Die Urlaubsplanung steht an und damit die Entscheidung, welcher Art der Urlaub sein und vor allem, wohin es gehen soll. Vielleicht doch mal eine Flußkreuzfahrt oder gleich eine Hochseereise machen?
Dabei muß man die Katze nicht im Sack kaufen, denn einige Veranstalter/ Reedereien bieten Schnupperstunden an Bord an. Warum vor Buchung einer Kreuzfahrt also nicht das Schiff testen, sich ein Bild vom Bordleben machen und sich die Kabinentypen vorab genauer ansehen?
Ist eine Seefahrt immer lustig und schön?
Vor allem sollte man sich – abgesehen von der Reiseroute – nicht ausschließlich vom (Grund)Preis leiten lassen. Ob man wirklich eine Massenkreuzfahrt buchen will, wo man von der ersten bis zur letzten Minute aus irgendeinem Grund mit 2.000 bis 3.000 anderen Mitstreitern Schlange steht, sollte man sehr genau abwägen. Seit meinem Umzug nach Hamburg habe ich täglich den Ausblick auf eines der Cruise Center, wo sich die Einschiffung auf den Megalinern – bei jedem Wetter, teils mit Warteschlangen außerhalb des Terminals – über mehr als vier Stunden hinzieht. Zwar locken gerade die großen Schiffe über 100.000 BruttoRegisterTonnen (BRT) mit günstigen Preisen, aber ist ein Schiff erst einmal unterwegs, gibt es kein Entrinnen, dafür umso häufiger Mitreisende, die es an Anstand und adäquater Kleidung missen lassen. In Sandalen zum Captains Dinner oder in kurzen Hosen in den Speisesaal, ist für mich ein No-Go und fällt nicht unter die Bezeichnung „leger“. Ebenso sollte man den Begriff „gute, lockere Atmosphäre“ nicht mit Partygegröle a la „Malle auf See“ verwechseln. Selbst der Preis, sprich die Wahl einer höherwertigeren Kabine, ist da nur bedingt eine Alternative, denn beim Ein- und Ausschiffen, während der üblichen Mahlzeiten (abgesehen von gesondert zu zahlenden Gourmetlocations) und den Landausflügen etc. treffen ja alle wieder zusammen. Überhaupt bevorzuge ich gerade abends an Bord einen eleganteren „Genuß-Stil“, deshalb wählt man ja schließlich dieses bequeme Transportmittel. Da darf es abends schon ein Cocktailkleid sein, die Herren dürfen gerne Einstecktuch und ein leichtes Sakko tragen. Die Besatzung ist ja auch nicht im T-Shirt, sondern in Uniform und Livrée unterwegs.



Welche Alternativen bieten sich?
Als ich u.a. über Kreuzfahrten nach Grönland und in die Arktis im Allgemeinen recherchiere, stoße ich auf die kleine MS HAMBURG, die für Plantours unter der Flagge der Bahamas fährt. Das 1997 in Wismar gebaute Schiff mit der Eisklasse E2 kann aufgrund einer Rumpfverstärkung eine durchgehende Eisdecke von gut 0,5 Metern durchbrechen. 2020 wurde es modernisiert und wird im Herbst 2026 ein erneutes 6-wöchiges Facelifting in Istanbul erhalten. Mit einer Länge von 144 Metern, 21,5 Metern Breite und einem Tiefgang von 5 Metern beläuft sich das Raumvolumen der Hamburg „nur“ auf 15.000 BRT. Die 197 Kabinen bieten maximal 400 Gästen Platz. In Relation zu den 150 Besatzungsmitgliedern ein ziemlich optimales Verhältnis von 1:2,5.
ZUM VERGLEICH: die inzwischen außer Dienst gestellte königliche Yacht „Britannia“ ist 125 Meter lang und 15 Meter breit. Die „Queen Mary II“, auf der ich auch schon kurz zu Gast war, hat eine Länge von 345 Metern, ist 40 Meter breit und ragt gut 62 Meter über die Wasserlinie hinaus, was etwa 23 Stockwerken entspricht. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 50 Stundenkilometern ist sie gegenüber der Hamburg mit etwa 21 Stundenkilometern extrem schnell. Aber man muß sich den Platz eben auch mit bis 2.600 Passagieren teilen.




