„To build the best piano possible“ – nur das Beste war die Philosophie und der Anspruch des Steinway & Sons Gründers Heinrich Engelhardt Steinweg (und seinen Nachkommen), der als Möbeltischler und Orgelbauer nach Amerika auswanderte und seinen Namen in Henry E. Steinway änderte. Das 1853 gegründete Unternehmen, das bis heute ausschließlich in New York und Hamburg produziert, steht für Perfektion und Tradition mit einem, laut Kennern, unvergleichlichen Klangerlebnis. Zirka 1.000 Flügel werden hier in Hamburg pro Jahr von rund 500 Mitarbeitern hergestellt, die in Folge an die berühmtesten Bühnen und Konzerthäuser der Welt gehen. Einige gehen auch an Privatleute, die selbst gar nicht spielen (können), sich einen Steinway aber als erlesenes „Schmuckstück“ und neuerdings Klangerlebnis ins Wohnzimmer stellen.

Wo Töne Flügel bekommen 

Wer Glück hat, kann einen der raren Plätze bei einer Werksführung erhalten. Alle Produktionsetappen vom Holzeinkauf bis zum Stimmen der Flügel und Klaviere werden dann den Besuchern und Musikfreunden gezeigt, quasi um die  Identifizierung mit den Instrumenten und dem Namen weiter zu festigen.

Inspiration braucht keiner der Teilnehmer*innen, denn fast alle sind vom Musikfach oder Pianisten*innen. Dennoch ist es für alle spannend, einmal bei der Fertigung bzw. einer derart feinen Handwerkskunst zuzusehen und mit der elektronischen Integration der sog. Spiriotechnologie den Fortschritt zu erleben.

Eine Teilnehmerin der Gruppe, die Schweizerin Sarah Claire, ist extra für 24 Stunden aus Salzburg angereist, um diesen Moment mitzuerleben und verschiedene Flügel im Hause spielen und sich ggf. für ein bestimmtes Modell entscheiden zu können. Noch studiert sie am Mozarteum in Salzburg, ist aber bereits eine gefragte Nachwuchspianistin. Sie hört und kennt alle Klangfeinheiten des ein oder anderen Instrumentes und weiß, wie man es optimal zum klingen bringt – mal mit mehr, mal mit weniger Fingerkraft im Anschlag.

Einen Steinway Flügel muß man sich allerdings leisten können (ab 50.00.- Euro, Tendenz eher um die 180.00 bis 250.00 Euro) und selbst der Gebrauchtmarkt ist preislich umkämpft. Gerade bei älteren Instrumenten, die noch Elfenbeintasten haben und so den Schweiß besser absorbieren, als die heutige Holz-Kunststoff-Version, etc.

Laut Unternehmen entscheiden sich angeblich um die 90% aller Konzertpianisten*innen und Orchester zum Auftritt für einen Steinway. Allein über 2.300 Pianisten*innen gehören der renommierten „Steinway Artist List“ an.

172 Jahre Firmengeschichte, die bewegt und gepflegt werden will

Seit 2013 ist Steinway & Sons im Privatbesitz von John Paulson, einem US-Hedgefondmanager. Offizielle Geschäftszahlen gibt es daher so gut wie keine. Insider sprechen angesichts von 3.000 Instrumenten p.a. von einem Zirka-Jahresumsatz von 500 bis 600 Millionen US Dollar und einem Nettogewinn von etwa 10%. Auch Europa-Chef Guido Zimmermann ließ sich gegenüber dem Forbes-Magazin im April d. J. keine Zahlen entlocken. Einziger Kommentar: Je nach Weltwirtschaftslage schwanke der Umsatz zwar, aber man sei zufrieden. Der zuletzt rückläufigen, globalen Nachfrage nach Klavieren sei man mit der neuen Spirio-Technologie begegnet, d.h. das Piano kann auch automatisch spielen. Die neue Kundenzielgruppe sind also keine Professionals, sondern Privatleute, die das Klangerlebnis zu Hause genießen wollen. Auf den Normalpreis des jeweiligen Modells kommen dann nochmals 50 bis 70.000.- Euro Preisaufschlag dazu. Konkret ist inzwischen gut ein Drittel aller Steinway Flügel und Klaviere mit dieser Technik ausgestattet, was schätzungsweise zur Hälfte des Umsatzes beiträgt.

