Der Countdown läuft, d.h. es sind nur noch wenige Stunden bis zur Eröffnung der Olympischen Spiele Milano-Cortina am 06. Februar 2026. Erstmals werden nicht nur die Veranstaltungsstätten der verschiedenen Disziplinen weit auseinander liegen, sondern auch die Eröffnungsfeiern an drei verschiedenen Standorten stattfinden; nämlich im San Siro Stadion in Milano, in Cortina an historischer Stelle, wo die Spiele bereits 1956 stattfanden und im Bergdörfchen Livigno. Das hat für die Aktiven (ca. 3500 Athleten aus über 90 Nationen) und Zuschauer Vor- und Nachteile. Insgesamt werden 116 Medaillensätze vergeben. Die Abschlußfeier findet am 22. Februar im Amphitheater von Verona statt. Hier ein kleiner Stimmungsbericht aus dem Vorfeld der Spiele, wo bereits jetzt Erstrundenturniere im Eishockey und Curling laufen.
Die Hauptzeremonie wird natürlich in Milano stattfinden, wo das Olympische Feuer mit viel Brimborium und Prominenz zirka gegen 21.00 Uhr – wie genau, ist noch geheim – entzündet wird. Allen voran Mariah Carey und Andrea Bocelli, die als Stargäste die internationale Show prägen sollen. Bocelli war bereits 2006 in Turin bei der Abschlußfeier aufgetreten.
Was läuft in Milano?
Als weitere Neuheit wird die Flamme parallel zum Stadion auch am „Arco della Pace“ in der Mailänder City unweit des Stadtschlosses brennen. So wird den Bürgern und Besuchern die Chance gegeben, etwas olympische Atmosphäre zu erleben, ohne die horrenden Eintrittspreise zu bezahlen. Zudem ist ein Verkehrschaos in der ohnehin schon überlasteten Innenstadt vorprogrammiert, egal wie nachdrücklich man die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel herbeireden will. Eine geradezu optische Katastrophe ist der eigentlich schöne Domplatz, der bereits seit Dezember 2025 komplett mit Souvenirzelten und Shops zugebaut ist.
Die Stadiontickets der Eröffnungsfeier liegen zwischen 800.- und 2.000.- Euro pro Person. An den Wettkampfstätten beginnen sie zum Sonderpreis von 150.- Euro für behinderte und bedürftige Personen, liegen im Schnitt aber um die 500.- Euro und bei Finalwettkämpfen weit darüber.
Warum das so ist? Weil es das Internationale Olympische Committee (IOC) und die sonstigen Verantwortlichen offensichtlich so wollen. Preisabschläge für unfertige Sport- und Außenanlagen gibt es für Besucher indes nicht. Da ist gerade in Milano so manche Baustelle an der Peripherie noch unvollendet und insbesondere die Eishalle Santa Giulia macht offensichtlich Probleme. Da ist von unfertigen Umkleidekabinen und schlechter Eisqualität etc. die Rede. Dies betrifft insbesondere die Disziplin Eishockey, ggf. auch den Eiskunstlauf und Shorttrack.



Wie sieht es in den anderen Austragungsorten aus?
Die weiteren Wettkampfdisziplinen finden in Cortina (Alpinskiwettbewerbe der Damen, Bob, Rodeln, Curling), Anterselva/ Antholz (Biathlon), Tesero (Langlauf), Predazzo (Skispringen und Nordische Kombination), Bormio (Alpine Skiwettbewerbe der Herren und Skibergsteigen) und Livigno (Slopestyle, Snowcross, Big Air/ Aerials, Halfpipe, Buckelpiste) statt.
Das problematische Verkehrskonzept von Bormio und Livigno
Ich hatte bereits für zwei Nächte eine unverschämt teure Unterkunft in Livigno gebucht, dann – aus zwei Gründen – aber wieder davon Abstand genommen. Normale Unterkünfte, die sonst um die 100.- Euro pro Nacht im Doppelzimmer liegen, sind zur Zeit der Spiele nicht unter 500.- bis 900.- die Nacht zu haben; größere Apartments kosten bis zu 30.000.- die Woche. Mit Verlaub: das ist Nepp und letztlich auch eine Auswirkung eines verknappten Hotelangebotes in Ermangelung eines Olympischen Dorfes, also Unterkünften für die Sportler und den Begleittross.

Im Winter bleibt zur Anfahrt via der Schweiz nach Livigno nur der Weg durch das drei Kilometer lange, alte Munt-Laschera-Tunnel. Der Tunnel ist einspurig und kann nur zu bestimmten Zeiten in einer Richtung befahren werden (Kosten pro Fahrzeug Oneway 20.- bis 25.- CHF). Die Straße nach Bormio über das Valtellina via Sondrio ist okay, aber zieht sich über eine Stunde bergauf hin. Ich habe die Strecken am 01.02. gerade abgefahren, was gut lief, aber ab 06.02. dürften sie ein extremes Nadelöhr mit langen Wartezeiten werden.
Außerdem kann im Zeitraum der Spiele die 37 Kilometer lange Strecke zwischen Bormio und Livigno nur von Akkreditierten und Personen mit Sondererlaubnis befahren werden; ansonsten bleibt nur ein Busshuttle. Das gilt auch für lokale Hotelgäste. Nein, danke!





