Angesichts der aufwendigen Produktion mit rund 150 Akteuren (inkl. Komparsen und 25 Pferden) vor und hinter den Kulissen wäre es zu banal zu sagen, Karl-May’s Winnetous reitet mal wieder am Kalkberg. Die gelungene Premiere und Premierenfeier am 27.06.26 in der Kalkbergarena von Bad Segeberg verdient ein „Viva Mexico“. Bei Wüstenhitze starteten Winnetou und Old Shatterhand in ihre neue Saison. Wer bei der Premiere von „Im Tal des Todes“ und der lockeren Aftershowparty dabei war, hatte es gut getroffen.
Hat Alexander Klaws als Winnetou wieder zu Tränen gerührt, welcher Gaststar sorgte für Extra-Lacher und gab es neben viel Action möglicherweise auch kleine Schwächen? Auf jeden Fall laufen viele Szenen auf unterschiedlichen Bühnenebenen gleichzeitig ab und man muß sehr aufmerksam hinschauen, will man alle erfassen.
Bei 32 Grad im Schatten konnten die Segeberger Karl-May-Festspiele um 20.30 Uh gar nicht authentischer starten. Im Mittelpunkt des Kalkberggeschehens steht dabei die Hacienda von Pablo Hernandez nahe des mexikanische Dörfchen San Miguel, in das es Winnetou und Old Shatterhand im neuen Abenteuer mit dem Titel „Im Tal des Todes“ verschlägt. Am Premierensamstag dürfte die Temperatur der üblichen Witterung in der texanisch-mexikanischen Grenzregion sehr nahe gekommen sein.





Die Kulisse und die Atmosphäre
Wie üblich bei einer Premiere beginnt die Session mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde einiger Ehrengäste, allen voran Ministerpräsident Daniel Günther, der im Anschluß an die Laudatio von Geschäftsführerin Ute Thienel im wahrsten Sinne des Wortes den Startschuß gibt.
Nach viel Südstaaten-Flair im vergangenen Jahr hieß es im Kalkbergstadion dieses Jahr „Caramba Mexico“. Dominiert wird das Bühnenbild von der Kulisse eines Dörfchens namens San Miguel und einem gewaltigen Quecksilber-Bergwerk. Die Szenerie hübsch gerahmt durch Gitarre zupfende Mariachis, Señoritas in bunten Kostümen und dunkel gekleidete Schurken, die mit Gewehren im Anschlag grimmig Wache stehen und Stunts bzw. Kampfszenen liefern. An vielen Stationen kracht und brennt es gleichzeitig – echte Hingucker eben. Und wenn Weißkopfseeadler „Ko’Inta” in der Arena kreist, geht jedes Mal ein Raunen durch die Menge.
Wie emotional ist die Handlung?
Verglichen mit der Vorjahressaison sind die großen, emotionalen Momente eher dünn gesät. Ein gewisser Höhepunkt aber ist der Nebenplot um den alkoholabhängigen Maricopa-Häuptling „Eiserner Pfeil“, den Joshy Peters (gehört seit 1987 zum KM-Ensemble) wunderbar mit zitternden Händen und verwirrtem Blick verkörpert; was man allerdings nur genauer sehen kann, wenn man in den vorderen 20 Reihen sitzt. Vom großmauligen Krieger wandelt er sich einsichtig zum Häufchen Elend und zurück, da er dem Feuerwasser künftig abschwören will. Nun ja, fast schon etwas viel an Lehr- und Rührstück.
Die Rahmenhandlung um den Quecksilberminenbesitzer Roulin, gespielt von Florian Fitz, der arme Dorfbewohner zwangsrekrutiert und bis zum Tode schuften lässt, wirkt etwas abgedroschen, sorgt aber dafür, daß das Abenteuer Fahrt aufnimmt.
In das von Michael Stamp geschriebene Stück (Regie Michael König, Spielleitung Stefan Tietgen) integriert ist natürlich auch eine Love-Story. Dieses Mal zwischen der Schamanin Paloma Nakana bzw. Almy Wilkins (Ines Cihal in ihrer ersten Saison) und dem Adligen Martin von Adlerhorst (Fabian Monasterios). Da man von der Vorgeschichte der beiden nicht viel erfährt, springt der emotionale Funke erst ganz am Ende über. Hand in Hand reiten beide zu Pferd dem Sonnenuntergang entgegen.





