Das war ganz großes Kino und ein Hauch von New York wehte durch den NICA Jazzclub am Alsterfleet als die Grand Dame des Chansons Ute Lemper locker und bestens gelaunt mit ihren beiden Begleitern Vana Gierig (Piano) und Giuseppe Bassi (Bass) die Bühne betrat und vom Publikum geradezu frenetisch begrüßt wurde.
Lemper sollte es auch an diesem Abend einmal mehr virtuos gelingen, Pop, Rock, Jazz, Soul und Chanson mit ihrer unverwechselbaren Stimme auf einzigartige Weise zu verbinden – egal, ob in Deutsch, Englisch, Französisch oder Spanisch. Ihre Bühnenpräsens und lässige Erzählkunst ist wahrlich legendär und kommt nicht von ungefähr. Nachdem sie zuletzt mit einem Marlene-Dietrich-Programm brillierte, ist sie nun mit dem Programm „Time Traveler“ unterwegs. Den Begriff „Best-of“ möchte sie eigentlich nicht hören. „Was ist das schon, Geschmack und Zeitgeist wandeln sich“, sagt sie etwas schnodderig.


Schon im Vorfeld war die Nachfrage so groß, daß über die 21.00 Uhr Vorstellung hinaus noch ein Zusatztermin um 18.00 Uhr angesetzt wurde und auch diese 300 Plätze im Nu verkauft waren. „Wir sind so stolz darauf diese Ikone heute hier zu haben und hätten locker noch eine dritte und vierte Vorstellung füllen können, so Geschäftsführerin Fee Schlennstedt.
In der Tat gelingt der schlanken 1, 76 Meter großen Lemper mit „Time Traveler“ das ungewöhnliche Kunststück, die 25 und mehr Jahre nicht zu bemerken, die zwischen den einzelnen, ausgewählten Songs liegen. So gehen Gegenwart und Vergangenheit eine spezielle Verschmelzung ein. Sie hat die Lieder, die sie vorab oder danach in einen persönlichen verbalen Kontext setzt, mit Bedacht und nach ihren persönlichen Vorlieben ausgewählt – da bleibt sie in jedem Moment ganz Ute Lemper und lebt ihren Traumberuf. Dabei läßt sie sich abgesehen von eigenen Lebenserfahrungen u.a. gerne von Rilke-Gedichten und Texten von Pablo Neruda inspirieren. Live wirken die Songs und Geständnisse aus ihrem Leben geradezu intim.

Die letzte deutsche Chansoniere von Weltruf
Der Fokus lag nicht von vornherein auf dem Gesang, sondern auf Tanz und Schauspiel. Schon während der Schulzeit erhielt sie Klavier- und Ballettunterricht (Mutter war Opernsängerin, Vater Bankmanager), es folgte Schauspielunterricht am Max-Reinhart-Seminar in Wien.
In Folge spielte sie u.a. im Musical „Cabaret“ in Paris (1987 Hauptrolle der Sally Bowles im Théâtre Mogador), im Musical „Chicago“ in London und 1992 die Lola im „Blauen Engel“ in Berlin. Im Disney-Film „Der Glöckner von Notre Dame (1996) sang sie den Part der weiblichen Hauptfigur Esmeralda. Lemper trat mehrfach in New York (u.a. in der Carnegie Hall) und am Broadway auf. 1994 hatte sie als hochschwangeres Model einen Auftritt in Robert Altmans Film „Prêt-à-Porter“. Sie ist ferner begeisterte Interpretin von Kurt-Weill und Brecht-Werken sowie des argentinischen Tango-Komponisten Astor Piazzolla, der auch zu meinen bevorzugten Komponisten gehört.
Für ihre Leistungen wurde sie mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter der britische „Laurence Olivier Award“ und der amerikanische „Theatre World Award“ für ihre Rolle als Velma Kelly in Chicago am West End und am Broadway sowie der französische „Molière Award“ für ihre Darstellung der Sally Bowles in Cabaret in Paris. Zudem erhielt sie mehrere internationale Musik- und Theaterpreise und wurde mehrfach für einen Grammy nominiert. 2013 erhielt sie einen Grammy für ihr Album „Paris Days, Berlin Nights“ in der Kategorie: Beste klassische Solostimme.