Die gute Nachricht: Abgesehen von einigen riesigen Tribünenaufbauten ist in beiden Orten alles bereit und einige Sportler*innen sind auch schon angereist. Gott sei Dank hat es noch rechtzeitig ausreichend geschneit. Die Wettkampfstätten, wie die legendäre „Pista di Stelvio„ in Bormio (3 Kilometer lang und teils über 60% steil) sind abgesperrt und schon top präpariert. Gleiches gilt für die nebeneinander liegenden Slopestyle- und Skicrosstrecken, die Halfpipe und die Sprungrampe im schönen Chalet-Örtchen Livigno. Die fünf mächtigen Kicker im Mottolino Snow Park stechen geradezu magisch hervor und die benachbarte Big-Air-Rampe ist über 40 Meter hoch. Im Festivalbereich grüßen Iglu-Zelte, eine Bühne und vorallem eine imposante Schneeskulptur mit den Olympischen Ringen.
Ein Heer von Freiwilligen in blau-grüner Olympiakleidung bemüht sich um die Gäste und auch die Gastronomie war (noch) entspannt freundlich. Seltsamerweise gab es abgesehen von den beiden Maskottchen „Tina“ und „Milo“ mit den olympischen und paralympischen Logos auf dem Bauch, die ein weißes und ein braunes Hermelin verkörpern, keine Olympiasouvenirs vor Ort zu kaufen. Das kenne ich von anderen Olympiaorten wie Paris oder Salt Lake City ganz anders, wo schon gut ein Jahr zuvor die üblichen Shirts, Kappen, Tassen etc. verkauft wurden. Vielleicht ist mir ein entsprechender Shop im pittoresken Bormio auch einfach nur entgangen.






Wie steht es um die viel beschworene Nachhaltigkeit?
Denkt man die verwahrlosten Ruinen einiger Sportstätten von Olympia in Turin 2006, mag man sich fragen, warum diese nicht teilweise in das Konzept integriert und benutzt wurden und stattdessen in Cortina doch eine neue Bobbahn gebaut wurde. Von Milano nach Cesana sind es 223 Kilometer, von Milano nach Cortina d’Ampezzo 412 Kilometer. Wo bleibt da die Logik bzw. die Zeit-, Energie- und CO2-Ersparnis?
Das olympische Dorf als Treffpunkt des olympischen Geistes und der Zusammenkunft der Sportler hat weitgehend ausgedient. So gibt es m.W. nur in Milano und Cortina zwei relativ bescheidene olympische Dörfer. In Milano befindet es sich im südlichen Randbezirk „Porta Romana“ auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofes nahe der Eishalle Santa Giulia. Die kleinen Athletenzimmer sollen später als Studentenwohnheim genutz werden. In Cortina gibt es nur eine temporäre Anlage in Fiames (kurz vor Cortina) mit 377 Wohneinheiten (Mobile Homes) und insgesamt 1.400 Betten für Athleten der alpinen Damen Skiwettbewerbe sowie Bob, Rodeln und Curling.
In Cortina befindet sich auf dem Gelände des Golfplatzes übrigens auch das „Deutsche Haus„, wo Medaillen gefeiert und Pressekonferenzen gegeben werden und sich Sportler und Fans begegnen können.
Das Distanzproblem der Wettkampfstätten
Ja, es wird zum Großteil auf bestehende Anlagen und Unterkünfte gesetzt, allerdings auf Kosten großer Entfernungen, die sich über ganz Norditalien bzw. 22.000 Quadratkilometer von den Dolomiten bis zur Poebene erstrecken. Der Applaus für die Nachhaltigkeit hält sich also in Grenzen und interessierte Zuschauer können aus diversen Gründen kaum mehr als ein bis zwei Disziplinen besuchen. Auch für die Aktiven bleibt die Logistik ein Streßtest und der olympische Geist des Miteinanders auf der Strecke. Allein der Umstand, daß die alpinen Damen und Herren 300 Kilometer von einander entfernt antreten müssen, ist insbesondere für DSV-Cheftrainer Wolfgang Meier ein Unding.
Was genial klingt, hat trotzdem seine Tücken. Während in Milano bei der Eröffnung der Hauptakt stattfindet, werden die kleineren Zeremonien von Cortina, Livigno und Predazzo dazugeschaltet; das digitale Fernsehen macht es möglich. Dies betrifft rund 2.900 Athletinnen und Athleten. Sie alle könnten im virtuellen Vorbeimarsch daran teilnehmen, so IOC-Exekutivdirektor Christophe Dubi. Wie hätten sie auch sonst per stundenlanger Fahrt nach Milano gelangen können und zurück? „Einen Tod muß man eben sterben“, so Skilanglauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder.
Auch der Neubau der Bobbahn in Cortina wurde von der italienischen Regierung und den Organisatoren durchgedrückt, gegen den Willen des IOC. Andere Stätten wurden aufwendig modernisiert, wie das WM-erprobte Biathlon-Stadion in Antholz oder die Sprungschanzen von Predazzo.
