Gerade Weinlagen tragen oft verheißungsvolle Namen wie Herrgottsacker, Sonnenacker, Schloßberg oder Höllengrund. Tiernamen wie die Gimmeldinger Meerspinne sind dabei äußerst selten und keine ist, von eben dieser einen Ausnahme abgesehen, nach einem Fisch benannt.
Ob der Stintfang-Hügel mit seinen 99 Reben und knapp 500 qm Fläche tatsächlich der kleinste Weinberg Deutschlands ist, läßt sich nicht gesichert sagen. Auf jeden Fall aber ist er einer der Berühmtesten, schaut er doch unmittelbar auf die Landungsbrücken von St. Pauli herab und hat schon so einiges erlebt. Am 05.09. ging es den Träubchen mal wieder sach- und fachgerecht an den Kragen. Aus der Ferne begleitet von der erfahrenen Winzerdynastie Currle (in memoriam Fritz Currle) aus Uhlbach-Obertürkheim (Stuttgart) und einigen ehrenamtlichen Hamburger Winzern (scherzhaft Exil-Schwaben genannt), fiel im Rahmen eines familiären Lesetreffens im Beisein von Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit und des NDR um 10.30 Uhr der Startschuß zur Lese. Bereits 1,5 Stunden später war – dank des kleinen Sonnenlochs eines Schietwettertages – alles erledigt und die spezielle Fracht konnte ihren Weg gen Süddeutschland antreten.
Der kleine Weinberg am Stintfang auf der 26 Meter hohen Anhöhe in Hamburg steht unter der offiziellen Schirmherrschaft der Hamburgischen Bürgerschaft. Der eigentliche Gärprozeß der blauen (Regent) und weißen Trauben (Phönix) findet jedoch in den Fässern des Weingutes Currle statt und findet nach 1-2 Jahren wieder seinen Weg zurück in die Hansestadt.




Rebenpflege und Weinausbau
Die äußerst resistente Sorte „Regent“ (kräftiger farbintensiver Rotwein) gehört zu den wenigen erfolgreichen Züchtungen, denen eine dauerhafte Zukunft bescheinigt wird. Daher ist die blaue Traube für das Hamburger Klima ideal. Sie stammt aus dem Institut für Rebenzüchtung auf dem Geilweilerhof bei Neustadt-Siebeldingen und wurde 1967 erschaffen. Die Traube ist eine Kreuzung aus Silvaner, Müller-Thurgau (eigentlich weiße Traubensorten) und Chambourcin (ein rote Hybridsorte aus Frankreich). 1993 wurde schließlich der offizielle Sortenschutz des Regent erklärt.
Die Weinsorte „Phönix“ ist ebenfalls eine Neuzüchtung des Julius-Kühn-Instituts für Rebenzüchtung in Gleisweiler. Sie ging aus einer Kreuzung von Bacchus- und Villard Blanc Rebe hervor. Dennoch brauchen die Reben bei aller (Pilz- und Fäulnisresistenz) rund ums Jahr eine gewisse Pflege, wie Rebschnitt, Blattausdünnung, Bodendüngung, Einnetzung etc.
Auch die Bodenbeschaffenheit spielt beim Wein eine wichtige Rolle. Der Stintfangboden wurde daher extra gut drainagiert und künstlich hergerichteter, optimierter Kulturboden am steilen Südhang aufgebracht.
Currle legt beim Keltern und Reifen seiner Weine viel Wert darauf, aus jeder einzelnen Lage möglichst etwas Besonderes zu machen. Bei der Verarbeitung durch einen erfahrene/n Önologin entscheidet sich dann, „ob aus den Trauben ein unkomplizierter Württemberger – in diesem Fall Hamburger – für jede Gelegenheit wird, oder ob durch intensive Begleitung ein wirklich außergewöhnliches Naturprodukt entsteht“. Teilweise in Kleinstmengen – so wie die durchschnittlich 30-50 Flaschen (0,35 l) Stintfang.


Geschichte des Mini-Weinberges
Bereits zwischen 1995 und 2019 befand sich am Südhang zur Elbe ein kleiner Weinberg. Die hier gepflanzten Reben waren ein Geschenk des Veranstalters „Stuttgarter Weindorf“, das in der Zeit von 1986 bis 2015 jährlich im Herbst auf dem Hamburger Rathausmarkt zu Gast war. 1995 begann man mit 50 Rebstöcken, anlässlich des 20. und 25. Stuttgarter Weindorfs in Hamburg kamen noch jeweils 25 weitere dazu. Am Stintfang wachsen nach wie vor Reben der Rotweinsorte Regent und der Weißweinsorte Phoenix. Jedes Jahr werden so i.d.R. 30-50 Flaschen Hamburg Stintfang Cuvée gewonnen, welche ausschließlich Ehrengäste der Stadt erhalten. Die Jahrgänge 2010 und 2016 fielen jedoch aus, da die Ernten von Unbekannten geplündert wurde. Im Februar 2019 wurden alle Rebstöcke aufgrund von Bauarbeiten an der U-Bahn-Station Landungsbrücken gerodet und an Interessierte verschenkt. Seit 2022 gibt es einen neuen Weinberg mit neuen Reben; 2025 konnte erstmal wieder ein kleiner Ertrag daraus gewonnen werden. Betreut wird der Weinberg von einer Gruppe ehrenamtlichen Winzern.
Die entstandene “Stintfang Cuvée” wird stets im Rahmen des parlamentarischen Sommerfestes der Bürgerschaft überreicht. Diese Flaschen gehen an Staats- und Ehrengäste oder werden zu sozialen Zwecken versteigert.