2013 war Steinway schon einmal an der Börse gelistet und ein chinesischer Konzern wollte das Unternehmen vereinnahmen. Bisher wurde (daher) kein neuer Börsengang eingeläutet.

Über das Gelände durch alle Hallen bis in die Kantine

Der eineinhalb stündige Rundgang beginnt im Holzlager, wo es herrlich nach Wald riecht und eine kleine Ecke dem Gründer gewidmet ist. Sitka-Kiefer aus Alaska, die sehr langsam wächst und feinste Jahresringe aufweist, ist besonders gefragt. Feine Jahresringe sind später letztlich ein Garant für optimale Schwingungen; Wurzelhölzer für eine bestechend schöne Maserungs-Optik. Aber auch andere Hölzer aus aller Welt vom Schwarzwald bis Madagaskar ruhen in dieser „heiligen Halle“, der Schatzkiste des Unternehmens. Zum Teil wird jeder Stamm einzeln vor Ort in den Wäldern von eigenen Holzfachleuten ausgewählt. Gut zwei Jahre muß das Holz hier mindestens lagern, um entsprechend zu trocknen. Nur ca. 50% der Hölzer gehen aber letztlich in die Produktion, Reste und Verschnitt wandern in die hauseigene Heizkraftanlage.

Nun geht es in die Rim-Biegerei, so nennt man das geschwungene Biegen des Flügelkörpers. Ohne Frage eine sehr spezielle Technik, die maßgefertigte Maschinen erfordert. Bis zu 20 Schichten der zuvor dünn gesägten (und somit biegsamen) Holzbretter werden mit einem Kaurit-Ebonit-Gemisch miteinander verleimt und danach zügig in den Biegebock gespannt. Dafür stehen jeweils drei Mitarbeiter parat, die die ca. 80 Kilogramm schwere Platte anheben und von zwei Seiten her parallel einspannen. Nach etwa drei Stunden ist der Biegeprozeß abgeschlossen und die typische Flügelform sichtbar. Danach muß der geformte Rim bzw. die Randung erneut bis zu 100 Tagen in einem klimatisierten Raum trockenen, da die Verleimung wieder eine erhöhte Feuchtigkeit hinterlassen hat. Die Mehrfachschichtung der dünnen Holzschichten (jede max. 0,5 Zentimeter) trägt dazu bei, daß der Rim weiterhin frei schwingen, aber auch viel aushalten kann, wenn die Pianisten*innen später kräftig in die Tasten hämmern.

In der nächsten Halle geht es um Edelholzeinlagen und kunstvolle Schnitzereien, die einen Flügel zieren können. An der hinteren Wand sind dafür einige der schönsten Maserungen und Farbschattierungen ausgestellt.

Hauptakt der Fertigung ist jedoch die Vereinigung von Ressonanzboden, Gussplatte und Rim sowie das Einspannen der Saiten, also der Einbau von Klaviatur und Mechnik (letztere werden wie der Gussboden bei einer Tochterfirma hergestellt). Abschließend muß jede Taste manuell so abgestimmt bzw. eingestellt werden, daß sie beim Spielen exakt gleich schwer anschlägt. Egal, ob ein kleiner Klöppel für hohe Töne oder ein größerer Klöppel für dunklere Töne dahinter steht. Allein an dieser Vorregulierung arbeitet ein Spezialist pro Instrument bis zu 20 Stunden. Im Rahmen der späteren Stimmung wird bei Bedarf erneut reguliert und in einem weiteren Abstimmungsprozeß gar mit einem kleinen Öllämpchen an den Holzklöppeln geflämmt. Kein Wunder, daß 80% aller Tätigkeiten reine Handarbeit und die meisten Beschäftigten langjährige Mitarbeiter sind. Viele haben hier bereits ihre Ausbildung zum Klavierbauer absolviert und sind in der zweiten oder gar dritten Generation im Unternehmen.

Für ein Gespräch mit dem ein oder anderen Mitarbeiter bleibt leider kaum Zeit. Einer gestattet mir ihn zu fotografieren, was ansonsten nicht erwünscht ist. Gerade sei ein historischer Flügel hier zur Überarbeitung, was schon mal um die 100.000 Euro kosten könne. Das besagte Instrument scheint es offensichtlich wert.

