

Wie erzählt man die Geschichte einer Kirche?
Die Macher von Luminiscence
Die Umsetzung ist bei aller Erfahrung und Routine leichter gesagt, als getan, denn in jedem Raum gibt es andere Herausforderungen. Laut dem Technik- und Soundspezialisten Meloh (38 Jahre) war gerade die ovale Raumanordnung architektonisch sehr speziell und nicht mit einer gotischen Kirche und ihren langen Fluchten vergleichbar wie in Münster oder Nürnberg. Sehr vorteilhaft im Oval hingegen ist die Anordnung von Stühlen und Bänken sowie der großen Emporen, weil man so von vielen Stellen aus eine gute Sicht hat. „Das erlaubt große Bilder und macht die Inszenierung im Michel dank der gigantischen Orgel, zur bisher größten Luminiscence-Darbietung in Deutschland„.
Nicht minder wichtig, so Langheld, sei die Erzählung aus der Ich-Perspektive. Da kann ich nur zustimmen, denn als Zuschauer*in oder Kirchgänger*in erhofft man sich in einem Gotteshaus nicht nur Segen, sondern oft auch Eingebung respektive Erleuchtung in Form einer (inneren) Stimme. Deshalb war die Wahl der Stimme bzw. des Sprechers auch hier mal wieder besonders wichtig.
Auch Ben Becker hat geradezu einen magischen Bezug zu Kirchen, nutzt sie immer wieder als Kulisse für seine dramatischen Soloauftritte wie bei „Ich, Judas“ oder „Todesduell“. Auch, wenn dieses Mal keine geistlich-spirituelle Geschichte, sondern die historisch-architektonische Entwicklung des Michels und Hamburg erzählt wird.




Live Eindrücke, die haften bleiben
Es soll Leute geben, die sogar zu „Wiederholungstätern“ werden oder am Ende noch eine ganze Weile sitzen bleiben, um die Wucht der Darbietung vor dem Nachhauseweg noch sacken zu lassen. Entscheidend dürfte u.a. auch der Blickwinkel auf das Geschehen sein, also wo man sitzt. „Je weiter man vom Zentrum weg sitzt bzw. je höher, umso eher hat man den Gesamteindruck; sitzt man näher dran, sieht man vielleicht mehr Detailles, meint Langheld. Ich sitze auf halber Höhe nahe der Südempore und habe so den ultimativen Blick auf die Hauptorgel und den Chor gegenüber. Je tiefer man sitzt, um so mehr gilt es später seinen Blick nach oben zu richten.
Im Rahmen des eigens für die Show komponierten bzw. arrangierten Soundtracks erklingt zur Einstimmung zunächst Händels Harfensolo in B-Dur mit zarten, aber glasklaren Tönen. Der 12-köpfige Chor unter der Leitung von Sängerin Lucia Duchoňová, die auch die Musiken arrangierte und kuratierte, bereichert die Spährenklänge und erinnert in Passagen gar an Gregorianische Gesänge. Dazwischen neben Bach u.a. Vivaldi, Händels Wassermusik – mal lauter mal leiser. Schon im Vorfeld des herannahenden Zweiten Weltkriegs donnert Bachs Toccata und zur Imitation des Bombenhagels im Sommer 1943 heulen Sirenen auf, kreischen Flugzeugmotoren und sind Explosionen zu hören. Wie durch ein Wunder widerstand der Turm des Michel seinerzeit jedoch und neue Hoffnung keimte auf.
Analog zum jeweiligen Zeitgeschehen wandern Symbolbilder durch den Raum: wechselnde Jahreszeiten, eindringendes Sonnenlicht, nächtlicher Sternenhimmel, Risse in der Wand, geometrische Figuren, aufstrebende Baugerüste, viel Backstein und schließlich eine Art „Jüngstes Gericht“ bzw. das Grande Finale, bei dem der Wolkenhimmel durchsetzt mit gleißenden Lichtstrahlen und goldenem Sternenstaub regelrecht aufreißt und die Zuschauer für einen Moment wie betäubt zurückläßt. Dann begeisterter Applaus.
Einzig der Boden wird nicht von der Lichtinstallation erfaßt, was z.B. beim digitalen Museum „Port des Lumiéres“ aufgrund anderer räumlicher Gegebenheiten möglich ist und den Betrachter angesichts ähnlicher Opulenz fast schwindlig werden läßt.
Natürlich können die dargestellten Phasen nur eine grobe Übersicht bieten und bilden nicht die vollständige Geschichte des Michels ab. Und doch finden auch kleine Episoden Erwähnung, wie die Einsetzung des ersten Türmers 1661. Dazu Langheld: „… Es ist keine vollständige Geschichte und auch nicht streng chronologisch. Wir wählten für die 53 Minuten gemeinsam mit der Kirche diejenigen Punkte aus, die wichtig sind und die sich poetisch gut erzählen lassen … also Entstehung, Zerstörung, Wiederaufbau und ein Stück Stadtgeschichte“.

