Es kommt selten vor, daß meine Erwartungen bei einer Veranstaltung so übertroffen werden, wie es kürzlich beim „Burning MIC“ im legendären Indra-Club in Hamburg der Fall war, wo 1960 schon die Beatles ihren ersten Auftritt in Deutschland hatten. Was ich erwartet hatte, waren junge Comedians, die sich noch ausprobieren und allenfalls als „Rising Stars“ bezeichnet werden können. Was geboten wurde, waren reife Programmausschnitte mit Publikumsinteraktion und einer Stand-Up Comedy Runde zum Thema Moms and Dads vom Feinsten – einschließlich des wunderbar-brillanten, in Paris geborenen Schauspielers mit nigerianischen Wurzeln „Ayo Akinnuroju„(@ayonymouss), der den gut besetzten kleinen Bühnenraum mit der kultigen Bar jederzeit gekonnt zu motivieren und die 10 Künstler im Wechsel zu präsentieren wußte. Die Darbietungen sind m.E. umso bemerkenswerter, als das bis auf zwei Künstler, nämlich der Brite „Sid“ und Halbamerikaner „Karl“, alle keine englischen Muttersprachler sind, und doch alle so genial mit Worten, Mimik und Intonierung jonglieren.
Am Einlass treffe ich statt auf meinen Kontakt Sam, auf Shahin, der ebenfalls zu der tollen Gemeinschaft von englischsprachigen Comedians aus verschiedenen Kulturkreisen gehört, die u.a. regelmäßig im Indra auftreten. „Burning MIC“, brennende Mikrophon trifft es genau, denn das Mirko brannte wahrhaft und das gemischte Publikum jauchzte und klatschte vor Amüsement – von einigen stillen Genießern mal abgesehen. Sei es in puncto versteckten Anspielungen mit viel schwarzem Humor oder angesichts stereotypischer kultureller Eigenschaften, die sich auf bestimmter Ebene alle mal wieder bestätigt fanden. Deshalb wird im Laufe des Programms auch immer wieder betont, daß sich hier alle „safe“ seien, man sich quasi in einem geschützten Raum befinde.
Aus Sicht der Expats wirkt es sehr befremdlich, daß die mittlerweile übervorsichtigen Deutschen, die  Rettung des Gemüts nur noch beim Yoga und einem Psychotherapeuten sehen; in der Tat braucht es wohl etwas mehr spontanen Humor und lockere Gefühlsausbrüche.

Just relax, have fun

Heute feiert die Burning MIC-Show quasi ihr 4-jähriges Jubiläum, denn sie wurde erstmals am 03.05.2022 veranstaltet. In den letzten vier Jahren haben Shahin Asmari und Jasmin Kettana 382 Shows organisiert und dabei mehr als 200 Comedian aus über 60 Ländern auf unsere Bühne präsentiert. Aktuell machen sie jeden Dienstag und Samstag Shows sowie am ersten Donnerstag im Monat und bieten damit die einzige wöchentliche Show in Norddeutschland, die nur auf Englisch ist.
Die Liste der auftretenden Comedians ist vorab nicht bekannt, aber hier sind alle Akteure dieses Abends:
  • Ayo Akinnuroju: Moderator des Abends mit 6 Jahren Comedy-Erfahrung und das in vier Sprachen, nämlich in Englisch, Deutsch, Spanisch und Französisch
  • Jasmin Kettana: Hamburgerin mit 4 Jahren Comedy-Erfahrung und Co-Host des Comedy-Formates
  • Sid Taylor: Comedian aus England mit Improtheater-Erfahrung, an diesem Abend das erste Mal auf der Indra-Bühne
  • Ian Shulman: Comedian aus der Ukraine mit 3 Jahren Erfahrung in Comedy
  • Kourosh Eftekhari: Comedian aus dem Iran, macht erst seit 4 Monaten Comedy
  • Manav Agarwal: Comedian aus Indien, 3 Jahre Comedy- Erfahrung
  • Matthias Ludwig: Comedian aus Hamburg mit jahrelanger Comedy-Erfahrung und Schauspieler
  • Haynes Cheng: Comedian aus Hong Kong, aufgewachsen in Kanada, seit 1 Jahr als Comedian aktiv
  • Karl Floit: Comedian aus den USA mit 8 Jahren Erfahrung in Comedy, seit 1.5 Jahren in Hamburg
  • Mai My: Comedian aus Vietnam mit über 6 Jahren Erfahrung in Comedy
  • Shahin Asmari: Comedian und Veranstalter des Burning Mic mit über 4 Jahren Erfahrung in Comedy

