänger“ und Mitläufer Konjunktur. Von politischen Gruppierungen und Geheimbünden bis hin zu religiösen Zirkeln bieten sie Heilsversprechen und vermeintlichen Schutz an. „Allein ist man verdächtig, zu zweit schützt einen die Bestätigung des anderen und zu Hunderten hat man das Recht der Völker“. Alle Seiten, Rote wie Rechte (selbst Mitte-Parteien) sind von ihrem Streben nach einer besseren Welt und Gesellschaftsordnung überzeugt – und sie sind bereit bzw. sehen darin die Legitimität über Leichen zu gehen.
Auszug Leseprobe 1
(Seite 93/ 94) „Der Gang des Lebens, mein Freund. Gehen Sie jetzt langsam vorwärts. … Eine Treppe also … Als er die vierte Stufe erklommen hatte, neigte sich diese plötzlich nach vorn, er verlor das Gleichgewicht. Sofort verlagerte er sein Gewicht wieder nach hinten. Was war das? … Erneut begann die Treppe zu schwanken. Ganz langsam setzte er den nächsten Schritt. Je mehr er sich vorwagte, desto mehr begann sich ebenfalls alles nach vorn zu neigen. … Das hintergründige Brummen war in Worte übergegangen, die er nicht verstand. Dann fiel ihm wieder Sebottendorfs Satz ein: »So wie wir hinaufgehen, so gehen wir auch hinunter.« Was hatte er damit gemeint? Dann nahm der Mann allen Mut zusammen, löste die Balance auf und trat mit dem angewinkelten Fuß auf die fünfte Stufe. In diesem Moment kippte die gesamte Treppe nach vorn, er hielt seinen Körper aufrecht, umklammerte die ihm gereichten Hände eines gewissen Sebottendorf. Schon fiel die Treppenkonstruktion auf der anderen Seite krachend auf den Boden. Der Schlag hallte als dumpfes Echo durch das Gewölbe. Eine Schaukel. Natürlich. … Unmerklich hatten sich seine Hände in die seiner Helfer verklammert … während ihm jemand die Kapuze vom Gesicht nahm, schaute er sich um. Vor ihm standen mit feurig flackernden Fackeln in den Händen Mitglieder der Thule. … Hinter ihnen ragte im Fackelschein eine neunstufige Treppe wie ein Denkmal empor. Ein Aufgang in den Olymp. … In diesem Moment passierte es. Frei! Er war frei. Es fühlte sich unglaublich an. Frei. … Irgendetwas hatte sich ein für alle Mal von ihm entkoppelt. Der jahrelange Druck in seinem Kopf war fort. Entspannt atmete er aus, sah in die lächelnden Gesichter der Männer, denen er ein Mitstreiter sein wollte. Langsam ging er bewundernd an der steinernen Treppe vorbei, über die er gekommen war. Sie war wie eine Wippe gelagert, sobald der Zenit überschritten war, neigte sie sich in die andere Richtung. … Wie fühlen Sie sich?“ …“Wie neu geboren. So, als hätte ich zuvor gar nicht gelebt“, sagte der Mann.
„Im Korridor“ ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Buch mit sehr unterschiedlichen offensichtlichen Anspielungen, aber auch versteckten Entdeckungen auf den zweiten Blick. Ein erster Blickfang ist ohne Frage stets die Gestaltung des Einbandes. Dem/r Leser/in der Rezension sei an dieser Stelle gesagt, daß sich der Autor auf dem Frontcover selbst in „seinen Korridor“ eingeschmuggelt hat. Fast so, wie sich seinerzeit viele große Maler der Renaissance und des Barocks auf ihren monumentalen Bildwerken an einer Stelle verewigten.
Ob ihm die grüne Absinth-Fee wohl auch schon persönlich begegnet ist?
Im Kontext der Zeit
Das als Kriminalroman angelegte Werk beschreibt und überzeugt auf den ersten 180 Seiten hauptsächlich durch die situative Darstellung der sozio-politischen Wirren der Zwanziger Jahre. Und das so wortgewaltig und kontrastreich, wie man in die rivalisierenden Gesellschaftsgruppen nicht tiefer eintauchen könnte. Da wechseln höchst philosophische Gedanken einiger Literaturkreise und revolutionäres Gedankengut unvermittelt mit den Niederungen des täglichen Lebens in heruntergekommenen Behausungen und Kneipen. Man kann den Alkoholgeruch und Zigarettenqualm in den Etablissements geradezu beim Lesen inhalieren.
Am Ende bleibt den Poeten die Erkenntnis: Es wird viel geredet, aber nur derjenige der Fakten schafft, wird wahrgenommen und geachtet oder eben auch verdammt und muß die Konsequenzen tragen.
Selbst angesichts der tagebuchähnlichen Inhaltsstruktur ist lange nicht abzusehen, wie sich die Story entspinnt; wer Täter, wer Opfer sein wird und vor allem, welche Rolle der polnische Korridor dabei spielt.
