Der 837. Hamburger Hafengeburtstag 2026 mit der Gastregion „Liverpool“ ist schon wieder Geschichte. Und wie heißt es so schön: Wo viel Licht ist, ist meist auch viel Schatten. Trotz der vielen Fressbuden und Menschenmassen, gibt es doch immer wieder auch angenehme Ecken, wo sich so ein Großevent mit über einer Million Besuchern jedes Jahr aufs Neue genießen läßt.
Freitag
Am Freitag konnte man bei herrlichem Sonnenschein in Övelgönne u.a. den kleinen roten Leuchtturm per Sprossenleiter erklettern, im benachbarten Lieger das Morsen erlernen und eine Flaschenpost abschicken. Ich liebe den Lieger, weil man dort so entspannt bei sanften Geschaukel historische, maritime Schätzchen wie den Schwimmkran, alte Dampfschiffe, ja sogar einen ehemaligen Eisbrecher, etc. besichtigen und Ausfahrten damit machen kann. Zudem gibt es im Museumshafen dank vieler ehrenamtlicher Helfer lecker Kaffee und Kuchen zu kleinen Preisen.
Mal an einem Morseapparat, gekoppelt an einen digitalen Bildschirm, gesessen zu haben, ist eine interessante Erfahrung. Experte Dieter ist Amateurfunker, weiß um die Tücken des Morsealphabets und gibt hilfreiche Tipps. Dabei geht es weniger darum ein lockeres Handgelenk zu haben, als den Rhythmus bzw. den Abstand zwischen den kurzen Punkt- und längeren Strichmorsezeichen einzuhalten. Zum Beispiel beim Senden von S-O-S, 3x kurz , 3x lang, 3x kurz (Punkte). Aber Dieter ist gnädig und stellt nicht nur für erfolgreiche Versuche, sondern auch für Bemühungen eine kleine Teilnahmeurkunde aus. Zum Trost verrät er, daß die digitale Erfassung die minimalen Zeitabstände genauer erfaßt, als ein Mensch die Funkzeichen hören und doch auch in der langsameren Form verstehen würde.
Gleich am Nachbartisch hat Dorit Ehlers mit ihrer wiederentdeckten, liebenswerten Version der Flaschenpost bei Schiffssehnsucht voll ins Schwarze getroffen. Als erste Botschaft schreibe ich „Bottle ahoi, und immer eine Hand breit Wasser unter dem Kiel.“ Das nächste Mal schreibe ich besser „Bottle, komm‘ bald wieder, bald wieder nach Haus“. Dann werfe ich sie direkt in den neuen, festinstallierten Flaschenpostamt-Briefkasten im Museumshafen ein, der am 10.05. feierlich eingeweiht wurde. Mal sehen, was passiert. Denn diese moderne Form der Flaschenpost bringt Menschen zusammen ohne, daß sie auf einer einsamen Insel gestrandet und in Lebensfahr sind. Wer möchte, schreibt auf die Rückseite seiner Mitteilung seine Mailadresse. Mag sein, daß eine Antwort etwas länger dauert, aber wenn unsere reguläre Post die Versandlaufdauer noch weiter herunterschraubt, dann …




Die Einlaufparade, die ich stets gemütlich von zu Hause aus dem 16. Stock sehen kann, wirkte von oben etwas chaotisch, da hinter dem anführenden Feuerwehrschiff mit den drei mächtigen Fontänen und dem Tender Rhein größere Lücken entstanden, die auch die vielen Privatboote und kleineren historischen Segler nicht immer füllen konnten. Insgesamt nahmen vom Dampfschlepper bis hin zum Flußkreuzfahrtliner und Polizei-, Zoll-, Marine- und Küstenwachschiffen rund 250 Wasserfahrzeuge teil. Mit dabei auch Großsegler wie die „Eye of the Wind“ oder die „Mare Frisium“ aus Holland, überdies das BSH-Forschungsschiff „Atair“ und der Museumsfrachter „Cap San Diego“. Mein Highlight war der schnelle norwegische Großsegler „Statsraad Lehmkuhl“ mit Heimathafen Bergen. Diese 100 Jahre alte weiße Schönheit mit einer Segelfläche von über 2.000 qm war in den 70-iger Jahren Star der britischen TV Serie „Onedin-Line„; wenn dann die Titelmelodie im Trailer mit dem ergreifenden Adagio aus Spartacus von Aram Khachaturian erklang, war bzw. ist das bis heute Gänsehautfeeling.

