

Aber auch Hamburg kann Mode. Am 25. Juli startete die große „APlus Fashion-Show der Jungdesigner*innen der HAW – stets ein kreativer Höhepunkt. Während die Schneiderateliers in der Armgartstraße sind, fand die Show dieses Jahr erstmals auf dem Kunst- und Mediencampus unweit des idyllischen Eilbekkanals statt.
In zwei öffentlichen Shows zeigten Studierende und Absolvent*innen der Hochschule für angewandte Wissenschaften (insgesamt rund 17.000 Studierende, Fakultät für Design ca. 1.300) ihre aktuellen Abschlusskollektionen und experimentellen Designkonzepte. Im Bereich Modedesign sind es pro Jahrgang nur ca. 40 Studierende, wobei sich der Studienbereich auf Mode- und Kostümdesign verteilt. Im Studiengang Modedesign werden die Jahrgänge bewusst klein gehalten, um eine intensive Betreuung der Studierenden zu ermöglichen. Der enge Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden ist ein wichtiger Bestandteil des Studiums und unterstützt die Entwicklung einer individuellen Designsprache.
Die Fashion Show versteht sich stets als Bühne für neue gestalterische Positionen und eröffnet Einblicke in die kreative Praxis einer jungen Generation von Modedesignern*innen. „Zwischen Mode, Performance, Musik und Rauminszenierung entstehen Präsentationen, die individuelle Handschriften tragen, gesellschaftliche Fragestellungen und innovative Material- und Formexperimente sichtbar machen“, so die Hochschule.
Wie erfolgt die Bewerbung bzw. Immatrikulation an solch einer Hochschule?
Für die Einschreibung im Rahmen des Auswahlverfahrens erfolgt zunächst die Teilnahme an einer sog. „Mappenprüfung„, die von verschiedenen Professoren und Dozenten bewertet wird. Für Gestaltung und Präsentation der Mappe um die 25 Seiten gibt es jedoch (absichtlich) keine genauen Angaben. Das Thema ist frei wählbar und es können Malereien, Zeichnungen, Fotos etc. sein. Wichtig ist, daß man einen Einblick in die Kreativität der Person erhält, d.h. seinen/ ihren individuellen Umgang mit unterschiedlichen Materialien, Farben und Formen. Die Kommission achtet insbesondere auf gestalterisches Potenzial, Experimentierfreude und die persönliche Entwicklung der Arbeit. Vorkenntnisse im Bereich Mode wie Näh- oder Schneidererfahrung, sind nicht erforderlich.
Wer die Prüfung besteht, erhält eine Einladung zu dem weiteren Bewerbungsprozess, d.h. einem 4-teiligen Online-Prüfungsverfahren, dessen Procedere sich auch immer mal ändern kann. Die Prüfungen bestehen aus 4-5 stündigen Aufgabenstellungen aus dem Bereichen Malerei, Zeichnen, Entwurf-/Designentwicklung sowie einer Theorieaufgabe, für die der Prüfling ein paar Tage Zeit hat. Die genaue Aufgabenstellung erfolgt jedes Jahr neu, der Umfang ist jedoch ähnlich.
Wer auch diese Prüfungen erfolgreich meistert, erhält eine Gesamtnote und darf sich für den Studiengang einschreiben. Besagtes Prüfungsverfahren gilt nicht nur für die Studierenden im Bereich Mode, sondern auch für den Bereich Kommunikations- oder Illustrationsdesign; ist also Studiengang übergreifend.
Warum der Projektname APlus?
Die sog. A+ ist die jährlich stattfindende Abschlussmodenschau des Studiengangs Modedesign der HAW Hamburg und fand in diesem Jahr bereits zum 17 Mal statt. Ursprünglich unter der Betreuung von Professoren ins Leben gerufen, wird das Projekt heute komplett von Studierenden organisiert und getragen.