Klein, aber fein? Ja, auch ein kleines Schiff kann genügend Abwechslung, jeglichen Service und Unterhaltungsprogramme bereithalten, wie Friseur, Massage, Bibliothek, Vorträge, TV, Internet, diverse Bars und Salons, Livemusik, Fitnessraum, einen beheizten Süßwasser Außenpool, Sauna, Whirlpool, ein Hospital etc. Mit einem ähnlich dimensionierten Schiff habe ich 1986 gar eine Reise um die Welt durch den Pazifik – samt Hurrikan der Windstärke 11 – gemacht und habe in den 45 Tagen nichts vermißt.
Über die MS Hamburg sagt man zum Beispiel, daß sie das exakte Gegenteil der großen „Megaliner“ sei. Ich nenne diese schwimmenden Monster, die nicht mehr wie Schiffe, sondern wie Häuserblocks aussehen, meist „Halli Galli Gambling Halls“. Dabei gehört nicht von ungefähr zur Geschäftsstrategie der Reedereien (insbesondere in den USA) mit Glücksspiel an Bord zusätzlich Geld zu verdienen.
Bei dem kleinsten deutschen Kreuzfahrtschiff mit Expeditionscharakter stehen Individualität, Naturerlebnisse und eine familiäre Atmosphäre im Vordergrund. Kein Trubel, keine Animation oder Wasserrutschen, dafür persönliche Betreuung durch die Crew. Die Bordsprache ist Deutsch, wenn auch die Besatzung aus Osteuropa und Asien kommt.




Gerade kleinere Schiffe können Routen abseits der üblichen Touristenströme fahren und entlegenere Regionen oder interessante Flußgebiete wie den Amazonas oder den St. Lorenz Strom ansteuern. Diese sind für viele andere Schiffe kaum erreichbar oder es muß jedes Mal langwierig ausgebootet werden, weil die Kaianlagen zum Andocken zu kurz sind etc. Bordeigene Zodiacs (robuste Festrumpfschlauchboote mit leistungsstarken Motoren) und Fahrräder ermöglichen zudem spontane individuelle Landausflüge.
Der kleine Nachteil, daß es keine Balkonkabinen (bisher nur 2 Suiten mit Deckzugang am Bug, die eher dunkel und rustikal wirken) gibt, wird demnächst weitgehend ausgeglichen. Einige der schön geräumigen Außenkabinen werden mit Infinity-Fenstern ausgestattet, die sich dann ungefähr bis auf Taillenhöhe elektrisch öffnen lassen. Bilder davon sind schon veröffentlicht und sehen entsprechend stylisch aus.
Einschätzung von Theorie und Praxis
Ob die Realität hält, was die Werbung verspricht, davon wollte ich mich selbst überzeugen. Regelmäßig bietet Plantours für Jedermann/ -frau nämlich mehrstündige Besichtigungstermine inkl. Mittagessen an Bord an. Begrüßt werden die temporären Gäste mit einem Cocktail oder einem Gläschen Sekt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde einiger Mitarbeiter*innen durch Kreuzfahrtdirektorin Olga Bozhko, die seit 2011 auf der Hamburg ist, kann sich jeder vorab angemeldete Gast für gut eine Stunde frei auf dem Schiff bewegen. An einigen Punkten stehen Plantours-Mitarbeiter für Auskünfte bereit. Nur die Brücke ist leider nicht zugänglich und auch Captain Maksym Dolgov gibt sich nicht die Ehre; die Auszeit sei ihm gegönnt.




Die unterschiedlichen Kabinentypen sind durch kleine Luftballons gekennzeichnet. Zu sehen sind: Einzel-, Doppel-, Dreibett-, Innen- und Außenkabinen mit großen und kleinen Bullaugen bzw. Fenstern sowie zwei Mehrraumsuiten; darunter auch eine Option mit extra großem behindert gerechtem Bad. Alle wirken recht gemütlich und sind mit 14-16 qm etwas geräumiger als der Durchschnitt auf anderen Schiffen. Durch einen meist quadratischen Schnitt – statt einem schmalen Schlauch – wirken auch die Innenkabinen ansprechend. Gerade auf Nordlandfahrten, wo im Sommer die Sonne fast nie untergeht, bevorzugen einige Passagiere zugunsten des Schlafrhythmus die völlige Dunkelheit einer Innenkabine.
APROPOS: Wer dem Seegang (trotz Stabilisatoren) möglichst aus dem Weg gehen will, dem sei nicht zur teuersten Kabine auf einem der oberen Decks in Richtung Bug geraten, sondern möglichst weit unten Mittschiffs in U2 oder generell da, wo sich auch das Hospital befindet, weil dort im sog. Metazentrum das Schiff i.d.R. am stabilsten im Wasser liegt.
Bei einer kleinen Pause am Pooldeck treffe ich auf einen spanischen Sänger aus Cordoba. Er ist seit kurzem als Künstler an Bord und schwärmt noch von der vorangegangenen Ostseereise bei bestem Wetter. Unvermittelt kommt er auf die gute Stimmung unter der Besatzung und den Künstlern zu sprechen; alle hätten stets ein Lächeln auf den Lippen und würden sich gut verstehen. In der Tat fällt die Freundlichkeit, ja fast Besorgtheit um das Wohlergehen der Gäste, auf. Einige der heutigen Besucher scheinen schon im hohen Rentenalter und mit der Orientierung etwas überfordert. Aber eine „Irina“ oder „Svetlana“ hat möglichst diskret ein Auge darauf und kümmert sich gerne, wenn es ein solches oder anderweitigen Problemchen gibt.