Mein Flop des Tages war der – zumindest nicht unter der im Netz angegeben Adresse Große Elbstraße 9 – auffindbare Buddelschiffbauer Heiko Andresen. Wen auch immer ich fragte, egal ob Polizei, Ordner, ortsansässige Gastronome, in der alten Fischmarkthalle selbst, keiner wußte es. Einige bestätigten jedoch, daß schon andere Leute danach gefragt hätten, aber wo der Workshop tatsächlich stattfände? … schade, schade.
Samstag
Den Samstag lasse ich i.d.R. eher aus, weil sich da schon ab dem Vormittag die Massen über die Kais und Promenaden wälzen, obwohl dieses Jahr deutlich weniger Besucher als im Vorjahr vor Ort waren. Highlights waren sicher die Schiffstaufe des neuen hybriden Polizeibootes auf den Namen „Bürgermeister Nevermann“ und natürlich das Schlepperballett. Wenngleich m. E. eine etwas kürzere Choreographie ob der begrenzt möglichen Figuren- und Fahrmanövern in Linien und Kreisen vorteilhaft gewesen wäre, so gefiel mir die Musikauswahl inklusive der englischen Titel wie „Penny Lane“ recht gut.
Ein absolutes Trauerspiel jedoch war der Platz „Kajen 4„, der den Vertretern von Liverpool zugewiesen wurde. Ein zugiges Eck unter der Hochbahn mit wenigen Ständen, die laut Internetprogramm mit allen möglichen Aktionen angepriesen wurde, die sie gar nicht hatten und auch nichts davon wußten. So gab es einzig am Beatles Stand Virtuel Reality Brillen; die Stadt oder die Mersey Ferries ließen sich so nicht entdecken. Und wenn nebenan eine Band spielte, konnte man sein eigenes Wort nicht verstehen, die armen mitgereisten Engländer! Ein Hingucker war einzig der bunt bemalte Minicooper.
Überhaupt läßt sich über Geschmack ja nicht streiten, aber die vielen Musikbühnen konkurrieren eher untereinander und die Lautstärke verjagt den letzten nicht schwerhörigen Musikliebhaber. Dabei geht es offensichtlich nur darum, die Besucher möglichst lange zwischen den Buden bzw. zum Konsumieren anzuhalten. Ab 22.00 Uhr ist es dunkel, aber das Feuerwerk startet erst um 22.45 Uhr?
Sonntag
Dieser Tag startet für mich bevorzugt mit dem Ökumenischen Gottesdienst, der um 10.00 Uhr am Heck eines deutschen Marineschiffes (dieses Mal „Tender Rhein“ A 513) an der Überseebrücke stattfindet. Die ca. 45 Minuten dauernde Zeremonie hat viel Leben, da sie musikalisch jedes Mal von einem Heeresmusikcorps und den beiden Pfarrern T. Stemmer und E. Raunig begleitet wird. Dieses Mal waren die Gebete und Fürbitten besonders umfangreich, da auch eine britische Marinepfarrerin mit von der Partie war. Und natürlich wurde neben der Europa-Hymne „Oh, Du schöne Götterfunken“, dementsprechend auch „Pomp and Circumstances“ von Edgar Elgar gespielt.
Mit extrem viel Humor trifft gerade der evangelische Militärkaplan Ernst Raunig immer den richtigen Ton für eine solche Veranstaltung. Zwar fiel das eigentlich vorgesehene amüsante Gebet des Psalm 23 in der Seemannsfassung aus, aber auch so waren die Predigtverse alle überaus stimmig. Raunig ist Marineseelsorger mit „Leib und Seele in guten wie in schlechten Tagen“. Von diesem Mann möchte man im Kreise seiner Lieben im Zweifelsfall begraben werden. Mit seinem rheinisch-hanseatischen Zungenschlag ist er ein Licht am Horizont. Danach gabs für alle Teilnehmer traditionell Erbsensuppe mit Würstchen gratis (genannt Kirchencocktail), serviert vom netten Küchenteam des Tenders Rhein. Dabei kommt man mit vielen Besatzungsmitgliedern ins Gespräch; auch vom britischen Nachbarschiff, der Fregatte HMS Sutherland mit Heimathafen Plymouth.




