Wo gibt es das schon? Sechs Museen zu sieben Komponist*innen in einem Haus, genauer gesagt, handelt es sich bei dem KomponistenQuartier um ein privates Museumsensemble. Die Protagonisten sind damals wie heute Georg Philipp TelemannCarl Philipp Emanuel BachJohann Adolf HasseFanny und Felix MendelssohnJohannes Brahms und Gustav Mahler. Die eleganten Ausstellungsräume in historisch-rekonstruierten Ambiente in der Hamburger Altstadt zeigen mit Hilfe vieler Schautafeln und moderner Medien Einblicke in deren Leben und Wirken.

Unter anderem stellen die kleinen Museumsabteilungen die Biografien der mit Hamburg verbundenen und für die europäische Musikgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts bedeutsamen Komponisten vor, wollen das historische Musikleben Hamburgs vermitteln und stellen dazu Bezüge zur Stadt- und Zeitgeschichte der Epoche her. Zu den Ausstellungsstücken gehört desweiteren ein Modell einer barocken Opern-Bühne, Musikinstrumente wie ein sog. Tafelklavier, an dem Johannes Brahms unterrichtete. Ferner ein Clavichord, das zu Carl Philipp Emanuel Bach bevorzugten Instrumenten gehörte, sowie ein Spinett von Thomas Hitchcock von 1730.

Seit seiner Eröffnung im März 2015 ist niemand geringeres als der berühmte japanische Dirigent Kent Nagano Schirmherr des Hauses.

Programm Highlights 2026

Im Mittelunkt steht in diesem Jahr Johannes Brahms, dem die Sonderausstellung „BRAHMSreist“ gewidmet ist. Ein weiteres Highlight sind die Museumskonzerte im Rahmen des Internationalen Bachfests Hamburg im Anfang April sowie die Teilnahme an der Langen Nacht der Museen am 18.04.

Als Ergänzung werden das ganze Jahr über von Musikexpert*innen auch  öffentliche Führungen zu unterschiedlichen Themen angeboten.

Die Geschwister Mendelssohn 

Bei meinem Besuch stehen mit Fanny Hensel (geb. Mendelssohn 1805–1847) und Felix Mendelssohn (1809–1847) zwei hochbegabte Geschwister im Mittelpunkt, die die Musik der Romantik maßgeblich mitprägten. Die Führung wird an diesem Tag von Peter Lange, einem Mitglied der Mendelssohn-Gesellschaft geleitet. Zusätzlich organisiert die Fanny und Felix Mendelssohn Gesellschaft auch Konzerte und Vorträge. Neben dem Titel „Auf den Spuren von Familie Mendelsohn in Hamburg“ gibt es auch einen Audio-Rundgang, der nicht nur ihr, sondern auch den Spuren anderer jüdischer Frauen in der Musikgeschichte in Hamburg folgt.

Fanny, die folgsame höhere Tochter

Während der als Wunderkind gefeierte Felix als Komponist und Dirigent u.a. am Gewandhausorchester Karriere machte, wirkte Fanny als Komponistin und Pianistin primär im privaten Rahmen, da ihr eine öffentliche Laufbahn aufgrund gesellschaftlicher Konventionen dieser Zeit verwehrt blieb.

Der Wunsch gerade einmal mehr über Fanny Mendelsohn verehelichte Hensel zu erfahren liegt u.a. daran, als auch ich eine geborene Hensel bin. Allerdings gibt es (leider) keinen Hinweis darauf, daß in irgendeiner Form ein verwandtschaftliches Verhältnis besteht; auch, wenn Großvater Hensel Musik-, Klavier- und Zeichenlehrer war. Direkte Mendelssohn-Nachkommen sollen noch heute in Großbritannien leben und der Musik noch immer verbunden sein.

Sowohl Brahms, als auch die Geschwister Mendelsohn waren in Hamburg geboren waren, Telemann, C.F. Bach sind dort verstorben. Hamburg prägte das Leben von Fanny Mendelssohn (verheiratete Hensel, 1805–1847) in der frühen Kindheit, bevor die Familie aufgrund der napoleonischen Besatzung nach Berlin floh. Sie und ihr Bruder sind in eine wohlhabende, hochgebildete Familie hineingeboren, die ihr eine exzellente Ausbildung ermöglichte und schon früh ihre musikalische Begabung erkannte. Laut Mutter Lea habe das Kind schon bei Geburt Bach’sche Fugenfinger gehabt. Und obwohl als Wunderkind bekannt, wird Fanny doch immer im Schatten ihres jüngeren Bruders Felix stehen. Sie traten gemeinsam als Musiker auf, d.h. beide spielten Klavier, führten kleine Theaterstücke auf und komponierten. Und obwohl Felix seine geliebte Schwester oft um Rat und konstruktive Kritik hinsichtlich seiner Kompositionen bat, war auch er letztlich der Meinung, daß sie besser keine Eigenkompositionen vor Publikum spielen sollte. Sie haderte damit, fügte sich aber bis auf letzte wenige Ausnahmen. Wollte Bruder Felix sie in Vertretung des früh verstorbenen Vaters wirklich nur vor der Kritik der Gesellschaft beschützen?

Im Rahmen der Führungen werden verschiedene Stücke der beiden angespielt, die sich im Stil recht ähneln und ohne Fachkenntnis nicht zuzuordnen sind.