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Die Technik – Behind the Scenes
Wie läuft der Prozess ab, bevor überhaupt die erste Projektion entsteht? Insgesamt sind rund 20 Entwickler an dem Projekt beteiligt. Laut Experte Meloh ist der erste Schritt rein technischer Natur. D.h. „…. bevor auch nur ein Effekt entworfen wird, gehen wir in die Kirche, machen einen 3D-Scan und vermessen den Raum mit einem Lasersystem. Daraus entsteht ein virtuelles 3D-Modell, eine Punktwolke. So können wir schon vom Computer aus jedem Winkel sehen, was, wo passiert. Videomapping funktioniert eben nur dann, wenn Inhalt und Architektur exakt aufeinander abgestimmt sind. In dem virtuellen Modell wird zudem festgelegt, welche Flächen überhaupt bespielt werden. Auf dieser Basis simulieren wir bereits digital die spätere Projektion bzw. legen virtuell Projektor auf Projektor und berechnen so Projektionswinkel, Distanzen, Bildgrößen und Überlappungen. Erst dadurch lässt sich bestimmen, wie viele Projektoren benötigt werden, welche Optiken zum Einsatz kommen und wo die Geräte physisch im Raum stehen müssen. Diese stehen überwiegend zwischen den Säulen und projizieren jeweils auf die gegenüberliegenden Flächen. “
„Parallel dazu beginnt die Recherche und die Aufarbeitung der Historie, immer in enger Abstimmung mit der Kirche. Die kennt ihre eigene Geschichte natürlich am besten. Uns ist wichtig, daß Technik, Musik und Stimme nicht einfach später über den Raum gelegt werden, sondern möglichst aus ihm heraus entstehen …“.

Langheld ergänzt: „Vom 3D-Scan bis zur Realisation braucht man mindestens ein halbes Jahr. Beim Michel hatten wir noch etwas mehr Vorlauf, weil der Ort so besonders ist. So wurden mehr als zwei Dutzend Hochleistungsprojektoren installiert und zahlreiche Server für das 360-Grad-Videomapping eingesetzt. Wir sind über mehrere Monate vor Ort und wollen die normalen Abläufe nicht stören. Beim Michel finden ohnehin schon viele Veranstaltungen statt …“
Beim Indoor-Videomapping wird der Raum zur 3D-Leinwand; man ist mittendrin, nicht nur davor. „Um das Gebäude nicht einfach nur anzustrahlen, muß man die Architektur sehr genau verstehen und die Projektoren millimetergenau auf Silhouetten, Bögen, Säulen und Figuren ausrichten. Dafür braucht es viel Zeit und Gespür fürs Detail“, so Meloh. „Für den finalen Aufbau der Technik und sonstige Vorbereitungen brauchen wir knapp zwei Wochen, sonst würde die Präzision darunter leiden.“
Eine der Herausforderungen war laut Meloh z.B. auch die Raumtemperatur, denn eine Orgel verstimmt sich mit wechselnder Temperatur. Deshalb mußte die musikalische Untermalung so vorbereitet sein, dass sie zur Orgel passt. Um die Abläufe in der Kirche so wenig wie möglich stören, passierte Vieles nachts. Eine Kirche hat zudem kein „Lade-Dock“ wie eine Veranstaltungshalle, da muss alles Schritt für Schritt und mit Vorsicht hineingebracht werden. Man kann auch nicht einfach etwas aufhängen; die Technik wird meist gestellt oder höchstens an Säulen befestigt – alles möglichst unsichtbar“.
„In Hamburg ist es im Sommer außerdem sehr lange hell. Deshalb starten wir im Juli und August erst spät am Abend, weil es vorher nicht dunkel genug ist – gerade in so einem hellen Raum wie dem Michel. Weil viele Hochleistungsprojektoren, Lautsprecher und zusätzliche Beleuchtung eingesetzt wird, muß auch immer zusätzlicher Strom in die Kirchen gebracht werden …“
Wie das nächste Projekt aussehen könnte, ist offiziell noch nicht entschieden. Langheld fände den Kölner Dom super cool, sagt aber auch, daß es noch andere spannende Orte gäbe. Mehr will man dazu ebenso wenig sagen, wie zu der Höhe der Installations-/ Produktionskosten einer solchen Luminiscence Show.
Warum der Name Luminiscence und für wen ist LUMINISCENCE gemacht?
Unter Lumineszenz versteht man die Emission, also die Aussendung/ Abgabe von Licht durch Stoffe, die nicht auf einer Temperaturerhöhung beruht. Stattdessen wird das Phänomen durch die Zufuhr von äußerer Energie (wie Licht, chemischen Reaktionen oder elektrischem Strom) ausgelöst, weshalb es umgangssprachlich auch als „kaltes Leuchten“ oder Nachleuchten bezeichnet wird.
Sieht man sich im gut gefüllten Rund um, sind – abgesehen von Kindern unter 10 Jahren – alle Altersklassen vertreten, was auch an der späten Uhrzeit liegen mag. Wenn es ab Anfang September früher dunkel wird, beginnen einige Veranstaltungen schon um 20.00 Uhr. Dennoch sind es überwiegend ältere Menschen, die den Michel wahrscheinlich schon lange begleiten und für die er besondere Bedeutung hat. Und selbst wer nur zufällig entlang der „Englischen Planke“ am Michel vorbeikommt, kann von außen sehen, wie sich das gewaltige Werk in den Kirchenfenstern spiegelt und Laute vernehmen, die durch die Mauern dringen; sie sprechen lassen.
Hinweis: Auch im Falle von Restplätzen kann man vor Ort mangels Abendkasse keine Karten erwerben. Tickets sind nur vorab im Internet über Eventim oder Tourismus Hamburg (Erwachsene ab 30.- Euro) erhältlich. Ansonsten hilft ein sehr aufmerksames und freundliches Platzanweiser/ Security Team gerne weiter. Die Vorstellungen finden i.d.R. von Mittwoch bis Sonntag noch bis 13. September jeweils um 22.00 Uhr statt. Einen Teil der Einnahmen spendet Banijay übrigens an St. Michaelis zur Erhaltung und Instandhaltung des Kirchenschiffs.
Anmerkung: Fotos PFritz, enthält neben allgemeiner Information auch Werbung