Ist das Humor oder einfach nur albern?
Während in den vergangenen Jahren meistens ein Comedy-Duo oder -Trio für die humoresken Einlagen zuständig war, ist das Stück 2026 im Lachmuskelbereich ganz klar auf Gaststar Heinrich Schafmeister zugeschnitten. Als Abenteurer Sir John Raffley, der mit britischem Akzent Deutsch spricht und ständig deutsche und englische Wörter verwechselt oder mixt („Was für eine amazing schöne Prügelei“) und egal was passiert, die Ruhe weg hat, funktioniert die Rolle wunderbar. Klarer Comedy-Höhepunkt ist eine Szene, in der Raffley als eine Art Wild-West-James-Bond und entsprechendem Bondsound den Schurken Zunder geben darf. Aber auch sein Kollege Alexis Kara als mexikanischer Anwalt Don Fernando, der ein ums andere Mal die Prügel für seinen naiven Klienten aus UK einstecken muss, hat viele gute Lacher auf seiner Seite. Zu ihm später noch etwas mehr.
Wer sind die Schurken und wie böse sind sie?
Sascha Hödl kämpft als gefährlicher Desperado Juanito Alfarez; ergänzend übernimmt Felix Adams, der wiederum zum Team „Stunt Operations“ gehört, zwei kleine Sprechrollen. Zunächst ist er als Farmer Pablo Hernandez zu sehen, später schwingt er als Blutiger Jack die Peitsche vor der Quecksilbermine.
Wie steht es um die Winnetou- und Shatterhand-Momente?
Allen voran Alexander Klaws, der zum sechsten Mal als Winnetou am Kalkberg dabei ist. Als ethisches Vorbild gewinnt er Zweikämpfe, befreit seine Freunde und vergibt seinen Feinden. Wer mag bei Winnetous leidenschaftlichen Schlussworten: „Mögen überall auf der Welt die Feuer des Friedens brennen“ nicht der Rührung verfallen? Alexander Klaws ist angesichts seiner Ausgeglichenheit und Besonnenheit einfach ein ziemlich perfekter Winnetou!
Bastian Semm (Jg. 1979) gibt als Old Shatterhand „Sharli“ nach 2023 und 2025 erneut einen exzellenten Blutsbruder ab. Die Chemie zwischen ihm und Klaws stimmt. Semm bleibt aber meist auf seine Rolle als Begleiter und Helfer Winnetous beschränkt ohne große Heldenmomente zu feiern und doch gelingt es dem blonden Schauspieler und Countrymusiker sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen. Und natürlich nicht zu vergessen die Figur des Sam Hawkens, getragen von seiner unnachahmlich krächzenden Stimme. Volker Zack kehrt als DER Westernkauz schlichtweg – mit dem legendären Satz „wenn ich mich nicht irre“ – brillant zurück. Leider ist auch seine Rolle im Stück relativ klein.
Wie auch immer: Highlights des Abends waren für mich der Weißkopfadler Ko’Inta (was übersetzt so etwas wie Feuerauge heißt), der zweimal eindrucksvoll seine Runden dicht über den Köpfen der Zuschauer flog. Ein wahrhafter Knaller ist auch der technische Kulissenbau: da klappt gleich zu Beginn ein Haus von vier Seiten unter lautem Getöse mitten in der Arena binnen Sekunden zusammen und faltet sich zum Podest für die weiteren Szenen. Und dann ist da noch das dumpfe Getrappel der Hufe, wenn die Pferde mit ihren Reitern oder im Kutschengespann hoch oben im Rund zwischen den Zuschauerrängen um die Arena galoppieren. Dann meist begleitet von bekannten Winnetou-Melodien.