Sie alle sind – mal mehr, mal weniger – gnadenlose Kritiker des Zeitgeschehens oder auch mal der eigenen Familie, wie der Inder Manav („Tall for an Indian, small for a German“, Indian by birth, German by schedule“ – however „just Manv“) oder die geschiedene Working Mom Mai („eine Scheidung sollte jeder mal auf seiner Bucketlist haben“) oder die stets auf der Suche nach dem richtigen „Partner-Match“ plaudernde  Jasmin „Jazz“ Kettana, (tritt u.a. als Sprecherin beim Reeperbahn Festival und Nightwash auf) die manchmal auch die Show moderiert.
Überhaupt wurde das Single Dasein in Verbindung mit den Tücken verschiedener Dating-Plattformen mehrfach thematisiert. Ebenso häufig unter die Lupe genommen und ironisch kommentiert, die speziellen Hindernisse beim Erlernen der deutschen Sprache; insbesondere, wenn die Kinder sie besser beherrschen, als die Elterngeneration und das Vorlesen einer simplen Gute-Nacht-Geschichte wegen eines stotternden Eichhörnchens sich für Daddy wie ein Spießrutenlaufen vor der Einwanderungsbehörde anhört.
Auch SMS-Mitteilungen von Muttersprachlern mit verstümmelten Texten wie „Bin Bahnhof“  tragen nicht zu Verbesserung und Verständnis bei. Der Hongkong-Kanadier Haynes macht sich gerne über sein Aussehen lustig, da er entweder für den jüngeren Bruder von Jackie Chan oder einen Japaner gehalten wird, was immer wieder zu Verwicklungen führt … und und und.
Und ja, es ist schon schwarzer Humor pur, wenn man wie Jasmin Kettana beginnt, auf seiner eigenen Facebookseite über sich selbst negative Kommentare mit Klarnamen zu posten, oder? Und wer hätte gedacht, daß selbst Menschen aus dem arabisch-muslimischen Raum öffentlich süffisant über sexuelle Mißgeschicke witzeln können …“oh, my balls“.
Auch für den iranischen Newcomer „Kourosh“, der erst seit 3 Jahren in Deutschland lebt, war es ein guter Start mit ausbaufähigem Programm. Man merkt ihm noch eine gewisse Nervosität an, aber es fehlt nicht an Witz und Talent, sondern eher an Routine. Die Bretter, die die Welt bedeuten zu erobern, ist auch in diesem Genre ein hartes Brot. Die meisten Anfänger und unbekannte Comedians arbeiten oft monatelang ohne Gage oder nur gegen eine geringe Aufwandsentschädigung.
Ein Highlight ist es freilich, wenn langjährige Vollprofis wie Matthias Ludwig die Bühne betreten. Als Comedian ist er „ein gnadenloser Analytiker und ein Meister des schwarzen Humors. Mit einer sportlichen Mischung aus Intelligenz, Ehrlichkeit und provokanter Gesellschaftskritik trifft er sein Publikum genau dort, wo es am meisten wirkt: Im Kopf – und im Zwerchfell.
Dabei zeigt er wenig Ehrfurcht und macht weder vor Gott noch vor der Gürtellinie halt. Wer genau hinschaut, erkennt, dass auch hinter den bösen Witzen mehr steckt als nur Provokation. Am Ende geht es um die Suche nach Wahrheit. Und wenn es nicht so ein Klischee wäre, vielleicht sogar… Liebe?“

Ursprünge und lebendiges Element der Ethno-Comedy

Newcomer Kourosh ist als erster vor Ort und wir kommen vor Beginn des Events kurz ins Gespräch. Er ist erst vor drei Jahren aus dem Iran gekommen und bemüht sich in Deutschland Fuß zu fassen. Zwar ist er kein ausgebildeter Schauspieler, findet darin nach eigenen Aussagen aber seine Passion und ist so auf das Genre Comedy verfallen. Vor ihm liegen handschriftliche Aufzeichnungen, die er wiederholt durchgeht, um ja nichts zu vergessen. Leider werden wir durch einen Anruf unterbrochen. „Viel Glück“ und alles Gute für die Zukunft.

Am Ende treffe ich an der Bar nochmals auf Shahin Asmari, der gerade das furiose Finale gegeben hat. Sein Werdegang ist wirklich bemerkenswert und mittlerweile hat er über 100 Auftritte pro Jahr. Inhaltlich lag und liegt sein Hauptfokus immer auf Alltagsbeobachtungen und dem Leben von Expats in Europa, vor allem in Deutschland, also der klassische Kulturschock gewürzt mit dem Funkeln pikantem Humors.
Der gebürtige Iraner ist 2015 nach Deutschland gekommen, hat in Göttingen Anglistik studiert und ist seit 2022 in seiner Wahlheimat Hamburg als Comedian aktiv. Dem studierten englischen Philologen fehlte eine Bühne für englischsprachige Comedy – eine Marktlücke, die er kurzerhand selbst schloss und so zum  Gastgeber der  Stand Up-Show Burning Mic auf St. Pauli wurde.

