Unter dem Titel „THIS IS THE MODERN WORLD“ zeigt die Hamburger Kunsthalle vom 04. September bis 30. Mai 2027 die neu kuratierte Ausstellung „Durchbrüche in der Kunst 1900–1960“
Nach der Begrüßung durch Direktor Prof. Dr. Alexander Klar, führte das kuratorische Team unter der Leitung von Toby Kamps die geladenen Gäste am Vortag der Eröffnung durch die Neupräsentation zur Moderne, die zu den bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst in Deutschland gehört.



Was erwartet die Besucher/ den Betrachter?
„Anhand von mehr als 150 ausgewählten Gemälden, Skulpturen, Grafiken und Zeichnungen – darunter bekannte Highlights und besondere Neuzugänge – verdeutlicht die Präsentation die Fülle an neuen Ideen und Ansätzen sowie den Bruch mit bestehenden Traditionen in der Kunst dieser sechs Dekaden, die von außergewöhnlichen Umwälzungen in Kultur und Gesellschaft geprägt war“ – so der Tenor der Kunsthalle.
Weiterhin formulieren die Experten: „Vermittelt wird die Vielgestaltigkeit der Ansätze innerhalb der verschiedenen Strömungen der Moderne. Dazu zählen ikonische Werke des Expressionismus wie von Ernst Ludwig Kirchner und Wassily Kandinsky, sowie von Maler*innen der École de Paris wie Georges Braque und Pablo Picasso. Zu sehen sind Positionen der Pionier*innen der frühen Moderne wie Edvard Munch, Paula Modersohn-Becker und Lovis Corinth, aber auch Max Beckmann und die Hamburger Malerin Anita Rée, die beide als Leitfiguren der Ausstellung dienen. Ebenfalls vertreten sind Beispiele der Abstraktion zwischen den Weltkriegen unter anderem von Sophie Taeuber-Arp, des Surrealismus von René Magritte, der Neuen Sachlichkeit von Christian Schad sowie des Informel der Nachkriegszeit von Wols.“



Die Neuhängung zur Moderne umfasst zehn umgestaltete Räume innerhalb des Museumsrundgangs durch acht Jahrhunderte Kunst. Die chronologische Präsentation wird durch zeit- und ortsübergreifende thematische Gruppierungen von Werken bereichert, die neue Zugänge zu dieser revolutionären Zeit ermöglichen. Die Arbeiten thematisieren neue Stile von Abstraktion und Darstellung sowie sich wandelnde Verständnisse von Natur und Technik, Gesellschaft und menschlicher Existenz, beeinflusst von Psychologie, Philosophie und Politik – einschließlich der NS-Ideologie. Eine Galerie zu Hamburger Künstler*innen ergänzt die internationale Moderne um regionale Perspektiven – etwa mit Hafen- und Stadtansichten. Im Verlauf der Schau bieten wechselnd präsentierte Zeichnungen und Drucke des Kupferstichkabinetts zudem nähere Einblicke in Arbeitsmethoden der Künstler*innen.

Als Highlight werden jüngste Schenkungen und bedeutende Neuerwerbungen, wie u.a. das 2025 erworbene Schlüsselwerk des Surrealisten René Magritte „Le palais de rideaux“ (Der Palast der Vorhänge) von 1928, präsentiert. Max Beckmann (1884–1950) und die gebürtige Hamburgerin Anita Rée (1885–1933) dienen mit rund 20 vertretenen Werken als Leitfiguren der Ausstellung. Die zwei Zeitgenoss*innen gelten durch ihre stetige formale Weiterentwicklung und ihre provokanten Ideen als Paradebeispiele moderner Künstler*innen. Von Beckmann wird unter anderem die bisher teuerste Erwerbung in der Geschichte der Hamburger Kunsthalle gezeigt: „Selbstbildnis Florenz“ (1907) mit dem jungen Künstler, als er noch am Anfang eines Prozesses der Selbstinszenierung stand, die in seiner Karriere vielfältige Formen annahm. In einer räumlich direkten Gegenüberstellung blickt Rée zu Beckmann, durch ihr „Selbstbildnis in Hittfeld“ (1904), aus der ebenso anfänglichen Karrierezeit, als sie Malunterricht in der Nähe ihrer Heimatstadt Hamburg nahm. Diese Werke werden mit einer ganzen Reihe weiterer auffällig divergenter Porträts zusammengebracht, die kompakt gehängt an einer Ausstellungswand ein dichtes Tableau vielfältiger Geschichten aus dem Leben bedeutender moderner Meister*innen erzählen. Dazu gehört unter anderem Karl Kluths „Selbst mit Melone“ (1924), das den Künstler als zerzausten Bohemien an seiner Staffelei mit einer lässig getragenen Melone zeigt.





Das vielfältige Begleit- und Vermittlungsprogramm umfasst neben verschiedenen Gruppen-Führungsformaten auch Audiotouren auf Deutsch und Englisch, in Leichter Sprache sowie eine Tour für Neugierige ab 8 Jahren. Zu ausgewählten Kunstwerken bieten zudem Werk- und Herkunftstexte weitere Informationen vor Ort in der Schau. Eine Kindercomic-Veranstaltung (13. September) präsentiert das aktuelle Buch von Andrea Offermann mit der wahren Geschichte von Wilhelm Werner, der als Hausmeister der Kunsthalle die sog. „Entartete Kunst“ bzw. Gemälde vor dem Zugriff durch die Nationalsozialisten (teils durch Versteck in seiner kleinen Einlieger-Hausmeisterwohnung) rettete, die heute Teil der Präsentation sind. Die Abendveranstaltung „Salon X THIS IS THE MODERN WORLD am 26. November für (junge) Erwachsene bringt neue Impulse mit Live-Musik, Performances und queeren Perspektiven ein. Im Frühjahr 2027 erscheint eine Publikation zu ausgewählten Werken der Sammlung Moderne im Rahmen der „Kleinen Reihe“ – erhältlich im Museumsshop oder über www.freunde-der-kunsthalle.de.