Die Aftershow-Party
Wer Glück hatte, wurde hinterher zur Premierenfeier eingeladen, die um 23.00 Uhr startete. Alles, was es dafür brauchte, war ein blaues Bändchen. Hier gab es alle Akteure und Promis zum Anfassen in entspannter Atmosphäre bei einem leckeren Buffet und Getränken nach Wahl. Selbst Landesvater Daniel Günther war fast bis bis zum Schluß gegen 02.00 Uhr dabei.



Mittendrin u.a. auch Gojko Mitic der seit 2013 jahrelang den Apachenhäuptling Intschu-tschuna gespielt hatte. Bis 1990 gab sich gar Pierre Brice in der hiesigen Arena die Ehre. Die herzlichen Umarmungen zwischen ex- und amtierenden Darstellern wollte kein Ende nehmen und das Blitzlichtgewitter der anwesenden Fotografen auch nicht. Am stärksten umlagert Top-Musical Darsteller Alexander Klaws (42 Jahre). Und dennoch konnte ich ihn bei passender Gelegenheit ganz direkt auf seine Zeit 2003 als DSDS-Sieger mit dem Songtitel “ Take me tonight“ ansprechen. Als ich ihm erzähle, daß dieser Song meine letzte Schaulaufkür auf dem Eis war, drückt er mir spontan strahlend die Hand und eine aufmerksame Fotografin (Heike Ross) schießt ein tolles Foto von uns beiden. Er hat meinen Respekt sich zig Mal pro Vorstellung so gekonnt auf’s Pferd zu schwingen und das bei den Temperaturen. Er lacht: „Ja, da könne man gar nicht abrutschen, alles klebe an einem…“ Mit seiner Frau Nadja hat der gebürtige Westfale, der in Hamburg-Poppenbüttel lebt, drei Söhne. Mindestens einer davon (Lenny) tritt bereits in seine Fußstapfen und spielt im Musical Tarzan (Musik von Phil Collins), das in der Flora in Hamburg in Dauerschleife läuft, gerade den kleinen Tarzan.




Gleich daneben treffe ich auf den sehr netten Alexis Kara alias „Don Fernando“, den Schnellsprecher mit dem langen Namen: Don Fernando de Venango e Colonna de Molynares de Gajalpa y Rostredo. Allerdings spricht er gar kein Spanisch. Ich erzähle ihm kurz von meiner Zeit in Mexiko und der typischen Namensgebung sowie dem unwegsamen Schluchtensystem der „Baranca del Cobre“, wo Abkömmlinge der im Stück genannten Chiricahua-Indianer heute noch leben. Was in diesem Moment völlig untergeht: er ist die Comedy-Figur „Denis Knossalla“ in der ZDF-Heute-Show mit Oliver Welke. Wieder schießt ein Fotograf ein Foto von uns beiden.
Als ich mich umsehe, entdecke ich Heinrich Schafmeister (69 Jahre), der ganz unbehelligt und still vor seinem Teller sitzt. Er lächelt dankend für meine Worte über seine amüsante, gut verkörperte Rolle – ich sage danke für das schnelle Foto. Und ganz zum Schluß läuft mir auch noch Helmut Zierl über den Weg. Der Mann ist Jahrgang 1954 und noch in ziemlich good shape. Das freut ihn zu hören und das Ergebnis ist ein halbwegs gelungenes Selfie – obwohl man da ja immer wie ein Mondkalb aussieht – erst recht nachts um 01.00 Uhr nach einem langen, gnadenlos heißen Tag. Hier schließt sich der Kreis, denn bereits vor der Veranstaltung war ich auf dem Zufahrtsweg mit dem Schauspieler Fabian Harloff zusammengetroffen und dabei entstand ebenfalls ein sehr sympathisches Spontanfoto, geschossen von Fotograf Stefan Hoyer.
Am Sonntag, nur wenige Stunden später, mußten die Akteure schon um 15.00 Uhr wieder ran; da kann man nur sagen: dem gesamten Team Toi, toi, toi für alle Aufführungen bis zum 06. September 2026.