Dabei übernimmt stets das fünfte Semester die Planung, Finanzierung und Umsetzung eigenständig, und wird lediglich punktuell beratend von der Hochschule unterstützt. Die Finanzierung erfolgt über ein Generationenprinzip: Die Einnahmen jeder A+ Show bilden das Budget für die Modenschau des Folgejahres, damit das betreffende Organisationsteam neben viel Eigeninitiative die Mittel zur Durchführung hat, während sich die Absolvent-*innen im siebten Semester auf ihre Abschlusskollektionen konzentrieren können.
Zu der diesjährigen Leitung zählten: Lilianis Ramón Zamora, Dayanna Valentina Suarez Rojas, Bennet Kemper und mein Gesprächspartner Fynn Heinzel.

O-Töne vor der Show
Gleich zwei Showzeiten – um 17:30 Uhr und 20:30 Uhr – sind angesetzt, um einem möglichst großen Publikum die Outfits präsentieren zu können. Beide sind ausverkauft.
Backstage zwischen Kleiderständern, Lookbook- und Storyboards treffe ich auf Emma, Esma und Lea. Alle drei sind Bachelor-Absolventinnen und mit ihren Kreationen in der bevorstehenden Show vertreten. Sie scheinen schon „alte Hasen“, denn von Aufregung kaum eine Spur. Alle drei bestätigen sehr gerne hier zu studieren. Besonders Emma fühlt sich von ihren Professoren so gut betreut und inspiriert, daß sie hier auch den „Master of Arts“ in Mode-/ Textil- und Kostümdesign machen will. Lea, eine echte Münchnerin, ist noch unschlüssig wie es weitergeht. Alle sehen sich doch eher als Künstlerinnen, denn als hochspezialisierte Handwerker; Lea allerdings tendiert zu 50/50, denn sie kann on Top auf eine Ausbildung als Maßschneiderin aufweisen. Die Schneiderateliers der Hochschule habe man sogar eine eigene Stoffdruckerei, wo man sich ausprobieren könne. Die Siebdruck-Farben bekomme man gestellt, den Stoff müsse man, neben den Studiengebühren, gesondert bezahlen. Die Wahl des Materials hänge stark von der Aufgabenstellung und dem gewählten Design ab.
Alle drei haben schon an Designerwettbewerben teilgenommen, sind interessanterweise aber kaum überzeugt, daß derartige Siege eine Karriere längerfristig fördern. Nach ihrer Ansicht käme es eher darauf an, bei welchen renommierten Modehäusern man ein Praktikum machen oder gar länger im Team mitarbeiten könne.
Lea ruft auch noch schnell eines ihrer Models her. Auch hier laufen die Schöpfer*innen ihre Stücke nicht selbst über den Catwalk, sondern lassen sie von aufstrebenden Models präsentieren.

Live-Eindrücke vom Set
Wenig Worte, viele Beats, Lichtreflexe und die Namen der JungDesigner*innen, inkl. der betreuenden Professoren sowie die Kollektionstiteln auf großen Monitoren. Die Kreationen sind so vielfältig, wie die Urheber und Models, die sie tragen. Konzentriert und mit meist stoischen Mienen schreiten sie – ganz wie ihre großen Modelvorbilder – den um Stuhlreihen gewundenen Runway entlang. Manch ein Styling läßt vom Schnitt her allerdings nur kleine Schritte zu; wenn dann noch Highheels dazukommen, heißt es Laufstegqualitäten zeigen.