Dabei erlebte gerade die Moderne vielerorts stürmische Zeiten: 1937 ging dem Haus – ähnlich wie in München und Berlin – fast der gesamte Bestand an moderner Malerei durch die Beschlagnahmung verloren. Carl Georg Heise unternahm ab 1945 große Anstrengungen, um diesen schweren Verlust mit Erwerbungen auszugleichen und die ehemals verfemte Kunst zu rehabilitieren. Den Wiederaufbau der Sammlung Moderne setzte Alfred Hentzen ab 1955 fort und ergänzte Werke, die die Entwicklungen der Nachkriegszeit widerspiegeln. Seit den 1970er Jahren erweitern Ankäufe, Schenkungen, Vermächtnisse und dauerhafte Leihgaben aus Privatbesitz weiterhin sukzessive den Werk-Bestand dieser bahnbrechenden Periode der Kunst.
Persönliche Eindrücke
Nach kurzer direktorialer Einleitung übernimmt Ausstellungskurator Kamps höchst persönlich das Mikro. In sehr kompetenter und angenehmer Art und Weise werden zunächst allgemeine Aspekte der Ausstellung angesprochen wie der u.a. Wandel von der sog. Klassischen Moderne zur Moderne, einem vitalen Mäzenatentum, Kriterien der Hängung und dem Aufwand solch eine Sammlung zusammenzustellen. Im weiteren Verlauf folgen Informationen zu ausgewählten Bildwerken sowie den Schwerpunktkünstlern Anita Ree und Max Beckmann. So erfährt man vor dem Bildnis „Junge mit Spielzeug“ ganz nebenbei auch, daß es sich um Pechsteins Sohn Frank handelt und es in Hamburg immer noch direkte Nachfahren von Max Pechstein gibt, die sich einbringen.
In jedem Moment merkt man Kamps an, daß er noch viel mehr zu sagen hätte, die Führung aber leider zeitlich begrenzt ist.
Was gefällt, liegt hier nicht im Auge des Betrachters; es geht um unwiederbringliche künstlerische Zeitgeschichte. Ein Stück weit ruft die Betrachtung auch Erinnerungen an die Oberstufenzeit im Gymnasium zurück, in der ein engagierter Kunstlehrer einige der hier nun explizit ausgearbeiteten Aspekte in meinem Wissen und den Köpfen der Mitschülerinnen zu verankern wußte.
Expressionisten wie Kirchner, der der deutschen Künstlergruppe „Die Brücke“ angehörte, der Norweger Munch und der Belgier Magritte mit seinen surrealistischen Bildern mit schwebenden Objekten waren in so mancher Klausur ein Thema.
Weitere Bildauszüge
Ein jeder mag erraten oder sein Wissen prüfen, welches Bild bzw. welcher Malstil welchem Maler zuzuordnen ist.



Moderson-Becker: Alte Moorbäuerin



Sind solche Werke überhaupt noch versicherbar? Einbrüche und Kunstdiebstählen häufen sich in letzter Zeit ja weltweit. Auch die Hamburger Kunsthalle wurde bereits zweimal Opfer von Kunstdiebstählen: Einmal in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1978, als Täter 22 Gemälde im Wert von vielen Millionen D-Mark, darunter Meisterwerke von Künstlern wie Edgar Degas stahlen. Und ein zweites Mal Ende Mai 2002, als eine Bronzeskulptur von Alberto Giacometti im Wert von rund 500.000 Euro entwendet und vom Dieb durch eine selbst geschnitzte Holzkopie ausgetauscht wurde.
Was für eine seltsame Welt? Dabei geht nicht jedem Kunsträuber um eine möglichst hohe Verkaufs- oder Lösegeldsumme. Oft werden fanatische Sammler – und damit Kunstkenner – zu Auftragsdieben, um sich das ein oder andere Exponat in einen privaten Museumskeller zu stellen oder es in einen geheimen Tresor zu legen. Besitz um jeden Preis.
In einem stillen Moment kann ich Direktor Dr. Klar kurz dazu ansprechen: Wirklich versichern kann man solche Kunstschätze nicht, „man kann nur sehr gut darauf aufpassen“, so sein Statement. Den Wert der hier nun gezeigten Modernen-Sammlung könne er schlecht schätzen; insgesamt sei es im Hause sicher eine gute Milliarde Euro.


Fazit
Die Ausstellung ist in jedem Fall sehenswert, da sie nicht nur Klasse hat, sondern auch eine ungewöhnlich große Bandbreite des genannten Genres zeigt. „Da haben sich zwischen 1900 und 1960 die -ismen alle 5 Jahre die Hand gegeben und alle sind hier vertreten“. Zudem hält sie auch kleine Überraschungsmomente parat, wie ein Kneipenbild im „Hamburger Raum“ von Mundart-Dichter Joachim Ringelnatz.
Wer die Originale in Ruhe betrachten will: Tickets sind ab 18.- Euro für Erwachsene über das Online-Portal der Kunsthalle verfügbar oder können an der Tageskasse erworben werden. Interessierte Kinder und Jugendliche haben kostenlosen Zutritt.
Anmerkung: Fotos PFritz und von der Kunsthalle freigegebenes Pressematerial
