Egal, ob Brexit, Downing Street-Eskapaden oder Chaos im Königshaus, die Briten sind immer für Überraschungen gut.

„Emilia“ ist übrigens das Hausboot – genauer gesagt ein typisches Narrowboat“ – von Großbritannien-Expertin und Ex-Auslandskorrespondentin Annette Dittert. „Emily“, gebaut in Manchester und von ihr persönlich ausgestattet, liegt in Little Venice in Central-London nahe Grand Union und Regent‘s Kanal zwischen den Stadtteilen Camden und Mayfair. Ohne Frage eine gute Gegend, die sich nicht jeder leisten kann. Die gefragte Autorin wiegelt jedoch ab „… sie habe nur ein Fahrrad und besagtes Boot. Da brauche es nicht viel, inklusive der Liegegebühren monatlich nur so um die 1.000 Pfund … die kommen immer rein“. Ursprünglich sollte das nur knapp 18 Quadratmeter große Wohnglück auf dem Wasser nur vorübergehend sein, wurde – nach einem Bootswechsel – ab 2014 aber zur Dauerlösung. Ob Bestsellerautorin Dittert bei aller Liebe zum Minimalismus nicht doch noch ein Außenlager für persönliche Dinge auf dem „Festland“ hat? Ja, hat sie, aber das sei nur eine Art Geräteschuppen am Treidelpfad gegenüber ihres Liegeplatzes für Staubsauger und Co.

Gerade ist sie mit ihrem aktuellen BuchDear Britain“ (kürzlich erschienen im DuMont Verlag) auf Leserreise durch Deutschland. Fast überall waren die Veranstaltungen binnen weniger Stunden ausverkauft. „Dear Britain“ gilt zwar als eine postume Liebeserklärung der vielfach ausgezeichneten Autorin und Grimme-Preisträgerin, die seit 2025 auch britische Staatsbürgerin ist, sie spart darin aber dennoch nicht mit subtiler Kritik am Inselstaat. Meist jedoch mit dem Ergebnis: so sind die Briten eben. „Die Insel war für mich Liebe auf den ersten Blick … sie ist meine einzige große Liebe …“, so Dittert.

Dittert über sich und London

Die gebürtige Kölnerin, die jedoch in Berlin aufwuchs, wo sie Politik, Philosophie und Germanistik studierte, war nach eigenem Bekunden vor ihrer Übersiedlung ins Vereinigte Königreich als Studioleiterin nur ein einziges Mal in England. Nämlich Ende der 70-iger Jahre im Alter von 15 auf Klassenfahrt in Coventry „… ich hatte Heimweh, alles war schrecklich, vor allem das Essen“, aber sie wollte damals 2008 unbedingt weg von der Korrespondentenstelle in New York. Dann eben London – nach einer Woche war sie schockverliebt.

Wenn sie liest, tut sie das ohne einen Worthaspler und voller Leidenschaft. In Interviews oder Talkrunden antwortet sie stets entschlossen und ob des umfangreichen Wissens manchmal ohne Punkt und Komma – im positiven Sinne. Was sie nach ihrer Eigenkündigung beim ARD/ NDR zu Ende 2025 künftig machen will (sie schreibt u.a. auch für englische Zeitungen und Magazine) sei – abgesehen von Urlaub – noch offen. Die Welt und gerade London seien nach wie vor so bunt und „Man soll doch immer aufhören, wenn’s am Schönsten ist“.

Sie befeuert nun regelmäßig umso mehr ihr Facebook-Profil „London Calling“ und den InstagramKanal mit Infos und Impressionen; inzwischen habe sie rund 150.000 Follower. Ihre Art des charmanten, aber gleichzeitig direkten, offenen Journalismus fehlt m. E. in der Medienlandschaft und TV- Berichterstattung längst ebenso, wie die legendär-süffisanten Kommentare einer Rita Knobel-Ullrich und des Kollegen Theo Koll.