Zum Kreis der Dichter und Denker gehört u.a. auch Damian Reiber, der die Gedichte des polnischen „Untergrund-Poeten“ Bogumił übersetzt, dem die Deutschnationalisten auf den Fersen sind, weil Worte eben auch eine Waffe des Aufruhrs sein können. Rätselhafte Morde im Umfeld des Cafe Gormann, einem beliebten Treffpunkt der Literaten, führen den Übersetzer schließlich nach Polen, wo sich das Komplott nach und nach entschlüsselt und der Kreis sich schließt.
Auszug Leseprobe 2
„Gustav Liebermann, der noch immer stand, richtete sich an Damian. „Hast du nicht eines von Bogumił zur Hand?“ Und erklärte Franziska: „Sie müssen wissen, er ist die geheime Stimme Polens. Und unser Damian Reiber übersetzt ihn. Er kam gerade vor ein paar Tagen aus diesem „Korridor“ zurück. Dort hat er mit ihm zusammengesessen.“ „Polnische Dichtung in deutscher Sprache – das ist originell. Wer ist dieser Bogumił? … „Bogumił ist die Volksstimme da drüben. Er hat die Seele der Leute erreicht. Seine Gedichte richten sich gegen die große Zerrissenheit, die fehlende Identität. Er erinnert sie daran, was ihre Seele ausmacht … Wir wollten denen ja mit unseren Regeln ihre Sprache austreiben. Hat wohl nicht geklappt. „Franziska nickte Damian aufmunternd zu: „Seien Sie doch so freundlich und tragen Sie etwas vor. Irgendetwas von diesem Dichter. „Damian nahm widerstrebend ein abgewetztes Buch aus der Tasche und blätterte wahllos. „Prophezeiung. Was soll das – mein Danzig – werden? Ein Hauf von Bauernlümmeln zu deinen Schiffen will. Sie kommen gepackt mit Pferden und bringen mit den Müll. Doch zu Recht, sie kehren heim, wollen endlich ihre Seeluft kosten, dazu einen Wodka, in sich rein, der Stolz gepackt hat nun den Osten, die Menschen kehren heim.“ … „Ich mag dieses andere Denken. Ihr Freund ist ein ehrlicher Schalk. Danzig werden die Bauern holen. Wie originell.“…“Bringen Sie mir ein Glas Champagner.“ Die Russin, die hinter dem Tresen mit kleinen Münzen spielte, blickte auf. „Champagner gibt es nicht mehr, mein Fräulein. Das darf nur der Franzose so nennen. So wie er es schon mit dem Elsässer Riesling getan hat. Das geliebte Sprudelwasser heißt von nun an Secco … „und der Cognac heißt jetzt Weinbrand«, vollendete Ferdinand Roth. … „Ja, typisch, für den Krieg bezahlt der Deutsche gern, mit Steuern und seinen Söhnen.“ „Revolution!«, schrie Stelios, tanzte ein paar Schritte durch den Raum, bis das Ploppen des Korkens ihn wieder an den Tisch zog. Auch die verstummten Damen des Nachbartisches nahmen wieder Tuchfühlung auf … Die Gruppen vermischten sich. Die Wahrheit hatte die Literatur erneut mit ihrer Räudigkeit besiegt. Der dritte Flakon Absinth war mittlerweile auf dem Tisch und die Zeremonie mit dem Zuckerlicht war durch gieriges Mischen und Trinken ersetzt geworden … „
Opitz ist ein brillanter Erzähler und wählt den längeren Vorspann, sprich die Vorstellung seiner Protagonisten bewußt, um dem/r Leser/in an den geschichtlich-geografischen Hintergrund zu erinnern und die Normen und Werte dieser spannenden Zeit besser zu verstehen. Mal feinfühlig, mal frivol und hin und wieder unterbrochen von längeren gedichtartigen Einschüben, die gleichsam zum unverwechselbaren Markenzeichen des Autors und seinem Stil werden:
„Damian schwieg sie nur an, dann wandte er sich an Wojtek: „Hey Du, bleib‘ wach, heute hat unser Karl seinen großen Auftritt“. Froböss (Karl) hatte schon einige Papiere vor sich ausgebreitet … „Sollen wir noch auf Plauen warten?“ „Nee, fang an“, meinte Wojtek:
„Räudige Fäule“, begann Froböss
Der Intellekt soll’s sein,
der uns vom Tiere geistig trennt.
Doch wer glaubt,
so wird man rein,
der hat die ganze Welt verpennt.
Mit Achselmoder wollen Weib und Kerl
fleischergeben sich betören
im feinen Kreis,
da degoutiert man sich,
Menschgeruch
der kann nur stören.
Doch kaum hat’s Tageslicht
dem Nachtmahr seine Bühne abgegeben,
da balzen sie und häng’n in vieler Betten Streben.