Gerade im Restaurant auf Deck 3 (grundsätzlich kann wahlweise mit Bedienung an den 8-Personen-Tischen oder oben am Pooldeck-Buffet gegessen werden) fällt die großzügige Zahl an Kellner*innen auf, die für einen reibungslosen Service sorgen. Zügig, ohne laute Worte und vor allem aufmerksam geht das Servieren des Wahl-Menus (Vorspeise, Suppe, Hauptgang, Dessert) vonstatten. Es wird nachgeschenkt und höflich nachgefragt, ob alles in Ordnung sei, noch etwas gewünscht werde. Da wird auch mal der Stuhl für eine Dame abgerückt und gekonnt die aufgefaltete Stoffserviette vorgelegt. Ein wenig Laufhilfe hat die Crew dabei durch zwei Rolltreppen, die ins Unterdeck zur Küche führen. Auch hier fallen relativ entspannte Gesichter auf, was authentisch und nicht aufgesetzt wirkt. Die Portionen sind übrigens angenehm dimensioniert. Es wird jederzeit gerne nachgelegt, aber bewußt ohne „All-you-can- Eat“ Charakter. Ein Buffet wurde für die Tagesgäste verständlicherweise nicht arrangiert. Da soll es – wie anders wo oft auch – wahre Schnitzkünstler an Bord geben, die Früchte und Salate in kleine Kunstwerke verwandeln. Am Ende mache ich noch einen kleinen Streßtest und bestelle zum Tiramisu statt Kaffee ein Glas Rotwein. Kommt prompt.
GOSSER VORTEIL: es wird in einer Sitzung serviert und die fast bodentiefen Panoramafenster im Restaurant erlauben von überall aus einen Blick aufs Wasser oder die vorbeiziehende Küstenlinie. Desweiteren kann der Gast wählen, ob er vorab ein Getränkepaket buchen will oder alle Ausgaben lieber einzeln auf das Bordkartenkonto (in Euro) schreiben läßt, das am Ende ausgeglichen wird. Das schafft einen möglichst großen individuellen Freiraum.
Die Qualität der Speisen kann mit jedem guten Restaurant an Land und anderen Kreuzfahrtschiffen mithalten. Vor allem der Geräuschpegel im Raum ist relativ gedämpft. Ich meine das beurteilen zu können, denn ich habe über 50 Jahre hinweg schon viele Kreuzfahrten auf unterschiedlichen Schiffen und Großfähren gemacht. Hier im Hauptrestaurant fehlen mir allerdings kleinere Zweier- oder Vierertische, die es anderenorts an Bord wie in der Weinbar oder an Deck aber gibt.

