Hey Leute, da brannte im Kulturhaus Schulterblatt 73 – gleich neben der Roten Flora im legendären Schanzenviertel – letzten Samstag schon um 18.00 Uhr die Hütte, als „BINGUS BONGUS“ Drag-Darstellerin und Moderatorin Max Nienstedt zur Show lud. Der kleine Raum im 1. OG war picke packe voll und die Stimmung kochte vor Begeisterung des Publikums regelrecht über. Als Gäste waren dieses Mal „ALIAS“ aus Leipzig und „RONNIE MANTA“ dabei, die mit ihren Auftritten hautnah überzeugten. Sei es, als sich die zierliche Vamp-Lady „Alias“ mit geröteten Augen liegend über die Theke schlängelte oder Ronnie mit dem Song „.. das was ich will bist Du“ zum rustikalen Teddybärenliebhaber im Schlafrock mutierte. Die Gastgeberin selbst outete sich u.a. als Marlene Dietrich Fan und präsentierte gekonnt deren Song „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre, ich bin doch zu schade für einen allein …“ und natürlich durften auch ein paar sozio-politische Statements zum Thema „Queer“ nicht fehlen. Aber egal, welche Rollen die Protagonisten verkörpern, was sie alle antreibt, ist die Leidenschaft zur Bühnen-Performance.



Mega Spaß für Akteure und Zuschauer
Geboten wurde eine tolle 2-Stunden-Show inkl. kleiner Pause ganz ohne Schnick, Schnack, Spotlights, Glitzervorhang etc. Dafür aber mit perfektem Makeup und Eintritt gegen Spende zugunsten des Magnus Hirschfeld Zentrums in Hamburg. Besagtes Beratungs-, Kultur- und Jugendzentrum in HH-Winterhude existiert seit 35 Jahren. Es lebt die Vielfalt und wurde so zur Anlaufstelle für die queere Community. Es ist benannt nach Magnus Hirschfeld (1868 bis 1935), einem Arzt und Sexualwissenschaftler, der als Jude und Homosexueller selbst von Unterdrückung und Verfolgung betroffen war.
Die Menschen hinter den Figuren
Für Max Nienstedt (geb. 2004 in Hannover) ist „Bingus Bongus„ kein Künstlername, sondern ein Lebensstil. Seine Kultfigur ist der Aufruf an alle: kommt, feiert die Künstler*innen, euch selbst und die Kunst. Nienstedt ist auf dem besten Wege sein Hobby zum Beruf zu machen. Seit 2023 agiert er als freiberuflicher Travestiekünstler, lebte aber schon zuvor als Abiturient sein kreatives Showtalent aus.
Drag sei ihm zum ersten Mal begegnet, als ihm seine Oma mit acht Jahren die Hamburger Travestie-Ikone Olivia Jones gezeigt habe. Er wußte nicht, ob das bunt schillernde Wesen ein Mann oder eine Frau war und letztlich war es ihm auch egal. Die eigene Kunstfigur „Bingus Bongus“ entstand, nachdem Nienstedt das US-amerikanische Reality-TV-Format „RuPaul’s Drag Race“ für sich entdeckte. In der weltweit beliebten Show sucht die internationale Drag-Ikone RuPaul den nächsten „Drag Superstar“. „Ich dachte mir, das bekomme ich auch hin“, so Nienstedt. Der Traum von extravaganten Looks, atemberaubenden Performances und Auftritten vor großem Publikum war geboren und hölt unvermindert an.
Aber aller Anfang ist schwer. Zunächst habe er nur in seinem Zimmer geprobt und über längere Zeit ein individuelles expressionistisches Makeup entwickelt. Als Bingus Bongus präsentierte sich der extrovertierte Nienstedt erstmals Ende 2022 – man höre und staune, beim alljährlichen Weihnachtsbasar seiner Schule. Nur vier Monate später folgte beim Drag Slam Festival in Frankfurt dann der erste große Auftritt. Visuell bewegt er sich zwischen den Geschlechtern, ahmt aber vorwiegend die stereotypischen Formen der Weiblichkeit nach; wie nervöses Zupfen am Minirock, Fummeln an den Haaren, schmachtendem Blick, erotisch getanzten Gesangsnummern etc.
Wichtig ist ihm/ ihr die Feststellung, daß Drag keine Gefahr für Kinder ist, solche Aussagen einzig aus gesellschaftlichen Vorurteilen resultieren. Er wünscht sich für alle Unterstützung bei der Identitätsfindung, so wie es Mutter und Großmutter – nach einiger Verwirrung – in seinem Fall dankenswerterweise getan haben.