Wie Paviane sie die Glieder lecken,
ihr Geschlecht dem anderen in die Fresse recken,
ihre Säfte aus den Poren pressen,
um geiergleich das Aas zu fressen.
Was hilft es da,
daß unsereins kann Brücken bauen,
duftet’s nach Mensch,
kann auf unsereins niemand vertrauen!“ (Seite 111)
Der zweite Tote Poet ist Wojtek, der in Berlin während eines Treffens im Cafe Gormann, dem allgemeinen Treffpunkt von Literaten und selbsternannten Dichtern, einer verabreichten Überdosis Laudanum (diente im 19. Jh. als Schmerz- und Schlafmittel) zum Opfer fällt.
Sein Leichnam wird von Damian und Franziska, die mehr oder weniger ein Paar sind, von Berlin nach Danzig per Zug überführt, denn „auf deutschem Boden läßt sich eine polnische Krähe nicht nieder“ (S. 185)
Verse sind auch Waffen
„… am Ende der Schlacht den Feind winseln zu hören, das ist Lyrik die schmeckt“; ein (Aus-)verkauf von Gesinnung (Seite 214).
Jacek, ein Helfer auf dem Hof von Wojteks Familie und Gesinnungsbruder von Damian, begeht schließlich den dritten Mord. Wen bringt er wohl um und vor allem warum?
Zudem begeht fast gleichzeitig ein deutsches Freicorps unter der Führung von Ferdinand Roth einen Überfall auf das Grenzdorf Schwarzau, weil dieser den polnischen Hoffnungsbringer Bogumił ebenfalls fassen will. Roth, der Freund der schönen Worte, wird als Mörder von Wojtek selbst zur Mordmaschine. War er es doch gewesen, der ihm im Cafe Gormann gezielt eine Überdosis Laudanum ins Glas geschüttet hatte.
Das Romanende bzw. die (Teil)-Auflösung des Geschehens kommt überschnell auf den letzten zehn Seiten. Gegen Ende des Textes paßt sich auch die Sprache der Situation an, wird kürzer, stringenter und kommt ungeschminkt daher.
Gesinnung vor Liebe? Am Ende ist es mit Franziska jedoch eine Frau, die sich als Racheengel und Doppelagentin a la Mata Hari entpuppt. Sie richtet im fahrenden Zug plötzlich die Pistole auf ihren Geliebten Damian, der diesen Moment allerdings schon geahnt hatte.
So stellt er Franziska vor die Wahl, über alles zu schweigen, wenn sie statt ihn Auftraggeber Roth erschießen würde, der sich ebenfalls im Zug befindet.
Dann könnten sie zusammen auf den Hof von Wojtek im Danziger Korridor zurückkehren und den Boden wieder zu bestellen. „Er braucht wieder Wasser, kein frisches Blut mehr.“
Wie geht die verzweifelte Liebschaft mit politisch motiviertem Verrat am Ende wohl aus? „Der Schuß war beim Rattern der Räder kaum zu hören … verhallte in der endlosen Landschaft des Korridors. … Schließlich setzten sich ein paar Krähen neben das Gleisbett und begannen in der Krume zu picken“.
Während der Mörder von Liebermann und Wojtek bei einer gezielten Messerattacke ums Leben kommt und deren Tode damit „gerächt“ sind, bleibt am Ende offen, ob Franziska Damian, sich selbst oder doch Roth erschießt.
Offen bleibt letztlich auch, ob Bogumił eine imaginäre Gestalt ist, also eigentlich Damian der Verfasser und nicht nur der Übersetzer der emotionalen polnischen Verse ist, die die Volksseele so nachhaltig berühren.
Ja, Opitz kann messerscharf formulieren, läßt den Leser diesbezüglich am Schluß also bewußt im Unklaren. Das ruft nach Teil 2!!!
Fazit
Die Welt ist voller guter Menschen, die böse Dinge tun und dank Opitz ist der Leser vom ersten Moment an mittendrin.
„Im Korridor“ ist mit seinen 282 Seiten ein gewichtiges Buch, das es nur in einer Hardcover Version gibt. Die Beschreibung von Situationen und Örtlichkeiten ist äußerst präzise, oft melancholisch aufgeladen, auch mal etwas überfrachtet. Dank einer angenehmen Schriftgröße, seiner tagebuchähnlichen Gliederung sowie kurzen Kapiteln, ist es flüssig und vor allem spannend zu lesen.
Die Geschichte um den Danziger Korridor steht im Grunde stellvertretend für viele umstrittene Grenzregionen wie dem Elsaß oder auch dem Sudentenland.
Im Buch verschmelzen gekonnt drei Ebenen zu einem Roman:
zum einen der historische Hintergrund im Gebiet um Danzig, zum zweiten die Macht der Sprache und drittens der eigentliche Handlungsstrang. Es wäre also höchst schade, dieses Werk von aktuell um sich greifenden KI-Zusammenfassungen verstümmeln zu lassen; man sollte es im Original lesen.
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