Abschließend werden die Flügel-Neubauten mit einem Polyesterlack mehrfach lackiert, um den makellosen, sprichwörtlichen Hochglanzeffekt zu erzielen. 90% aller Flügel und Klaviere werden schwarz lackiert, wobei diese klassische Variante die „preiswerteste“ Gestaltung ist. Denn in den Regel gilt: Je ausgefallener die Wahl des Decorholzes und die Intarsien, umso teurer das Modell.

Natürlich gibt es auch noch eine optische und klangliche Endkontrolle, damit die typische Intonation garantiert ist, d.h. das Instrument so klingt, wie ein Steinway typischerweise klingen soll. Dazu wird u.a. mit einem dünnen Stäbchen in die Filzköpfchen am Ende der Klöppel bzw. Saiten gestochen. Die Spezialistin an meiner Seite, Sarah Claire, verfolgt dieses Finetuning mit besonders aufmerksamer Miene, denn sie weiß, daß die Töne i.d.R. umso weicher klingen, je mehr „Löcher“ in den Filz gestochen werden. Sie persönlich begrüßt diese Handhabung, da ihrer Meinung nach die Steinways im Verhältnis zu anderen Flügelmarken eher hart klingen. Die Intonation ist im Gegensatz zur Stimmung zwar nicht unmittelbar meßbar, aber in den Ohren der erfahrenen Pianistin läßt sich so eine größere Klangvielfalt erzeugen – sie schwört darauf, sie muß es wissen.

Während der Kaffeepause in der Kantine geht das Fachsimpeln weiter. Heute ist ohnehin ein besonderer Tag, denn am frühen Morgen war bereits Betriebsversammlung und alle CEOs des Unternehmens sind anwesend.

 

Finales Muß: das Klangerlebnis live 

Natürlich geht es nun noch in den gegenüber dem Produktionsglände liegenden Showroom am Rodenbarg 15. Hier im Flagshipstore werden ca. 40 Modelle präsentiert, die auf Nachfrage gespielt bzw. getestet werden können. Welche Werte dort stehen, kann man sich bei Preisen von 110.000 bis 245.000 Euro leicht ausrechnen. An den Wänden eine Fotogalerie berühmter Pianisten*innen wie Martha Argerich, Igor Levitt, Ludovico Einaudi und allen voran Lang Lang.

Wer kann, der darf. Sarah Claire hat nun spontan die Ehre, sich selbst an ein Prachtstück zu setzen. Alle verfolgen andächtig ihr kurzes Spiel – Applaus. Dann ein kleiner Touch auf das Tablet des Store-Managers und schon erklingt dieselbe Melodie erneut. Jedoch bewegen sich die Tasten am Flügel wie von Geisterhand – das ist die bereits erwähnte Spirio-Technologie. So kann sich der Kunde die besten internationalen Pianisten*innen direkt und authentisch ins Haus holen, ganz so als würde ein Künstler am Flügel sitzen. Die Spiriocast Livestreaming-Technologie erlaubt es, dass der Flügel die Darbietungen in Echtzeit abspielt und – letztlich – den Menschen samt (mühsames Erlernen) eines Instrumentes überflüssig macht.

Durch die Begegnung mit Sarah Claire habe ich eine neue Freundin gewonnen und zusätzlich zu den Informationen des versierten Guides viel über Klaviertechnologie bzw. die Gedankenwelt eines Konzertpianisten erfahren. Will man als traditioneller Flügelbauer am Markt bestehen, scheint es allerdings unabdingbar, sich auch ein Stück weit auf elektronische Kompromisse einzulassen. Hoffentlich ist dies nicht der Anfang vom Ende der eigentlichen Instrumentalkunst und humane Künstler gehören einer aussterbenden Generation an. Sarah verschwendet keinen Moment an solche Bedenken und tritt beseelt die Rückreise nach Salzburg an. Zu ihrem nächsten Konzert werde ich eine Einladung erhalten. Ihren Aussagen nach steht im Mozarteum ohnehin schon ein bräunlicher Flügel aus wunderschönem Wurzelholz, wie er er auch hier im Ausstellungsraum neben einem schwarzen und weißen Modell dargeboten wird.

Wie seinerzeit im Stradivari-Zentrum von Cremona würde ich gerne noch etwas an diesem Ort der Kunst und Verzauberung verweilen, aber da draußen wartet schon wieder die reale Welt. Mein Budget gibt leider keinen Steinway her. Aber man muß nicht unbedingt etwas besitzen, um sich daran zu erfreuen. 

 

 

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