Sie ist Mutter von drei Söhnen (Max-Emanuel Tabatsky, Jonas und Julian Turkisher) und einer Tochter Stella Tabatsky (1994, 1996, 2005, 2011) aus zwei geschiedenen Ehen. Sie lebt hauptsächlich in New York bzw. Manhatten unweit des Central Parks. Wie sie selbst sagt, wollte sie von Anfang an weit weg und war – zum Leidwesen ihrer Eltern – ein unzähmbarer Rebell. „Who can make it there, can make it anywhere“.
Dennoch soll sie immer noch eine kleine Wohnung in Wuppertal haben, als Referenz an ihre Zeit mit Pina Bausch, als sie im dortigen Tanztheater in dem Stück „Die sieben Todsünden“ auftrat.
Hier ein Ausschnitt (öffentliches Youtube) von einem Rooftop-Auftritt in New York: Ute Lemper – All That Jazz (rooftop performance in Manhattan)
Eigene Videosequenzen sind wegen der Höhe der MB-Zahl leider nicht für den TAM-Blog geeignet.
„La Lemper“ live
Unter tosendem Applaus und Standing Ovasions betritt sie – in einem eleganten schwarzen Hosenanzug mit Strassschmuck am Ausschnitt und am linken Handgelenk – durch die Zuschauerreihen mit Gierig und Bassi die kleine Bühne. „Schön hier zu sein, in diesem kleinen Raum mit künstlernaher Atmosphäre, ja sogar noch etwas Tageslicht und Fleetblick. Okay, laßt uns anfangen“. Sie schenkt sich ein bereit stehendes Glas Wasser ein, hält jedoch inne und sagt als Stimmungskick: „Where is the Champain?“ Später wird sie schonungslos erzählen, daß auch ihr Leben hin und wieder nur mit Champagner (weil er so schön prickelt), etwas Härterem oder auch mal Schmerzmitteln zu ertragen ist; insbesondere Liebesschmerz und Enttäuschungen seien ohne diese „Helferlein“ manchmal kaum auszuhalten.
Gänsehautfeeling von der ersten Minute an und meine Platznachbarin in der dritten Reihe raunt mir zu: „Dass ich das einmal hier erleben kann; ich dachte immer nach New York fliegen zu müssen, um „La Lemper“ einmal hautnah zu genießen.
Die Blondine beginnt mit „Les moulins de mon cœur“(dt. Die Mühlen meines Herzens) vom Michel Legrand. Im weiteren Verlauf verbindet sie teils nahtlos verschiedene Klassiker, indem sie diese meist nur ansingt, dann einfach mal innehält und schmunzelnd lacht, eine kleine Anekdote aus dieser Zeit dazwischen schiebt, oder auch Passagen aus ihrem Buch mit dem gleichnamigen Titel zitiert ... und schließlich weiter singt. Dabei wirkt sie – bei aller Spielkunst – recht offen und authentisch, gibt indirekt Antworten auf viele Fragen, die man ihr stellen möchte. Sinngemäß: Tja, auch das Leben eines Bühnenstars besteht nicht nur aus Glück und Glamour. „Ja, das Alter, mal braucht man eine neue Hüfte, mal auch noch ein paar andere neue Sachen“. Sie versucht kleinere Fehlbarkeiten einfach weg zu lächeln, was sie in den Augen des Publikums umso nahbarer macht. Sie ist übrigens überzeugt, dass wir nur durch Trauer und offenen Dialog lernen können, Traumata verantwortungsvoll zu (er)tragen – und so sowohl als Künstler als auch als Menschen zu wachsen.
Persönliches Fazit

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Der elegante Jazzclub in Nobellage Am Alten Wall war im Raum Hamburg m. E. der perfekte Standort, um die 40-jährige Bühnenkarriere der Ausnahmekünstlerin Lemper zu würdigen und ihren über 30 CDs und ihrem 2023 veröffentlichten Buch „Time Traveler“ den passenden Rahmen zu geben.
Anlässlich ihres 60. Geburtstags (geb. am 04.07. 1963 in Münster) war mit dem Spiegel-Bestseller „Die Zeitreisende – zwischen Gestern und Morgen“ bereits die zweite Autobiografie erschienen (eine Erste hatte sie schon im Alter von 30 Jahren 1994 verfasst; sie trägt den Titel „Unzensiert“). „Er ging fremd, ich ging fremd …“ jede Scheidung sei furchtbar gewesen; nicht zuletzt auch für die Kinder. Das 336 Seiten starke Buch enthüllt Vieles und hält auch mit menschlichen Defiziten nicht hinterm Berg. So lautet der Prolog in ihrem Buch „Die Zeitreisende“: „Erinnerung ist wie ein Filter und oft nur in ihr werden Momente zu Wunden oder Wundern“. Das Multitalent Lemper malt übrigens auch. Aber das hier alles aufzuarbeiten, würde den Rahmen sprengen. Wer einen Blick in das aktuelle Tourprogramm von Ute Gertrud Lemper werfen möchte, findest es unter Gigs Archive – Ute Lemper
Der noch junge, minimalistisch-stylische NICA Jazz Club feiert am 9. November 2026 sein zweijähriges Bestehen. Ein Bekannter von mir entdeckte dieses Juwel unlängst für sich bei einem Hamburgbesuch. Nun weiß ich, warum er so davon bzw. dem vielfältigen Programm schwärmte.