An Deck der Sutherland, die mit dem typischen Sutherland-Tartan (ein grün-blau-rot-weißes Karomuster) firmiert, liegt nicht nur ein 1,50 Meter langes Torpedo zur Ansicht (60 Stück dieser knapp 100 Kilogramm schweren und ca. 80 Stundenkilometer schnellen Unterwasserwaffen sind an Bord), es wird auch von zwei schnittigen Soldaten mit Maschinengewehr bewacht. Als Typ-23-Fregatte mit einer Maximalgeschwindigkeit von 35 Knoten/ 65 Stundenkilometern ist die besagte Fregatte für die U-Boot-Jagd und als schneller Eskortierer konzipiert. Sie gilt als eine der am besten bewaffneten Fregatten der Royal Navy. Zur Hauptbewaffnung gehören z.B. Flugabwehrraketen Typ Sea Wolf (Punktverteidiung), zwei Vierfachstarter für Harpoon-Lenkwaffen und zwei Doppelrohre für Sting Ray Torpedos für die U-Bootjagd. Auch ein „faltbarer Hubschrauber“ findet bei Bedarf im Innern Platz.




Die Marinesoldaten sind an allen zugänglichen Stationen sehr gesprächig und kommen aus allen Teilen des Landes. Sie scheinen zufrieden und stolz, hier an Bord zu sein, auch, wenn das Kriegsschiff manchmal 6-9 Monate mit 200 Mann (ca. 20 davon sind Frauen) im Einsatz in Krisengebieten unterwegs ist. Aus jedem automatischen Geschützturm können 23 große Missiles pro Minute geladen bzw. abgeschossen werden. Etwas später treffe ich noch einen der maßgeblichen Waffenoffiziere an Bord, der auf seinen Schulterklappen die gestickten Goldbuchstaben AWW (Above Water Warfare) trägt. Selbstbewußt sagt er: „Yes, it’s me, who …. Zum Abschied drückt mir ein Kadett die Hand: „Thank you for visiting us“ und „nein, an Bord geht es bei uns nicht immer so locker zu wie heute“. Well, you all take care and good luck.





Dann heißt es anstehen (ausnahmsweise), weil das 2020 in Dienst gestellte Forschungsschiff ATAIR, das an den Landungsbrücken liegt, nur selten besichtigt werden kann. In Kleingruppen geht es im Schiff auf und ab: zu Werkstätten, Maschinenräumen, der zentralen Steuerstelle, zu Außenanlagen der Luftqualitätsmessung, der Brücke usw. Die Stammmannschaft an Bord besteht aus 16 Personen; hinzu kommen je nach Aufgabe und Anforderungsprofil ggf. weitere Forscher*innen. Zu den Hauptaufgaben der Atair (z.Zt. modernstes Spezialschiff des Bundesamtes für Schifffahrt und Hydrographie) gehören Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsaufgaben jeglicher Art im Nord- und Ostseeraum. Sie dienen vorwiegend zur Datenerstellung und Aktualisierung von Seekarten und zur Überwachung der Meeresumwelt. Manövriertechnisch ist sie sowohl mit mehreren Bugstrahlrudern, als auch einem Kreiselstabilisator ausgestattet, um das Schiff bis Windstärke 8 und starker Strömung exakt auf Position zu halten.
An Bord hat jeder eine 14 qm Kabine inkl. Bad/ WC; als Freizeitbeschäftigung gibt es Fitnessraum und Sauna. Nach 14 Tagen Arbeit an Bord hat die Crew vier Tage frei. Trotz modernsten, digitalen bildgebenden Verfahren wie Seiten- und Fächersonaraufnahmen, kommen regelmäßig Wracktaucher zum Einsatz, um sich vor Ort ein präzises Bild zu machen. Das bedarf einer speziellen Tauchausrüstung (allein der Helm kostet um die 6.500.- Euro) und aus Sicherheitsgründen einer Dekompressionskammer an Bord. Besonders interessant die Luftprüfstation am Bug, um vorbeifahrende Schiffe auf den zulässigen Maximalausstoß von CO2 zu checken, etc. Bei Überschreitung – z.B. durch Betankung von Schweröl statt modernem Schiffsdiesel – ergeht umgehend eine Meldung an die Behörden und es droht eine beträchtliche Strafe von mehreren tausend Euro.
Kurz und bündig
Der Hafengeburtstag ist seit vielen Jahren für Hamburger und Gäste durchaus eine informative Gratisveranstaltung, wenn man zuvor genauer das Programm sichtet und dem überteuerten, meist schmuddeligen Fressbudenteil und den Massen aus dem Weg geht. Ahoi!
p.s. Dienstag
Eine Art maritimes Ereignis ist auch die Freilassung der Schwäne aus dem Winterquartier, was sich dieses Jahr wegen Vogelgrippefällen im März um mehr als vier Wochen verzögerte. Doch seit dem 12. Mai schwimmen rund 100 dieser anmutigen, manchmal auch zänkischen Wasservögel, wieder munter auf den Alsterkanälen. Ohne sie würde – ähnlich den Höckerschwänen der „Royal Swannery“ in Dorset – Hamburg etwas fehlen.