Was die anstehende Renovierung bzw. Modernisierung betrifft, kommt diese sicher zum richtigen Zeitpunkt, denn gerade ein Schiff der gehobenen Mittelklasse muß nicht nur sauber sein und allen Sicherheitsbestimmungen genügen, es muß auch entsprechend gestaltet sein und darf, bei aller Gemütlichkeit, auf keinen Fall altbacken oder abgenutzt wirken. Mit der Zeit gehen heißt nicht, dem Mainstream hinterher zu laufen, aber gerade Wiederholungsgäste freuen sich immer über optische Neuerungen und kleine Überraschungsmomente. Viel Glas- und Spiegelelemente sowie helle Farben schaffen Leichtigkeit, eine optische Raumvergrößerung und somit ein angenehmes, großzügiges Wohngefühl. Auch etwas mehr Grün an Bord wäre aus meiner Sicht wünschenswert, vor allem im sog. Palmgarten, wenn er schon so heißt. Es muß ja nicht gleich ein Außendeck mit Naturrasen sein, wie es auf einem der großen britischen Schiffe der Fall ist.
Fazit – auf ein Offenes Wort
Wie man ein Schiff einstuft bzw. eine Kreuzfahrt empfindet, hängt natürlich nicht nur von der Ausstattung und dem Engagement der Crew ab, sondern erheblich von der Route, den Wetterverhältnissen, der Dauer, dem Alter, dem eigenen Anspruch und den Mitreisenden.
Die Rezeption ist rund um die Uhr besetzt; regulär von 8:00 bis 22:00 Uhr, dann übernimmt ein Nachtportier, der telefonisch erreichbar ist, um zur Not auch nachts weiterhelfen zu können. Für Kurzreisen mit vielen Anlaufhäfen mögen sich hier auch Kinder und Jugendliche wohlfühlen, darüber hinaus sehe ich das Schiff eher für Erwachsene geeignet.
Was man bei Stillstand, also in Hafenlage natürlich nicht erfahren bzw. testen kann, sind Fahrt- und Maschinengeräusche. Es ist nun mal so, daß sich ein Schiff permanent in alle Richtungen bewegt, stets ein Windchen weht und das Wasser häufig gegen die Bordwand bis zu den unteren Bullaugen klatscht. Desweiteren sich bei jedem Schiff – wie bei Zügen und Flugzeugen auch – eigentlich überall an Bord Schraubengeräusche oder zumindest Vibrationen vernehmen lassen. Im Bugbereich kommt hin und wieder auch das Rattern und Rumsen der Ankerketten hinzu.
In der Regel lassen sich die Trennwände zwischen den Kabinen und zu den Gängen hin nicht so optimal isolieren, daß man die Nachbarn nicht irgendwie hört. Das fängt schon bei der WC-Vakuumpumpe an. Da wünscht man sich natürlich rücksichtsvolle Mitreisende, was auch für den klassischen „Poolliegen-Ringkampf“ gilt. Ist die Hamburg weitgehend ausgebucht und es handelt sich um eine Tour in warme Gefilde, dürfte es auf dem Pooldeck tatsächlich eng werden; Rückzugsbereiche gibt es dort so gut wie keine. Leider gibt es auch nur noch wenig Teakholzbeläge an Deck, da fast alle Außenbereiche inzwischen mit rutschfesten Gummimatten ausgelegt sind.
Aufgrund der Wetterlage, Gesundheitsrisiken oder sonstigen geänderten politischen Situationen, etc. können Anlaufhäfen grundsätzlich auch mal ganz ausfallen. Und ja: soll ein Schiff fahren, muß die Maschine arbeiten bzw. ein Schornstein mehr oder weniger sichtbar rauchen (trifft letztlich auch für Hybridschiffe zu), da kann es auch mal zu Dieselgerüchen und gewissen Rußpartikelauswürfen kommen. Noch nutzt die Hamburg bei Liegezeiten keinen Landstrom, was sich nach der geplanten Überholung sicher ändern wird, denn immer mehr Häfen bauen ihre Infrastruktur und Netzwerke aus und machen die Abnahme von sauberen Landstrom zur Bedingung.
Für eine finale Beurteilung müßte ich ab 2027 noch einmal an Bord gehen. Über Geschmack läßt sich ja bekanntlich nicht streiten. Aktuell würde ich im Falle einer längeren Reise sagen: die Mehrzahl der Kabinen und Salons ist mit „sehr ansprechend“ einzustufen, das Essen mit „gut“, der Service mit „sehr gut“. Nach der Renovierung sollte der Gesamteindruck auf jeden Fall noch positiver sein und ein gutes bis sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, wobei Angebot und Kosten der Landausflüge hier nicht thematisiert wurde.

Schiff ahoi
Die Zeit vergeht wie im Flug und während des Mittagessens hatte ich einen Moment lang das Gefühl, daß die Maschinen starten und wir langsam ablegen. Immerhin konnte ich nach Rückkehr der MS Hamburg noch von meinem Wohnzimmerfenster hoch über der Elbe adieu sagen, als sie gegen 18.00 Uhr zu neuen Ufern bzw. in Richtung Britische Inseln aufbrach.
Kurz vor Verlassen des Schiffes traf ich an der Gangway noch auf Danylo und seinen Kollegen. Beide sind aus Odessa (sprich Adjessa), der Ukraine. Auch wenn ich zum Abschied nicht „do pobachennya“, sondern „Do svidaniya“ sagte, stand da unvermittelt wieder ein Strahlen in ihren Gesichtern und nur zu gerne posierten wir für ein gemeinsames Erinnerungsfoto.
P.S. Die Verfasserin hat unter dem Synonym „Jantra Friedrich“ u.a. das Buch „Mittendrin statt nur dabei“ mit amüsanten Reiseanekdoten und vielen Tipps rund um den Globus geschrieben; darunter auch einige Erlebnisse zu Wasser.