Am 14. Mai 1847 probte Fanny Felix’ Kantate „Die erste Walpurgisnacht“, als sie plötzlich ein Taubheitsgefühl in den Armen verspürte. Kurz darauf erlitt sie einen Schlaganfall und starb im Alter von nur 41 Jahren. Sie komponierte über 200 Lieder, darunter das berühmte „Schwanenlied“ und 100 weitere Stücke sowie die Kantate „Oratorium nach den Bildern der Bibel“. Sie war zeitweilig eng mit Clara Schumann befreundet, die ebenso wie sie aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen zunächst zurückstehen mußte. Als die finanziellen Mittel der Schumann-Familie später jedoch knapp wurden, war sie es, die große Konzertreisen unternahm, bekannt und auch akzeptiert wurde.

Um 1820 lernte Fanny ihren späteren Ehemann Wilhelm Hensel kennen, der u.a. als Maler für die Familie tätig war. 1829 verlobten sie sich und heirateten, nachdem Hensel zum Hofmaler ernannt und im selben Jahr in die Akademie der Künste in Berlin aufgenommen wurde. Er unterstützte und bestärkte seine talentierte Frau in ihrem musikalischen Schaffen, die Meinung von Bruder Felix wog jedoch mehr, als die des Gatten. Ihr einziges Kind Sebastian kommt ein Jahr später 1830 zur Welt. 1839 reiste die Familie (samt Köchin) in das Sehnsuchtsland aller Künstler – nach Italien. Die gemeinsame Reise, während der sie viel komponierte (u.a. den Klavierzyklus „Das Jahr“ und „Reise-Album“ mit Illustrationen ihre Mannes), sollte ein Jahr dauern und führte über Mailand, Florenz und Rom bis nach Neapel.

Sohn Sebastian wurde später Landwirt und Autor. Er ist vor allem für sein Werk „Die Familie Mendelssohn 1729–1847“ bekannt.

Nach Fanny Hensel Mendelssohn ist in Hamburg auch ein Platz benannt; auch ein ICE-Zug der Deutschen Bundesbahn trägt seit vielen Jahren ihren Namen.

Felix, ein erfolgreicher Mann seiner Zeit

Bruder Felix galt seiner vielfältigen intellektuellen Interessen und Begabungen wegen seinerzeit als wahrer Alleskönner und Universalgelehrter. Bereits in jungen Jahren beherrschte er das Klavierspiel vom Blatt sowie Violine und Bratsche. An seinem zwölften Geburtstag wurde sein erstes Singspiel (ähnlich einer Operette) von einem professionellen Orchester und Sängern aufgeführt.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Ouvertüre zu „Ein Sommernachtstraum“ (1826), die Italienische Sinfonie (1833), ein Violinkonzert (1844), zwei Klavierkonzerte (1831, 1837), das Oratorium „Elias“ (1846) sowie mehrere Kammermusikstücke. Eine seiner größten Bewunderinnen soll Königin Victoria gewesen sein, die ihn als „das größte musikalische Genie seit Mozart“ bezeichnete und ihn im Juli 1842 in den Buckingham Palace einlud.

Robert Schumann sagte über ihn: „Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt“.

Allerdings konnte er sich nie dazu aufraffen, eine komplette Oper zu komponieren, was damals der Ritterschlag für einen Komponisten war. Insbesondere Richard Wagner äußerte sich nach anfänglicher Bewunderung und Bitte um Unterstützung (1836/ 1842) häufig abfällig über Felix Mendelssohn, was sich allerdings auf seine jüdische Herkunft bezog. In seinem Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ (1850) unterstellte Wagner Mendelssohn mangelnde Tiefe trotz technischen Könnens; offensichtlich getrieben von Neid auf Mendelssohns Erfolge und einer  zunehmend antisemitischen Grundhaltung. „Hören wir einen Juden sprechen, so verletzt uns unbewußt aller Mangel rein menschlichen Ausdrucks in seiner Rede …“

Und das, obwohl sich die Familie Mendelssohn Bartholdy seit ihrer Übersiedlung von Hamburg nach Berlin 1811 dem aktiven Judentum abgewandt hatte; teils auch die Vornamen (aus Fanny Zippora wurde Fanny Cäcilia) änderte und sich christlich taufen ließ. Fanny und Felix hatten noch zwei Geschwister, nämlich Rebecka und Paul welcher später im Bankgeschäft tätig war.

Auch Felix starb – wie Schwester Fanny – mit 38 Jahren jung und nur wenige Monate nach Fannys Tod an den Folgen mehrerer Schlaganfälle, die möglicherweise aus einer erblichen Disposition herrührten. Ein Denkmal (zwei schwarze Steinblöcke) für die Geschwister steht am Geschwister-Mendelssohn-Stieg/Ludwig-Erhard-Straße.

2027 jährt sich Fanny’s Todestag zum 180.sten mal.  

Die Architektur des Viertels 

Das KomponistenQuartier in der Hamburger Peterstraße ist – im Gegensatz zu den benachbarten Krameramtsstuben aus dem 17. Jahrhundert im Krayenkamp unterhalb von St. Michaelis – kein Originalbau aus der Zeit der zuvor genannten Komponisten. Es handelt sich vielmehr um Gebäuderekonstruktionen im historisierendem Stil (ab 1971 und 2011 bzw. 2018) in der Nähe der ehemaligen Wirkungsorte der Komponisten. Das Geburtshaus von Fanny und Felix stand in der Michaelisstraße 54 (damals 14) und wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein Rundgang durch das kleine Fachwerk-Viertel mit seinen gemütlichen Cafes macht Laune auf Kultur.

 

P.S. Natürlich sind die Museen des Hamburger Komponistenquartiers auch bei der „Langen Nacht der Museen“ mit von der Partie. Am 18. April ist es wieder so weit. Dann laden rund 50 Museen zu später Stunde in ihre Hallen ein und stellen ein riesiges Sonderprogramm auf die Beine.

 

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