Sie ist der Typ Mensch, dem man gerne begegnen möchte; nicht nur, weil sie viel zu sagen hat. Der Kleidungsstil der freien Publizistin wirkt schon recht britisch, d.h. viel Grüntöne und ein Blumenmuster in der Bluse schließt Karos im Sakko nicht aus. Sie ist stets perfekt frisiert, also immer noch ganz Reporter; man weiß ja nie was kommt. Auch scheint sie ihre persönliche Unabhängigkeit über alles zu schätzen und „baut“ dafür auf gute, verläßliche Freunde. Wie sich nach der Lesung im Foyer zeigt, trinkt sie offensichtlich nicht nur gerne Tee, sondern auch mal ein großes Bier, nicht nur kleines Kölsch. Gerne hätte ich sie in den nur wenige Schritte vom Veranstaltungsort Zeise-Kino entfernten Tearoom „Eaton Place“ eingeladen, aber dafür war der Terminplan leider zu eng. 

Ihre Lieblingskapitel im Buch sind auch meine, nämlich die „heiligen Kühe“ Großbritanniens: das Gardening (schließlich hat sie am Heck ihres Narrowboates auch einen blumenumrankten Freisitz und hegt und pflegt das Grün entlang des Treidelpfades) und das Menclubbing. Zudem sind wir beide sicher keine ängstlichen Typen, haben aber eine ziemliche Arachnophobie, also Angst vor Spinnen – was beim Leben auf einem Hausboot eine Herausforderung sein dürfte. Dittert liebt Tiere und Pflanzen und ist eine gute Beobachterin, zeigt stets viel Gespür für Unterschwelliges. Und in puncto Lesung weiß sie, was sie ihren Fans „schuldig“ ist – für jeden in der langen Reihe hat sie ein authentisches Lächeln bei der Signierung mit ihrer schönen geschwungenen Handschrift. Die meisten Besucher, die zuvor im vollbesetzten Kino waren, haben bereits ein Buch in der Hand und müssen es nicht erst am benachbarten Bücherstand erwerben. Eine Übersetzung des Buches ins Englische sei derzeit nicht geplant, wie es sich eine, ursprünglich aus Schottland stammende, Leserin anläßlich der kurzen Fragerunde gewünscht hätte.

Typisch Britisch? 

Wer es im Buch bis Kapitel 10 „Members Only“ (Seite 220) geschafft hat, wird dort eine nachdenklich-amüsante Episode über das ultimativ klassische Clubleben der Engländer finden. Dittert erhält dabei von einem Mitglied eine Dinner-Einladung in seinen etwas angestaubten, aber umso traditionelleren Gentlemens Club, der nach zwei Jahrhunderten Not gedrungen gerade beschloß, auch Frauen zuzulassen. Nun ja, aber die Umsetzung hat freilich keine Eile.

Dazu heißt es: Vor einiger Zeit ereignete sich in der Männerbastion des altehrwürdigen Londoner „Savile Clubs“ etwas Unerwartetes. Ein Mitglied tauchte plötzlich in der Bar im Rock auf und verkündete, künftig als Frau leben zu wollen. Dabei galt in dem Club seit 150 Jahren die eiserne Regel, dass nur Männer Mitglieder sein können; Weibsvolk hatte draußen zu bleiben. Doch hier zeigte sich, dass Briten nicht nur äußerst traditionsbewusst, sondern im Zweifel auch pragmatisch sind. Das Clubkomitee beschloß kurzerhand, daß das nun weibliche Mitglied bleiben durfte. Die spitzfindige Begründung: Die Aufnahme in den Club war noch als Mann erfolgt – also war es kein Regelverstoß. Fazit – das Geschlecht mag man ändern können, niemals aber die Mitgliedschaft im Club.