Während die Mehrzahl der Designstudierenden weiblich ist, ist auf dem Catwalk viel Herren- bzw. Androgynmode vertreten. Vom eher konservativen Officelook-Schick bis hin zu riesigen Fransenhüten, langen verspielten Schleppen und bis ins Gesicht hochgezogene Kragen samt Schlips, ist alles dabei. Selbst Osterhasenohren als Kopfschmuck und eine Art Korsett-Brustpanzer a la gerippter Stuhllehne. Des weiteren ausladende Elemente gestützt von Stangen und mehrschichtige Beduinen-/ Lagenlooks bei den Herren; bei den Damen gerne mal Plüsch, drapierende Megaspangen und Drahtsaumkanten, d.h. viele sehr weibliche oder unisex Looks mit schwingenden Röcken und wehenden Umhängen.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir z.B. die Modelle aus der Trilogie „Archetype, Stereotype, Prototype“ unter Anleitung von Prof. Kai Dünhölter. Sie hatten für meinen Geschmack den perfekten Mix aus Kreativität, Tragbarkeit und handwerklicher Verarbeitung. Allerdings bleiben dem externen Betrachter ja immer nur wenige Sekunden, um das Gesamtoutfit zu beurteilen; da mag man Details auch schnell mal übersehen. Beeindruckend auch Mareike van Laak mit ihrem roten indigenen Latinolook. Weitere Teile, die nach gut 50 Minuten Defilee im Gedächtnis haften geblieben, waren die überdimensionale Kissen-Halskrause von Victor Medaiyese und das kesse bauchfreie Rüschenbrautkleid zu Leofellstiefeln; der lange Schleier ist übrigens nicht aus Chiffon, sondern dünner Plastikfolie.
Während einige Styles wie ein Mix aus Materialresten wirkten, sah man anderen die akribische Verarbeitung (z.B. der Stoffkanten und -säume) schon im Defilee an. Ich persönlich liebe drapierte Segmente und Asymmetrien in allen Längen und Schnitten.
Von der Inspiration zur Kollektion
Ebenfalls fasziniert mich auch die schon fast philosophische Namensgebung der Kollektionen. Lea Wallner hat ihre „After Crisis“ genannt; Esma Efe „Ausgeschlossen?“ und Emma Waskowiak „VerBUNDheit“.



Bachelor LEA sagt dazu: „Die After-Crisis-Bachelor-Kollektion beschäftigt sich mit dem Gefühl, das nach einer Krise entsteht – dem Moment, in dem Hoffnung zurückkehrt und ein neuer Aufbruch möglich wird. Ausgangspunkt meiner historischen Recherche war Diors New Look, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Symbol für Optimismus, Erneuerung und den Blick nach vorn wurde. Diese Idee habe ich in eine eigene Formensprache übersetzt: flügelartige Silhouetten, die Leichtigkeit, Transformation und Wachstum verkörpern, kombiniert mit organischen Linien und floralen Details, inspiriert von der Ästhetik der Tiffany-Lampen. After Crisis ist die Veranschaulichung von Resilienz, Zuversicht und der Schönheit, die entstehen kann, wenn man nach einer schwierigen Zeit den Mut findet, neu zu beginnen“.
ESMA (26 J. alt, ebenfalls aktuelle Bachelor-Absolventin) formuliert es so: Mich faszinieren handwerkliche Techniken (wie z.B. Macramé oder Stickereien), ihre kreative Weiterentwicklung und deren Verbindung zu individuellen gestalterischen Konzepten. Mein Ziel ist es, handwerkliche Präzision mit konzeptionellem Design zu verbinden und Mode zu schaffen, die Geschichten erzählt. Für meine Bachelor-Kollektion habe ich mir das Handsiebdruckverfahren angeeignet, um eigene Prints zu entwickeln und individuelle textile Oberflächen zu gestalten.
Ihre künstlerische Modekollektion „Ausgeschlossen?“ beschäftigt sich mit den Integrationsprozessen türkischer Migrant:innen über zwei Generationen hinweg. Ausgangspunkt waren familiäre Erfahrungen sowie historische Fotografien türkischer Gastarbeiter. Sie stellte sich die Frage, wie sich ein gesellschaftlicher (Integrations-)Prozess gestalterisch in Kleidung übersetzen lässt und wie Gefühle von Ausgrenzung, Identität
und Zugehörigkeit am Körper sichtbar werden können.