Draginterpretin Alias ist extrem wandelbar und die blonde Hochsteckfrisur steht ihr einfach ausgezeichnet. Sie gibt sich gerne mysteriös oder spöttisch und kommt in ihren Bewegungen mit einem Hauch Burlesque daher. Über sich selbst verrät sie nichts, bleibt geheimnisvoll. Nur so viel: sie liebt das Hamburger Publikum.




Ronnie Manta, ist der Typ properer Countryboy und stammt nach eigenen Angaben aus Bayern. „Ich wußte nur, da muß ich weg.“ Seit gut drei Jahren ist Ronnie Manta als vielseitiger Drag King auf den Bühnen Hamburgs unterwegs, mal maskulin, mal im Glitzerfummel, aber immer mit viel Charme, Spielfreude und Interpretationen altbekannter Lieder.
Apropos bekannte Lieder. Die Show endet stets mit Heidi Kabel bzw. dem gemeinsam intonierten Traditionssong „…. ein jeder aber kann das nicht, man muß aus Hamburg sein“.



Drag Shows und ihr Publikum
An diesem Tag ist das Publikum bunt gemischt, vorwiegend jedoch im Alter von 18 bis 35 Jahren. Der Geräuschpegel vor Beginn der Veranstaltung ist ohrenbetäubend. Es sind überwiegend junge Frauen und Mädchen, mal in Jeans, mal im Schlabberlook, die gebannt ihre Smartphones in Richtung Bühne halten und teils geradezu euphorisch die Darbietungen bejubeln – von zwei unnatürlich aufgebrezelten Selbstdarstellerinnen im billigen „Pipimädchenlook“ mal abgesehen. Eine live Drag-Performance ist eben keine Verkleidungs- oder Juxnummer. Um gekonnt zu unterhalten, muß man sprachlich, choreografisch und bewegungstechnisch schon was draufhaben; geradezu Charme und das gewisse Etwas versprühen, um das Publikum in den Bnn zu ziehen. Nicht zu vergessen, in Perfektion sein eigener Maskenbildner zu sein und permanente Körperpflege zu betreiben.
Die Herkunft des Begriffes Drag Queen ist übrigens umstritten. Die populärste Herleitung für „Drag“ als „dressed as a girl“ stammt aus dem elisabethanischen Theater des 16. Jahrhunderts, bei dem Frauenrollen meist von Männern gespielt wurden. „Drag“ soll aber auch eine Szenenanweisung für das Frauenkostüm gewesen sein, d.h. drag steht auch für Englisch „schleppen“ und bezieht sich auf die oft übertrieben aufwendigen Frauenroben, die Männer als Dragqueens tragen.
Freilich kann man bei solchen Events, wenn man genauer hinsieht, auch persönliche Millieustudien betreiben. Dabei fiel mir zufällig ein Jugendlicher auf, da er direkt vor mir auf dem Boden saß. Er nutzte den Raum im wahrsten Sinne des Wortes zur Verwandlung. Hatte er doch in seinem Rucksack entsprechend stylische Wechselkleidung und ein Schminktäschchen, um sich nun nach seinen Wünschen „herzurichten“. Geschickt und mit Routine nutzte er u.a. die Selfiefunktion seines Smartphones als Spiegel und färbte sich fix mit Haarmascara den kompletten Pony pink.
Ich hoffe, er findet das, was er dauerhaft sucht und sich vom Leben verspricht und wird dabei von seinem Umfeld akzeptiert.
Anmerkung: Fotos PFritz, Titelfoto Einladung von Bingus Bongus
„Kunst und Kante“ Magazin lesen