Annette Dittert, bis Ende 2025 langjährige ARD-Korrespondentin in London, erzählt diese Geschichte als typisches Beispiel für den britischen Traditionalismus; sie steht aber auch für die bewundernswerte Geschmeidigkeit des Inselvolks im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Ihr Buch „Dear Britain“ kann man als Resümee ihrer Korrespondententätigkeit verstehen, denn 17 Jahre lang begleitete Dittert das politische Auf und Ab im Vereinigten Königreich und vor allem die chaotischen Brexit-Jahre mit Kompetenz und ihrem unverwechselbaren persönlichen Stil. Mit 63 Jahren erschien es ihr schließlich genug. Zumal sie nach eigenen Worten – gerade was England betrifft – so viele journalistische Highlights erlebte (von der Queen über Ex-Premier Boris Johnson bis zum Brexit), daß dies schlicht nicht mehr zu toppen wäre.

Oh dieser Brexit

Wer Ditters Fernsehberichte und Reportagen verfolgt hat, wird einige der Geschichten im Buch wiedererkennen. So spricht sie in Kapitel 6 „Hidden Misery“ die teils schockierenden Klassengegensätze Großbritanniens an. Ganze Bevölkerungsteile vor allem im Norden des Landes sind in die Armut abgerutscht. Der Brexit brachte hier keineswegs die versprochene Besserung. In einem anderen Kapitel zeigt sie (für das 21. Jahrhundert) erschreckende Zahlen über die Verteilung des Landbesitzes auf: In England gehört demnach die Hälfte des Landes nur einem Prozent der Bevölkerung und nur acht Prozent des Landes seien überhaupt öffentlich zugänglich.

Wie aus Kapitel 3 hervorgeht, birgt die viel gerühmte britische Gelassenheit offensichtlich auch reichlich negative Folgen. Vor Jahrzehnten wurde zum Beispiel die Wasserversorgung privatisiert; Investitionen in Kläranlagen blieben jedoch aus. An manchen Stränden schwimmen die Briten seither in Kloaken, doch ein Aufstand bleibt aus, „weil die Briten (spätestens seit Thatcher) gelernt haben, daß selbst lautstarker Protest am Ende die Machtverhältnisse nie wirklich hat ändern können“. Auch, daß die Britische Krone nicht nur unvorstellbare Reichtümer anhäufen konnte, sondern auch keinerlei Einblicke in ihre Finanzen (Charles hat angeblich gerade erstmals Einblicke in seine Steuererklärung von 2025 gewährt) gibt, wird von der Mehrheit der Briten als geradezu gottgegeben akzeptiert.

Scheinbar unverrückbare Traditionen als Ausdruck von Machtinteressen?

Neben dem britischen Traditionalismus, der Klassengesellschaft und dem zunehmenden Nationalismus unter Engländern, Walisern und Schotten behandelt Dittert auch scheinbar harmlose Themen wie die britische Gartenleidenschaft. Dabei porträtiert sie eine dunkelhäutige Gärtnerin, die sich in einer traditionell von Weißen geprägten Domäne behauptet. So wird beim Lesen schnell deutlich, daß Viele uns Deutschen als verstaubt erscheinende Traditionen und Skurrilitäten mehr sind, als nur ein amüsanter Spleen eines nostalgiesüchtigen Volkes. Sie sind Ausdruck handfester Machtinteressen und Besitzstandswahrung.