Zunächst versuchte er es in Deutsch, und obwohl seine Sprachkenntnisse seinerzeit nicht so perfekt wie heute waren, war er trotzdem Gewinner einer Abendshow. Vor allem aber halfen ihm die Comedyauftritte seine Einsamkeit zu überwinden und neue Freunde zu finden. Und Deutschland bräuchte nach seinen Erfahrungen in der Tat etwas mehr Lachen.

Nicht zufällig trug sein erstes Soloprogramm den Titel „Von Teheran zur Reeperbahn“ und war im Grunde seine Lebensgeschichte. Vorkommnisse, die zum Zeitpunkt des Geschehens meist weniger lustig und unangenehm sind, entpuppen sich später häufig als genial-witzige, aberwitzige Geschichte. Davon kann sicher jeder ein Lied singen. „Zeit hilft einen Sachverhalt dann aus einem anderen Blickwinkel zu sehen“.

Er möchte niemanden verletzen und fragt sich deshalb immer bewußt, was Humor darf. Denn wer über andere Gruppen bzw. Minderheiten Witze macht, läuft Gefahr als rassistisch empfunden zu werden. Er ist kein Deutscher und auch kein gebürtiger Europäer. „Wenn ich Witze über mich selber mache, dann habe ich das Recht, darüber zu lachen“. Dabei hat er schon gemerkt, daß sich gerade das deutsche Publikum manchmal fragt, ob es über den ein oder anderen Gag lachen darf. Letztlich aber wisse man nie genau, wie Witze und spitze Formulierungen ankommen oder wo die Gürtellinie beginnt. Nach seiner Erfahrung ist es nicht nur eine Frage von Übung, sondern auch des Gespürs für das Publikum. „Ich glaube, daß es da keine Grenzen gibt“, es käme vielmehr darauf an, wie man etwas vorträgt; er nennt das „delivery“.

Die politische Lage im Iran verfolgt er aus der Entfernung und bezeichnet die Situation als schmerzlich und tragisch. Wie damit umgehen, wenn man angesprochen wird und wie selbst schlechte Nachrichten verarbeiten? „Es kling paradox, aber das einzige, was mir als Ablenkung hilft, ist Witze darüber zu machen“. Wir nennen das Galgenhumor.

Wir haben im Moment mehr als 50 Leute, die bei uns auf Englisch auftreten; sie kommen aus allen fünf Kontinenten, so Shahin. Viele reden über ihre Probleme in Deutschland, den Papierkram, die Deutsche Bahn, Sachen, die auch die Deutschen erleben. Auch die deutschen Mitglieder machen Witze über sich selbst. Wir lachen also nicht nur über Deutsche, sondern auch viel über unsere Herkunftsländer und deren Probleme. Am Ende der Shows bestätigen viele Gäste, das sich wohl gefühlt haben und gerne wieder kämen.

Fazit – gerne wieder

Ich kann nur sagen: „Wow, good show“. Schaut bei den Burning Mic -Shows vorbei und überzeugt Euch selbst von diesen tollen Comedians, egal ob sie Expats oder Deutsche sind, die in Englisch ihre gezielten Pointen präsentieren. Tickets gibt es im Vorverkauf schon ab 12.- Euro, an der Abendkasse ab 15.- Euro.
Als klassischer Deutscher zum Lachen in den Keller gehen? Nein danke! Humor ist ohne Frage eine soziale Brücke zwischen den Kulturen und schafft Identität. Das gelingt in intimer Live-Club-Atmosphäre eben besonders gut und es darf so lange geklatscht, gelacht und improvisiert werden, wie es die Situation verlangt; ganz ohne ein Team von Stimmungseinpeitschern, das Klatschdauer und Intensität vorschreibt wie bei mancher TV-Sendung.
Im Falle des Indra wird täglich ein abwechslungsreiches Programm aus Punk, Rock, Jazz, Singer-Songwriter, Burlesque, Jam-Sessions, Comedy etc. geboten.
Wo erlebt man noch die wahre Welt, wo jemand das sagt, was andere denken? M.E. finden ungefilterte Aussagen und Meinung gerade eben nur auf kleinen privaten Bühnen statt und nicht im deutschen Mainstream-Fernsehen. Wie passend lautet die Adresse des Clubs ja auch Große Freiheit 64. Vielleicht liegt es aber auch dran, daß man als „Ausländer“ eher dem Vorwurf des Rassismus entkommt. Wie auch immer, verstecken muß sich hier keiner und die Qualität der Darbietungen kann durchaus mit namhaften TV-Comedians gleichziehen. Indes geht es allen hier bevorzugt um die freie Rede bzw. die Offenheit der Worte. So, wie es sich auch mit den Artikeln im unabhängigen „Kunst und Kante Magazin“ verhält.
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