Allein die Vorstellung schnürt mir einfach die Kehle zu, dreht mir den Magen auf links. In augenscheinlich vermuteter Kleingartenidylle, dort wo die einen ihr Unkraut zupfen oder Gemüsebeete anlegen, passieren in wenigen Metern Entfernung Gewaltverbrechen an Kindern, deren Ausmaße meine Vorstellungskraft sprengen. Keiner was gesehen, keiner was gehört. Wie geht das überhaupt? Hinter den Türen einer vermeintlich bürgerlichen Gutmenschen-Fassade werden junge Körper sexuell missbraucht, kleine Seelen verstümmelt. Aber das reicht noch nicht. Die Vergehen werden gefilmt und ins Netz gestellt, um Phantasien und Lust mit Sex an Kindern zu befriedigen. Zweifelsohne zutiefst abscheulich. Zwar sucht man sich seine sexuelle Neigung nicht aus, aber ich als Mutter habe mir immer mehr Gedanken darüber gemacht, wie ich meinen Sohn vor einer derart zerstörenden Erfahrung möglicherweise schützen könnte, als Pädophile zu verstehen. Schließlich können die psychischen Folgen bei den Opfern fatal sein und zum lebensbestimmenden Ereignis werden. Dass sie zumindest eine dramatische Zäsur im Lebensverlauf eines Menschen sind, wird niemand bestreiten. Dass es bedauerliche Einzelfälle sind, auch nicht, denn die WHO geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben, d.h. pro Schulklasse 1-2 betroffene Kinder.

Noch nicht schrecklich genug? Ich vermisse den öffentlichen Protest der Eltern, Demos gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie die Verbreitung sogenannter Kinder-/ und Jugendpornografie. Schließlich gehen Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße, um aus gutem Grund gegen Gewalt zu demonstrieren und für das, was wir tun müssten, um die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten. Warum eigentlich nicht für unsere Kinder? Schließlich sind sie unsere Zukunft. Und es sind sie, die Anspruch auf den besonderen Schutz der Eltern haben, denn sie selbst können sich noch nicht schützen. Es sind sie, die auf die Stimme ihrer Eltern angewiesen sind.

Sie kommt mir in diesen besonderen Zeiten ein bisschen zu kurz, die Verantwortung und die Aufmerksamkeit, die wir unseren Kindern schenken müssten.

Spät hat man sich in der Zeit des Shutdowns, der geschlossenen Kitas und Schulen, Gedanken darüber gemacht, wie es wohl zugehen wird, hinter den verschlossenen Türen. Dort wo Eltern und Kinder möglicherweise auf wenigen Quadratmetern 24/7 zusammen verbringen mussten oder immer noch müssen, wo die Ventile fehlen, um den Frust der Enge und des emotionalen Staus abzulassen. Von der häuslichen Gewalt, die sich dort möglicherweise abgespielt hat, wird wenig ans Licht kommen. Keiner was gesehen, keiner was gehört. Vielleicht weil wegschauen einfacher ist, vielleicht, weil man es sich mit der Nachbarschaft nicht verderben will, niemanden anklagen, der vielleicht nur mal die Nerven verloren hat. Als Mutter, die viele Jahre alleine erzogen, gesorgt, beschützt, bekocht, unterhalten, getröstet und behütet hat, weiß ich, dass es Belastungsgrenzen gibt. Bei Krankheit und Schulferien gingen sie oft über mein Limit, aber ich konnte mir Hilfe organisieren und leisten. Corona hat Hilfe von außen unmöglich gemacht und ein Aufgabenspektrum geschaffen, das ich mir gar nicht vorstellen will. Wochenlang Schule und Arbeit aus einer Hand, mit Lehrern denen die Situation ebenso neu war, wie den Eltern, mit Technik die fehlte und weiterhin fehlt und auch Kindern, die sozusagen vom Bildschirm verschwanden. Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, wann Eltern in großen Stil Alarm schlagen, auf die Straße gehen und Politik fordern. Aber sie haben stillgehalten und ertragen, was die Krise von ihnen verlangt hat. Was die Kinder ertragen mussten und was Corona mit Ihnen gemacht hat, wird erst mal ihr Geheimnis bleiben.

 

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