Andererseits gibt es da das Leben und leben lassen. „Jeder kann eigentlich machen, was er will, auch seine Reihenhaustür rosa streichen, wenn alle anderen Türen in der Straße hellblau sind. „Das finde ich persönlich sehr sympathisch“, so Dittert in einem Interview mit dem NDR. „Das heißt nicht, daß es auch in England einen vermehrten Druck zur Uniformität gibt. Es ist ein Land, das viel komplexer und vielschichtiger ist, als wir oft denken“.
Persönliche Erfahrungen, ein kleiner Exkurs: Zwei Jahre lang arbeitete ich im Team mit einem gebürtigen Schotten, der vor seiner Position in Deutschland, in Pakistan und Nottingham tätig war. Dieser pflegte immer zu sagen: „I was always working abroad“, er war also immer im Ausland tätig. Bei einem Besuch in Blenheim Palace (Geburtsort von W. Churchill und Stammsitz der Herzöge von Marlborough), genauer gesagt der „Downstairs Apartments“, wo sich die  Küchen, Vorratskammern und Räume der Bediensteten befinden (im Gegensatz zu den „Upstairs-Apartments“ der Society), darf das Personal den dortigen Mittelteppich nicht betreten, nur die gefliesten Ränder des Flurs. In der Tat ging unvermittelt die Tür auf und eine Herrschaft in Reitstiefeln huschte auf dem Rot wortlos an allen vorüber. Es herrscht schlichtweg eine stille Übereinkunft, ja geradezu ein Verständnis dafür, daß sich auch die heutigen Hausherren nicht noch weiter nach unten auf die Ebene des Personals begeben können.

Wie auch immer: Wer das Buch gelesen hat und das Königreich samt den  Royals (denen kein Kapitel gewidmet ist) ein wenig kennt, kann dem prominenten Kollegen Ulrich Wickert nur zustimmen: „Dieses fantastische Buch ist ebenso unterhaltsam wie klug. Ein tiefer Blick in die Seele der Briten, geschrieben fast wie ein Roman. Ich konnte nicht aufhören zu lesen!“

Ein Blick in die 267 Seiten

Viele britische Eigenheiten und Aspekte sind – wie nicht anders zu erwarten – mit Witz und Humor, aber auch tiefer Sachkenntnis beschrieben. Gemäß dem Motto „Was sie schon immer über Britannien wissen wollten, sich aber nie zu fragen trauten und Erklärungen darüber eher für einen Scherz hielten“:

Vorwort “ – 10 Jahre danach

Pomp and Politics„, warum die britische Monarchie mehr als bunter Boulevard ist

Mystic Mud„, weshalb es sich lohnt, der Themse auf den Grund zu gehen

Swimming in Shit„, warum Briten selbst unter widrigsten Umständen ins Wasser gehen

All about Englishness, weshalb das Selbstbild der Engländer so nebulös ist

The Art of Gardening„, warum ein Spaziergang durch englische Gärten immer auch ein Streifzug durch das alte Empire ist

Hidden Misery“, wieso Armut in Großbritannien so oft unsichtbar bleibt

Politcs and Theatre„, warum das House of Lords nicht nur ein verrücktes Relikt aus vergangener Zeit ist

Why Wales never was„, warum die walisische Sehnsucht nach der Unabhängigkeit so leise ist

Dreaming of a fairer Country„, warum so viele Schotten noch immer unabhängig werden wollen

Members Only„, warum zwar das Geschlecht, aber niemals seinen Club wechseln kann – mein absolutes Lieblingskapitel!

Sentimental Journey„, warum Soho nicht mehr das ist, wie es nie war

Nachwort„, Lost in Transition

Sagen wir mal so:

Ditterts Buch ist in seiner Themenwahl vielfältig wie die Insel, auf der sie so gerne lebt. Zwar zeigt sie sich besorgt über die ein oder andere Eskapade wie die „Brexit-Geisterfahrt“ und dem damit verbundenen sozio-ökonomischen Schwebezustand, doch verlassen will sie das Land auf keinen Fall. „Nein“, sie schüttelt fast erschrocken den Kopf. Sie habe ihr Herz an die Briten verloren und sei jetzt mit London verheiratet. Fans der Insel werden sich nach dem Lesen der unterhaltsamen, wohl reflektierten Lektüre in vielerlei Hinsicht bestätigt wissen und die Kritiker eben auch. Rule Britannia! Und wer sich beim Lesen den Klängen von „Pomp & Circumstances“ von Edgar Elgar hingibt, hat sich schon so gut wie auf die Insel gebeamt.

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