Aktiv bei der Lese
Als gebürtige Pfälzerin hat man automatisch einen Schuß Wein im Blut. Von September bis Oktober sind die Weinlagen an der Pfälzer Weinstraße bis hinunter in das angrenzende Elsaß voller Leben. Erntehelfer und smarte Maschinen wie Rüttler und sog. Vollernter rücken dann den blauen und weißen Trauben zu Leibe. Handarbeit sieht man dann eher noch selten wie z.B. bei der Eisweinernte (bei mindestens minus 7 Grad Außentemperatur) Ende November. Um so schöner ist es als Wahl-Hamburgerin auch hier dieses Szenario in Klein genießen zu können – so schließt sich für einen Moment der Kreis.
Fast bin ich nach einem heftigen Regenschauer schon zu spät dran, weil man feuchte Trauben eigentlich nicht erntet. Jedoch sind alle Netze schon abgedeckt und nur noch wenige Hängel an den Stöcken. Schnell komme ich mit drei „Erntehelfern“ ins Gespräch und schnell pflegen wir mit einem Lächeln süddeutsche Mundarten. Christian, Rainer und Sven-Oliver haben das Hobby-Winzerherz am rechten Fleck und sind schon lange dabei. Sofort machen Geschichten um den Stintfang die Runde: von Massenbelagerung an Sonnentagen, Rebstockdiebstahl und Müllhinterlassenschaften. Man habe sich schon daran gewöhnt, daß die Stöcke in der ersten Reihe schon vor dem Lesetag geplündert seien. Und dem nicht genug: überall auf der Welt ist es Sitte, am Rand jeder Rebreihe empfindliche Rosenstöcke zu pflanzen, um möglichst früh Schädlings- bzw. Mehltaubefall zu erkennen. Selbst davon wurde jüngst einer ausgegraben und war nie wieder gesehen. Der Preis für eine absichtlich offen, bürgernah gestaltete Anlage. Traurig, ja geradezu armselig.



Klein, aber fein: Schnell wird die Frage laut, wie die Träubchen denn schmecken? Schnell greife ich eine Regenttraube und sauge sie ohne Haut aus. Über das intensive Fruchtaroma bin ich positiv überrascht; sie schmeckt eher nach Gewürztraminer und vor allem besser als Rieslingtrauben, die roh genossen grundsätzlich recht bitter und sauer sind. Angesichts des warmen Sommers kann ich mir gut vorstellen, daß die ca. 15 Kilogramm Stintfangernte gut 80 Grad Oechslemost (Maß der Traubenreife) erreicht. Das wäre ein guter Durchschnittswert für Qualitätsweine. Ein Refraktometer zur Messung oder eine Waage hatte leider hier niemand zur Hand, das überläßt man den Experten im Weingut.
Wenn genügend Rebensaft zusammenkommt (letztes Jahr waren es aufgrund der Ersternte nach der Neubepflanzung nur 3,5 Liter), also um die 15-20 Liter, wäre dies quasi die Mindestmenge, um einen eigenen Jahrgang zu pressen, der dann – je nach Ausbau – nach 6-12 Monaten Reifung im Faß in Flaschen abgefüllt wird.

Bevor die Sonne wieder verschwindet, heißt es die wertvolle Fracht sicher im Kofferraum zu verstauen und sie schnellstmöglich der Verarbeitung zuzuführen. Da kann man nur sagen: Gute Reise, auf das aus dem Rebensaft ein gutes Tröpfchen werden möge.
Und die Moral von der Geschicht?
Ich persönlich liebe nicht nur die halbtrockenen Rebsorten wie Sauvignon-Blanc oder Gewürztraminer (mit einer Restsüße von 18-45 Gramm Zucker pro Liter) und einen spritzigen Rosé, sondern auch den prickelnden sog. Neuen Wein, in den unterschiedlichen, noch ganz jungen Gärstufen wie er schon im Handel angeboten wird.
Bei der Wahl der regionalen und Deutschen Weinkönigin ist daher wirklich Wissen und Sprachgewandtheit gefragt und jedes Mal liegt vor Bekanntgabe der Krönung von Königin und den beiden Prinzessinnen im Saalbau in Neustadt/ Weinstraße prickelnde Spannung in der Luft.
Ein besonderes Weinerlebnis ist es, einmal Wein im Holzbottich mit den Füßen zu treten und so den Saft aus den Häuten zu pressen. Das zertretene Traubenfruchtfleisch fühlt sich kalt und glitschig an, die Füße sind danach ganz zart und der Traubensaft schmeckt (aus Hygienegründen nur für den Privatverzehr) einfach köstlich.
Wer auf einem Weinfest in Südwestdeutschland eine kleine Weinschorle oder ein kleines Glas Wein (0,2 Liter) bestellt, wird schon mal folgenden Satz hören: Häää, ’n Klenner?.. dann wartscht bis Dorscht hoscht und saufscht ’n Große. Gemeint ist damit, daß der Wirt sich den Weg für ein kleines Glas Wein erst gar nicht macht und der Gast einfach warten soll, bis er richtigen Durst hat, um dann einen Großen, also einen halben Liter, zu trinken.
Da, wo der Wein in Strömen fließt, wird er seit alters her eben wie Wasser getrunken; ein Schicksal, das die wenigen Flaschen Stintfang mit Sicherheit nicht ereilen wird. Er ist eine wahre Sonderedition und man darf gespannt sein, wie dieses Mal das Etikett aussehen wird.