„Dafür kombiniere ich den Anzug als Symbol für Hoffnung, Würde und gesellschaftlichen Aufstieg mit Elementen historischer Arbeitskleidung … und verarbeite von Zwangsjacken inspirierte Details, die als Metapher für eingeschränkte Handlungsspielräume dienen und sich im Verlauf der Kollektion zunehmend auflösen“. Der dafür eigens entwickelte Print „Ausgeschlossen?“ soll das Gefühl fehlender Zugehörigkeit und innerer Konflikte visualisieren. Das von Esma selbst verfasste türkische Gedicht „Buradayım“ (zu dt. „Ich bin hier“), erzählt vom Weg des Fremdseins hin zum Ankommen, wobei sie Zugehörigkeit nicht als einen abgeschlossenen Zustand, sondern eher als fortlaufenden Prozess einordnet.
Ihre Farbwahl orientiert sich daher an klassischen Anzugfarben wie Schwarz, Grau, Anthrazit und Blau. Robuste Materialien treffen auf hochwertige Anzugsstoffe und verdeutlichen den Kontrast zwischen körperlich geprägter Arbeit der ersten Generation und dem Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Die roten Krawatten setzen bewusst einen visuellen Akzent und lenken den Blick auf zentrale Botschaften der jeweiligen Looks.
Look-Beispiel: So symbolisiert der hohe, geschlossene Kragen die Sprachbarriere, mit denen viele Gastarbeiter konfrontiert waren. Das Futter der Jacke ist mit dem Print “Ausgeschlossen?” versehen. Dieser verborgene Schriftzug steht für die unausgesprochenen Gefühle und Erfahrungen der Gastarbeiter, u.a. aufgrund der sprachlichen Barrieren.
Auch die Hose ist bedruckt, nämlich mit dem Gedicht „Buradayım“. Als weiteres Symbol für die eingeschränkte Teilhabe dienen die Ärmel, die mit den Hosenbeinen verbunden sind. Viele Gastarbeiter bewegten sich zunächst eben nur innerhalb ihrer eigenen kulturellen Netzwerke. Soweit ein Auszug aus Esmas Look-Interpretation. Das Model für den ausgewählten Look war übrigens Lamis Diko.
FAZIT
Insbesondere Internationalität und das Meistern von Herausforderungen scheinen wichtige Elemente und Voraussetzungen für Schaffenskraft und Durchsetzungsvermögen.
International ist die HAW entsprechend gut vernetzt und verfügt über zahlreiche Partnerhochschulen weltweit. Für den Designbereich gibt es unter anderem Kooperationen mit Hochschulen in Dänemark, Israel, den USA, Frankreich, Italien, Belgien und Australien. Für Modedesign besonders interessant sind beispielsweise die Design School Kolding in Dänemark und das Shenkar College in Tel Aviv, die beide einen starken Schwerpunkt auf Fashion und Textildesign haben.
Bei der Wahl der passenden Partnerschule werden die Studierenden umfassend beraten z.B. über die Finanzierungsmöglichkeiten, den Bewerbungsprozess oder der Planung des Auslandsaufenthalts.
Eines der globalen Anliegen der jungen Designer scheint wie bei allen Künstlern das friedliche Miteinander und ein nachhaltiges Tun zugunsten des Umweltschutzes zu sein, was sozio-politisch auf der Welt derzeit aber schwerlich gelingt. So können Kunst und Mode einerseits integrative Faktoren, aber auch Abgrenzung sein.
Wie auch immer. Blickt man in die vielen enthusiastischen Gesichter, wäre es interessant zu wissen, wer sich später ggf. mal einen Namen macht, in dem seine/ ihre Looks zur unverwechselbaren Marke werden. Ich wünsche allen viele kreative Momente, gutes Gelingen und vor allem weiterhin Freude am Gestalten und im Leben.
